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29.03.2018 |  Peter Füssl

Lucy Dacus: Historian

Schon ihr 2016 erschienenes, mit einfachsten Mitteln produziertes Debüt-Album „No Burden“ ließ keinen Zweifel daran, dass mit Lucy Dacus aus Richmond/Virginia ein ganz großes Talent die Indie-Pop-Bühne betreten hatte, mit „Historian“ übertrifft die Songwriterin nun die in sie gesetzten Erwartungen locker. Die zehn bis zu sieben Minuten langen Songs, die sie – wie schon den erfolgreichen Erstling, nun aber für das hippe Indie-Label Matador – gemeinsam mit Collin Pastore und ihrem Gitarristen Jacob Blizard produziert hat, sind sowohl textlich als auch musikalisch durchwegs überzeugende Statements geworden.

Die 22-Jährige fungiert als außergewöhnlich eloquente Chronistin ihrer selbst, denn sie schafft es, obwohl sie natürlich zutiefst in ihre Gefühlswelten verstrickt ist, gleichzeitig immer auch auf alles eine Art kühlen Blick von außen zu werfen. Inhalt und Form korrespondieren dabei perfekt. So wird etwa der Opener „Night Shift“ zur bitterbösen und dennoch lakonischen Abrechnung mit dem enttäuschenden Ex – musikalisch entwickelt sich das von zartem solistischem E-Gitarrengeklimper nach geschicktem Hereinholen der Band zu einer verzerrten Grunge-Attacke, mit der sie den Verhassten endgültig in die Wüste schickt. Liebe, Enttäuschung und Verlust, Trauer und Self-Empowerment sind die dominierenden Themen in Lucy Dacus‘ trotz aller Verletzlichkeit und Unsicherheit immer auch ein gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlenden Texten, die sie mit ihrem ausdrucksstarken, warmen Alt und einem untrüglichen Gespür für wirkungsvolle dynamische und dramatische Entwicklungen interpretiert. Jacob Blizards verzerrte Rockgitarre, die sich in wahren Rückkoppelungsorgien entladen kann, spielt dabei eine bedeutende Rolle in den sonst eher zurückhaltenden Arrangements, die höchstens durch geschmackvolle Bläser oder Streicher aufgefettet werden. In „Pillar of Truth“ verarbeitet Lucy Dacus den Tod ihrer geliebten Großmutter, in „Addictions“ oder „Shells“ reflektiert sie über Beziehungen, die in Oberflächlichkeit, Alltäglichkeiten und Gewohnheiten erstarren, „Nonbeliever“ thematisiert ihre Abwendung von der Kirche und für „Yours and Mine“ ließ sie sich von den Protestmärschen für die Frauenrechte inspirieren – Lucy Dacus ist in vielerlei Hinsicht eine wache und kritische Beobachterin. Wenn sie also „I once had sight, but now I‘m blind“ – ein genialer Seitenhieb auf das längst zur Schmonzette verkommene „Amazing Grace“ – singt, darf man das getrost als nobles Understatement betrachten.     

 (Matador)

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