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11.04.2019 |  Peter Füssl

Giovanni Guidi: Avec Le Temps

Das Wissen um die Jazztradition, verbunden mit einem unstillbaren Wunsch nach kreativer Weiterentwicklung derselben und ein feines Händchen für lyrisch-melodische Raffinessen, charakterisiert den in der Nähe von Perugia geborenen Pianisten Giovanni Guidi, kein Wunder also, dass ihn der bei weitem nicht nur für den italienischen Jazz bedeutsame Trompeter Enrico Rava bereits als 17-jährigen in seine Band holte. Gemeinsam mit dem vielbeschäftigten amerikanischen Kontrabassisten Thomas Morgan und dem portugiesischen Drummer João Lobo hat Guidi bereits die exzellenten ECM-Alben „City of Broken Dreams“ und „This Is The Day“ vorgelegt, und die bestens aufeinander eingespielten Brüder im Geiste bestreiten nun gemeinsam auch den Opener und das Finale des neuen Albums.

Die Adaption von „Avec Le Temps“ ist natürlich eine melancholisch-sehnsuchtsvolle Verbeugung vor dem großen Poeten, Komponisten und Chansonnier Léo Ferré, und „Tomasz“ ist eine ungemein detailreiche Hommage an den vor einem Jahr verstorbenen polnischen Trompeter Tomasz Stanko – beides sind aber vor allem auch hochkarätige Aushängeschilder für die hohe Kunst des Trio-Spiels. Mit welch kreativem Einfallsreichtum und Fingerspitzengefühl Guidi, Morgan und Lobo da interagieren! Dasselbe gilt aber auch für die restlichen sechs Titel, auf denen der Tenorsaxophonist Francesco Bearzatti und der Gitarrist Roberto Cecchetto – ebenso gute alte Bekannte Guidis – spannende Ideen und ein breites Spektrum an weiteren Klangfarben ins musikalische Geschehen einbringen. Guidi-Kompositionen wie das bluesig-expressive „15th of August“, die intensive Ballade „Caino“, das impressionistische Stimmungsbild „Johnny The Liar“ oder das volksliedhafte „Ti Stimo“ dienen allen Akteuren als perfekte Vehikel, um ihre individuellen Talente ins rechte Rampenlicht zu setzen, erfordern aber auch ein hohes Maß an musikalischer Kommunikationsfähigkeit. Diese ist besonders auch in den beiden Gruppenimprovisationen „Postludium And A Kiss“ und „No Taxi“ gefordert – erstere klingt dank Bearzattis kraftvoll röhrendem Ausbruch wie Duke Ellingtons Herzensbrecher „Prelude To A Kiss“ von Peter Brötzmann gespielt, letzteres erinnert an Ornette Coleman. Zwei äußerst spannungsgeladene Stücke, die in einem ungemein reizvollen Kontrast zu den lyrischen Komponenten des Albums stehen. Der Pianist nennt dieses gewichtige Quintett aus musikalischen Freigeistern wohl nicht zufällig Giovanni Guidi Inferno – wenn so die Hölle klingt, möchten wir da auch hin!

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

 

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