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29.09.2022 |  Peter Füssl

Christian Muthspiel: Diary 1989 – 2022 & Christian Muthspiel Orjazztra Vienna: Homecoming

Mit dem am 20.9.1962 im steirischen Judenburg geborenen Christian Muthspiel feiert dieser Tage ein unglaublich vielseitiger und schillernder, alle musikalischen Grenzen sprengender Musiker, Komponist, Bandleader und Klassik-Dirigent seinen 60. Geburtstag. Dieser wird aber auch für seine vielen Fans und solche, die es noch werden wollen, ein wahrer Grund zum Jubeln, denn gleich zwei neue Doppel-CDs mit knapp vier Stunden Spieldauer ermöglichen tiefe und oftmals verblüffende Einblicke in das unglaublich vielschichtige und bunte musikalische Universum des Jubilars.

Je nachdem, ob Neuling oder Kenner, eignet sich „Diary 1989 - 2022 Selected Recordings“ als ideale Einstiegsdroge oder als wunderbares Vehikel, um in Erinnerungen schwelgen zu können. Denn Muthspiel hat für diese umfangreiche Compilation 32 Stück aus 33 Jahren zusammengetragen, die seine wichtigsten musikalischen Stationen dokumentieren. Dankenswerterweise nicht musikhistorisch-chronologisch angeordnet, sondern einer lustvollen, mit Gegensätzen und Ähnlichkeiten spielenden Dramaturgie folgend, die gleichermaßen spannende wie kurzweilige Unterhaltung garantiert. Das reicht von frühesten Aufnahmen mit seinem langlebigsten Duo, jenem mit seinem gitarrespielenden Bruder Wolfgang, bis zu einer ganz aktuellen mit seinem jüngsten Projekt, dem Orjazztra Vienna. Als völlig zeitlos erweist sich seine tiefschürfende und äußerst fruchtbare Beschäftigung mit der Renaissance-Musik in John Dowland-Projekten im Quartett mit Bassist Steve Swallow, Trompeter Michel Matthieu und Vibraphonist Frank Tortiller beziehungsweise im Trio mit Tortiller und Georg Breinschmid am Kontrabass. Mit Letzteren frönt er aber auch seiner bekannten Leidenschaft für weit witzigere musikalische Vorbilder, deren hintergründigen Humor er teilt, nämlich Harry Pepl und Werner Pirchner. Nicht weniger hintersinnig und unterhaltsam im besten Sinne agierte Muthspiel mit seiner Yodel Group, in der er gemeinsam mit Tortiller, Michel, dem Saxophonisten und Bassklarinettisten Gerald Preinfalk und den beiden US-Amerikanern Jerome Harris am E-Bass und Bobby Previte an den Drums die auf den ersten Blick so unterschiedlich wirkenden Welt des Jazz mit jener der Naturtöne, Jodler und Volksmusik erfolgreich unter einen Hut brachte. Christian Muthspiel reüssierte mit großen Ensembles, etwa dem Octet Ost, in dem sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Topleute aus den ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten – etwa der polnische Trompeter Tomasz Stańko oder die Vokalistin Sainkho Namtchylak aus Tuwa – zusammenfanden, oder der zehnköpfigen Band Motley Mothertongue, in der er auf unorthodoxe Weise seine Vorlieben für Jazz und Klassik zusammenbrachte. Nicht weniger Erfolg hatte Muthspiel aber auch mit ganz schmalen Formationen, etwa seinem Duo mit dem genialen Steve Swallow am Kontrabass oder jenem mit dem Posaunisten Roland Dahinden. So unterschiedlich sie auch waren, bei all diesen Produktionen gab es keinerlei Schwachpunkte, der Schreiber dieser Zeilen genießt das Privileg, sie mit einer Ausnahme auch alle live miterlebt zu haben und von deren Bühnentauglichkeit begeistert gewesen zu sein. Besonders eindrücklich in Erinnerung bleibt aber auch Christian Muthspiels Solo-Projekt „für und mit ernst“, bei dem er zu Ernst Jandls Stimme dessen experimentelle Lautgedichte, politische Lyrik und ironische Sprachspiele mit Posaune, Piano, Spielzeuginstrumenten, Stimme und ausgefeilter Elektronik unglaublich wirkungsvoll musikalisch in Szene setzte. Spielwitz und ernsthaftes Musizieren bilden bei Christian Muthspiel kein Gegensatzpaar, ebenso wenig wie Qualität und Unterhaltung oder Tradition und Experimentierlust. So ist man auch nach zweieinhalb Stunden versucht, sofort wieder auf die Repeat-Taste zu drücken.

Zu seinem 60. Geburtstag beschränkt sich Christian Muthspiel aber keineswegs auf ein nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen, so sehr seine vielen exzellenten Bandprojekte auch dazu einladen würden. Vielmehr eröffnet er mit dem gleichzeitig erscheinenden Doppel-Album „Homecoming“ seines 18-köpfigen Orjazztra Vienna gleich auch einen Einblick in seinen aktuellen Schaffensschwerpunkt als Komponist, Bandleader und Dirigent, dem zuliebe er sogar seine eigene Karriere als Instrumentalist beendet hat. Bekanntlich spielte Muthspiel zehn Jahre lang im leider längst verblichenen Vienna Art Orchestra und verfügt somit schon über jede Menge Erfahrungen mit einem großen Klangkörper, dessen Konzepte und Ansprüche weit über jene einer üblichen Jazz Big-Band hinausgehen. Zwei Bläsersätze mit jeweils sechs Holzbläsern und sechs Blechbläsern, Piano und jeweils doppelt besetztem Bass und Schlagzeug – allein schon diese außergewöhliche Zusammenstellung ließe aufhorchen. Viel mehr tun dies aber noch die zwölf neuen Kompositionen, die an drei Tagen im März 2021 im Wiener Porgy & Bess zwar live, Corona-bedingt aber ohne Publikum eingespielt wurden. Komplexe, aber niemals strapaziös wirkende Arrangements, subtile klangliche Feinarbeit in reizvollem Kontrast zu kraftvoll-expressiven Ausbrüchen, lockeres Flanieren jenseits aller stilistischen Beschränkungen durch die Jazz-Historie und in die Neue Musik, liebevolles Ausarbeiten von Gegensätzlichkeiten und effektvolles Sich-aneinander-Reiben, Schönheit und Spannungsgeladenheit – Christian Muthspiel schöpft aus dem vollen Fundus seines reichhaltigen Könnens und lässt seine engagiert musizierende, kreative Truppe buchstäblich „alle Stückerln“ spielen. Er hat den Bandmitgliedern, die großteils eine Generation jünger sind als er, Maßgeschneidertes auf den Leib geschrieben und er lässt jeden und jede – sieben Frauen sind mit an Bord – auch solistische Glanzlichter setzen. Mit der lobenden Erwähnung der Solist:innen erledigt sich somit automatisch auch schon die Nennung der Besetzung: An diversen Saxophonen und Klarinetten brillieren Lisa Hofmaninger, Fabian Rucker, Astrid Wiesinger, Robert Unterköfler, Ilse Riedler und Florian Bauer. An Trompeten und Flügelhorn glänzen Gerhard Ornig, Lorenz Raab und Dominik Fuss, ebenso wie Alois Eberl, Daniel Holzleitner und Christina Lachberger an den Posaunen. Judith Ferstl am Kontrabass, Beate Wiesinger am E-Bass sowie Judith Schwarz und Marton Juhaz an den Drums eröffnen als doppelte Rhythmusgruppe natürlich ganz spezielle rhythmische und klangliche Möglichkeiten, und auch Pianist Philipp Nykrin überzeugt durch Wendigkeit und Einfallsreichtum. Mit dem Stücktitel „Old Wine In New Skins“ – gemeint ist der Blues, der sich in neuen Kompositionsformen wunderbar weiterentwickelt – lässt sich trefflich auch das gesamte Orjazztra Vienna charakterisieren. Bleibt nur zu hoffen, dass es in diesen für Großformationen wirtschaftlich ganz besonders schwierigen Zeiten überlebensfähig ist.   

(Emarcy/Universal)

Konzert-Tipps: Christian Muthspiel & Orjazztra Vienna gastieren mit dem neuen Programm „La Melodia della Strada“ unter anderem im Porgy & Bess in Wien (19/20.10.), beim Konstanzer Jazzherbst (29.10.) und im Innsbrucker Treibhaus (30.10.).

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