Lia Pale: gone too far
Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier, Thomas Quasthoff, Brigitte Fassbaender, Christa Ludwig, Christoph Prégardien, Ian Bostridge – und unzählige andere legendäre LiedsängerInnen haben es getan, manche auch mehrmals, nämlich Franz Schuberts „Die Winterreise“ auf Platte gebannt. Da musste die 27-jährige in Wien lebende Oberösterreicherin Lia Pale in große Fußstapfen treten, aber das Risiko war kalkulierbar, denn ihre Welt ist nicht die Klassik, sondern der Jazz.
Folgerichtig saßen auch nicht Jörg Demus, Alfred Brendel oder András Schiff am Klavier, sondern einer der originellsten Querdenker der Wiener Jazzszene, „Vienna Art Orchestra“-Mastermind Mathias Rüegg. Er hat sich nach dem bedauernswerten Ende der legendären Großformation wieder auf das Klavierspielen konzentriert und 12 der 24 Lieder des weltberühmten Liedzyklus’ für die junge Sängerin arrangiert, die ihrerseits für die passenden englischen Interpretationen der Wilhelm Müller-Texte sorgte. Oft bleibt bei solchen Jazz meets Klassik (oder umgekehrt)-Pantscherln der eine oder andere Part unrühmlich auf der Strecke, aber hier verbinden sich die Stile zu einer durchwegs gelungenen grenzüberschreitenden Symbiose. Die traumhaft schönen Melodien und Stimmungsbilder werden ohne jeglichen Substanzverlust in die swingende Welt des zeitgenössischen Jazz überführt und gewinnen durch Lia Pales facettenreichen, emotional berührenden Gesang an lässiger Leichtigkeit. Ein wunderbar stimmiges Projekt, das neben Rüegg von Saxophonist Harry Sokal und der rhythm section mit Ingrid Oberkanins und Hans Strasser perfekt getragen wird. Ein beachtliches Debut! (Universal)
Konzerttipp: Lia Pale/Mathias Rüegg & Co präsentieren „gone too far“ am 22. Juni am Dornbirner Spielboden.