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18.05.2021 |  Peter Füssl

Thomas Strønen / Marthe Lea / Ayumi Tanaka: Bayou

Würde man nur das erste und das achte Stück dieses Albums kennen, hätte man den Eindruck, es mit einer wunderschönen, etwas ausgefalleneren Spielart der „Nordic Music“ zu tun zu haben. Denn das in zwei Varianten realisierte Titelstück „Bayou“ geht auf ein altes Traditional zurück und wird von der jungen Norwegerin Marthe Lea unglaublich stimmungsvoll, voller Melancholie und Wärme, intoniert. Dabei ist sie sich erst durch dieses Stück der außerordentlichen Wirkung ihrer Stimme bewusst geworden. Mittlerweile konnte sie aber schon mehrere Preise für traditionellen, unbegleiteten Sologesang einheimsen, wenngleich ihr bevorzugtes Instrumentarium eigentlich aus diversen Flöten und Saxophonen besteht, sie auf „Bayou“ wiederum aber ausschließlich zur Klarinette greift.

Doch der erste Eindruck von diesem Album täuscht ohnehin, denn die eigentliche Intention dieses Trios ist das freie Improvisieren, das offene Herangehen an klangliche Möglichkeiten und Texturen, das Erforschen kühner Soundstrukturen. Der eigentliche Motor des Ensembles ist der vielbeschäftigte norwegische Schlagzeuger Thomas Strønen, der auf ECM schon gemeinsam mit Iain Ballamy in der elektronik-infizierten Formation Food und mit dem Akustikensemble Time Is a Blind Guide reüssierte. Marthe Lea hat er – ebenso wie die dritte im Bunde, die japanische Pianistin Ayumi Tanaka – als außerordentlicher Professor an der Norwegischen Musikakademie in Oslo kennengelernt, wo die beiden studierten. Gemeinsam durchpflügt man nun das weite musikalische Feld, das sich zwischen den Polen zeitgenössische Kammermusik, Jazz und Volksmusik aufspannen lässt. Ob verhalten tastendes Suchen, ruhiges Mäandern, spannungsgeladenes Triologisieren oder wohldosierte Klangexplosionen, Thomas Strønen nützt sein Instrumentarium wie ein experimentierfreudiger Maler Farben und Pinsel – durchaus verwegen, aber immer geschmackvoll. Ayumi Tanaka absolvierte seit ihrem dritten Lebensjahr eine klassische Musikausbildung, stürzte sich dann während ihres Studiums in Schweden und Norwegen auf Zeitgenössisches und freie Improvisation und schöpft natürlich auch – wenngleich nicht unmittelbar spürbar – aus den musikalischen Erfahrungen ihrer Herkunftskultur. Der auf mehr als siebzig Alben verewigte Thomas Strønen verfügt naturgemäß über einen enormen Erfahrungsvorsprung, Marthe Lea und Ayumi Tanaka haben aber wie so viele Musiker*innen dieser im modernen Medienzeitalter sozialisierten Generation bereits früh einen enormen musikalischen Background intus und verblüffen mit durchwegs inspiriertem Forschergeist und vielfältigen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Namensgebend für die zehn spontan und kollektiv kreierten, vielfältig schimmernden und glitzernden, stets im spontanen Fluss befindlichen musikalischen Stimmungsbilder waren Flüsse, Wasserwege und Seen – das wöchentliche, gemeinsame Experimentieren über zwei Jahre hinweg hat sich jedenfalls gelohnt!

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at / digital: www.universalmusic.at)

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