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27.01.2022 |  Peter Füssl

Cat Power: Covers

Zu ihrem 50. Geburtstag schenkt uns Chan Marshall, besser bekannt als Cat Power, ihr drittes Album mit Covers nach „The Covers Record“ (2000) und „Jukebox“ (2018). Es ist ja nicht so, dass sich in den restlichen acht bislang erschienenen Alben nicht genügend brauchbares Eigenmaterial der Musikerin und Songwriterin angesammelt hätte, allein die letzten beiden „Sun“ und „Wanderer“ enthielten schon genug Exzellentes. Aber wenn Cat Power etwas covert, dann hat das viel mehr mit Dekonstruktion, Reduktion auf das Wesentliche, Umdeuten, Sich-nutzbar-Machen und Einverleiben von bereits Vorgefundenem zu tun, als mit dem Wunsch, einen Lieblingssong in ein hübsches Gewand zu kleiden und mit ein bisschen Neuinterpretation aufzuladen.

Solch eine für eingefleischte Fans der Originalversionen nicht immer schmerzfreie Cat Power-Spezialbehandlung widerfuhren unter anderem bereits Songs der Rolling Stones, Dylans, von Hank Williams oder Joni Mitchell. Auf „Covers“ verpasst sie nun mit Hilfe der Gitarristin Adeline Jasso, Drummerin Alianna Kalaba, Erik Papparazzi an Keyboards, Bass und Gitarre sowie Matt Pynn an der Pedal Steel Guitar einem Dutzend zumeist nicht sehr bekannter Songs maßgeschneiderte, von jeglichen Verzierungen oder gar Überfrachtungen entschlackte Arrangements. Frank Oceans „Bad Religion“ kommt nicht nur die stimmliche Leuchtkraft des Erfinders, sondern auch Streicher und Orgel abhanden, Nick Caves „I Had a Dream Joe“ verliert den Großteil des Textes und wird im Wesentlichen auf die Wiederholung des Refrains reduziert, „A Pair of Brown Eyes“ von The Pogues interpretiert Cat Power mit elektronisch vervielfachter Stimme zum einsamen, minimalistisch gespielten Harmonium. Iggy Pops „Endless Sea“ wirkt ohne eingeblendetes Meeresrauschen und verlangsamt noch cooler als das Original, und „These Days“ orientiert sich nicht an Jackson Brownes Originalfassung, sondern an der Neuinterpretation von Nico, die nun noch schleppender daherkommt und mit flirrenden Tönen unterlegt wird. Beim in unzähligen Versionen aufgenommenen, aber von Billie Holiday besonders unter die Haut gehend gesungenen „I’ll Be Seeing You“ – ein Klassiker, wenn es um die Trauer wegen des Verlusts eines liebgewonnenen Menschen geht – kommt Cat Powers rauchige, warme, emotional aufgeladene Stimme zu einfachsten Gitarren- und Pianoklängen am eindrucksvollsten zur Geltung. Vielleicht, weil sie es zuletzt auf der Beerdigung eines guten Freundes singen musste. Auch mit „Here Comes a Regular“ von The Replacements muss die ehemals gegen ihre Alkoholsucht kämpfende Cat Power leidvoll Autobiographisches verbinden. „White Mustang“ ist eine warmherzige Verbeugung vor ihrer Freundin Lana Del Rey, das unglaublich lässig gesungene, von jeglichem Country-Kitsch entschlackte „It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels“ ist eine vor Kitty Wells, die 1952 als erste Frau die Spitze der Billboard Country Charts erreichte. All diese Songs handeln nicht von den Sonnenseiten des Lebens und passen somit ausgezeichnet zum eigenen Oeuvre der vom Schicksal vielfach gebeutelten, in Indie-Pop- und Alternative Country-Gefilden hochgeschätzten Chan Marshall. Dennoch dominieren dieses Album Kraft und Coolness – und zumindest wird die Möglichkeit offengelassen, dass vielleicht doch gleich einmal die Sonne hinter den Wolken auftauchen könnte. So verwundert es auch nicht, dass Cat Power ihr Stück „Hate“ vom 2006-er Album „The Greatest“ angesichts ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohnes in „Unhate“ umgeschrieben hat.       

(Domino)

Konzerttipp: Cat Power spielt am 22.6. im Kaufleuten in Zürich.

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