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14.12.2010 |  Peter Füssl

Charles Lloyd Quartet: Mirror

Man müsste dem leider längst verstorbenen französischen Pianisten Michel Petrucciani eigentlich noch posthum eine Medaille dafür verleihen, dass es ihm in den 80er Jahren gelang, den Weltklassesaxophonisten Charles Lloyd, der sich völlig von der Jazzszene zurückgezogen hatte und als Lehrer für Transzendentale Meditation arbeitete, zurück auf die Bühne zu bringen.

Natürlich ist der musikalische Output des heute 72-jährigen Lloyd ein anderer als jener seines legendären Quartetts mit Keith Jarrett, Cecil McBee und Jack DeJohnette, mit dem er zwischen 1965 und 1969 eine einzigartige Mixtur aus Post-Bop, Free-Jazz und Worldmusic kreierte. Aber letztlich spürt man, dass all die reichhaltigen musikalischen Erfahrungen Charles Lloyds, der als 12-Jähriger bereits als Sideman von B.B. King und Howlin' Wolf auf der Bühne stand, musikalischer Leiter der Chico Hamilton Band wurde und in den 70ern auch Alben von Canned Heat, den Doors und den Beach Boys veredelte, irgendwie in den Sound einfließt. Das Alterswerk von  Charles Lloyd hat einen eindeutig "klassischen" Touch, da gibt es nur noch wenige Experimente, so gut wie nichts Verstörendes. Vorherrschend ist ein perfekter, wunderschön inszenierter Gruppenklang, der von einem inspiriert und dominiert wird, der auf seinem Saxophon wirklich alle Sprachen sprechen, alle Emotionen spürbar machen kann. Charles Lloyd bezeichnet "Mirror" als Spiegel seiner Seele und hat zwölf seiner Lieblingsstücke dafür ausgesucht, von denen er die Hälfte auch schon mit anderen Formationen und sehr unterschiedlich interpretiert eingespielt hat. Da gibt es neben den Eigenkompositionen auch Monk-Klassiker, alte Spirituals oder einen Brian Wilson-Song. Jason Moran am Piano, Reuben Rogers am Kontrabass und Eric Harland am Schlagzeug überzeugen mit einer stets stimmigen, äußerst wachen und einfühlsamen musikalischen Interaktion, erhalten vom Bandleader aber auch viel Raum und bedanken sich mit durchaus hörenswerten Soli. "Mirror" fügt sich mühelos in die beachtliche Reihe erstklassiger Quartett-Einspielungen Charles Lloyds - und das mag etwas heißen.
(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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