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08.12.2020 |  Peter Füssl

Rebekka Bakken: Winter Nights

Seit die Osloerin Rebekka Bakken Anfang der 2000-er mit dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel via New York nach Österreich gezogen und somit auf unserer Bildfläche erschienen ist, hat sie eine steile Karriere hingelegt. Ihre ausdrucksstarke, wandlungsfähige Drei-Oktaven-Stimme, deren Spektrum sich über die Jahre hinweg permanent erweitert hat, ihr sicheres Gespür für kitschfreie Schönheit und ihr sympathisches Auftreten sind die Konstanten, während sie stilistisch durchaus die Abwechslung sucht.

So entwickelte sich Bakken aus jazznahen Anfängen konsequent Richtung pop- und folk-infiziertem Singer-Songwriting, befreite sich von jeglichen nordischen Klischees und offenbarte spätestens seit dem Album „Morning Hours“ (2009) eine besondere Vorliebe für Americana, die sie 2014 mit ihrem Tom-Waits-Projekt „Little Drop of Poison“ zu Bigband-Klängen auf eine besonders originelle Weise zelebrierte. Nun erfüllt sich die mittlerweile 50-Jährige mit ihrer neunten Platte, wie sie selber sagt, den lang gehegten und immer wieder verworfenen Wunsch nach einem Weihnachtsalbum. Klug setzt sie auf reduzierte Piano-Gitarre-Bass-Schlagzeug-Arrangements und eine Handvoll skandinavischer Musiker, die großteils auch schon bei ihrem letzten Album „Things You Leave Behind“ dabei waren. Unter den sieben Eigenkompositionen finden sich die leidenschaftliche, mit souligem Backgroundchor verzierte Ballade „Wonder In Your Eyes“, das schräg countryeske „This Year Is Different“ über die schmerzvolle Erfahrung, wenn man Weihnachten erstmals nach dem Verlust eines geliebten Menschen feiern muss, und Songs wie „May The Night Be Gentle“, „Angels Never Sleep“ oder „In The Bleak Midwinter“ mit einem hohen, aber geschickt umkurvten Schmachtfetzen-Potential. Bei den Glocken auf „Mary’s Child“ läuten dann zwar buchstäblich die Kitschalarmglocken, dafür gelingt ihr mit „Last Christmas“ als ultralangsame Piano-Ballade, in der die eigentlich ja traurige Betrugs-Story betont wird, eine echte Überraschung und Rehabilitierung des fälschlicherweise als happy-peppy-Song aufgefassten und längst zu Tode gedudelten Wham!-Klassikers. Auch „Calling All Angels“ der kanadischen Singer-Songwriterin Jane Siberry, das Cineasten vielleicht aus dem Wim Wenders-Film „Bis ans Ende der Welt“ kennen, geht unter die Haut. Mit dem zu Pianoklängen und einer sehnsuchtsvoll wimmernden Steel-Guitar intonierten „Silent Night“ findet das Album, dem genre-bedingt Ecken und Kanten, aber auch Zuckerwatte-Kitsch fehlen und das von einer faszinierenden Stimme getragen wird, ein stimmungsvolles Ende. „Weihnachten birgt so viele Aspekte in sich, es kann Himmel oder Hölle oder beides gleichzeitig sein. Ich mag die Botschaft von Weihnachten, die Botschaft des neugeborenen Bewusstseins. Die Assoziationen, die ich mit Weihnachten verbinde, sind von Schönheit und Freude erfüllt. Doch manchmal muss man diese Zeit auch unter schwierigen Umständen begehen. Weihnachten verstärkt die Intensität dieses Lebens“, so Rebekka Bakken, die damit wohl auch das Thema „Weihnachten zu Corona-Zeiten“ trifft.    

OKeyh/Sony)    

Konzerttipp: Rebekka Bakken gastiert am 12.12. im TAK in Schaan, das ist weltweit ihr einziges Solo-Konzert 2020!

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