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04.05.2021 |  Peter Füssl

London Grammar: Californian Soil

Befürchtungen, das sympathische Trio um Sängerin Hannah Reid, Gitarrist Dan Rothman und Dot Major an Drums und Keyboards könnte sich mit seinem für Indie-Verhältnisse zu angepassten und für den blanken Kommerz zu unangepassten Sound unglücklich zwischen den Stühlen platzieren, wurden angesichts drei Millionen verkaufter Tonträger, einer Million verkaufter Tickets sowie einer Milliarde Streams längst pulverisiert. Pünktlich im Vierjahres-Rhythmus meldet sich London Grammar nach dem 2013 erschienenen Debüt „If You Wait“ und dem 2017 veröffentlichten, kommerziell noch erfolgreicheren „Truth Is a Beautiful Thing“ nun mit „Californian Soil“ mit neuem Selbstverständnis und gewohnt makellos angenehmem Sound zurück.

Die drei waren gerade mal 20, als sie sich an der Nottingham University trafen und zum gleichberechtigten Trio formierten. Nun firmiert die ohnehin immer schon zentral im Rampenlicht stehende Hannah Reid offiziell als Bandleaderin und verarbeitet auf „Californian Soil“ in ihren Texten zum einen ihre im Rahmen ausgedehnter Amerika-Tourneen gesammelten, zwiespältigen Eindrücke. Tolle Landschaften im Kontrast zum von Trump endgültig totgeprügelten American Dream. Noch wichtiger sind aber Reids Standortbestimmungen als selbstbewusste Frau in einer nach wie vor männlich dominierten Gesellschaft, die auf einer zweiten Ebene aber auch als Abhandlung der konfliktbeladenen Stellung einer Musikerin innerhalb einer misogynen Musikindustrie gelesen werden können. Und natürlich gibt es auch Abhandlungen zu den üblichen problembeladenen Beziehungskisten. Die intelligenten Texte kommen aber nicht explizit politisch daher, vielmehr ist es Reids zwischen ätherischem Schweben und zupackenderen, souligen Momenten changierende Stimme, die gefangen nimmt. Die starken Melodien sind in den gewohnt geschmackvoll arrangierten Mix aus Indie-Pop, Dream-Pop, Elektronica und tanzbaren Beats („How Does It Feel“) eingebettet. Besonders stark geraten aber die Balladen „All My Love“ und „America“, in denen Hannah Reid zu reduzierter Instrumentierung ihre emotional ansprechende, ausdrucksstarke Stimme ganz besonders zur Geltung bringen kann. Das neue Selbstvertrauen steht der Band, die zwischenzeitlich auch schon vom raschen Ruhm und nervenfressendem Tour-Stress in die Mangel genommen wurde, ganz hervorragend.   

(Universal) 

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