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06.07.2021 |  Peter Füssl

Black Midi: Cavalcade

Es war die unerwartete, brachiale Wucht in Kombination mit komplexem Können, das die aus vier knapp 20-Jährigen bestehenden Black Midi 2019 mit ihrem Debütalbum „Schlangenheim“ gleich in Richtung Kult-Status katapultierte. Der Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin hat sich zwischenzeitlich mit mentalen Problemen verabschiedet, was für den kreativen Wahn des verbleibenden Trios mit Gitarrist/Sänger Geordie Greep, Bassist/Sänger Cameron Picton und Drummer Morgan Simpson freilich keinerlei Abbruch bedeutet. Vielmehr geht die explosive, vielfach nervenaufreibende, aber stets beeindruckende Mischung aus Prog-Rock, High-Speed-Fusion-Jazz, Punk und Noise auf dem zweiten Album „Cavalcade“ wieder voll ab, neu ist aber, dass auch manche akustische Ruheinsel (etwa „Diamond Stuff“) eingerichtet wurde.

. Frank Zappa, King Crimson oder das Mahavishnu Orchestra werden eher verlegenheitsmäßig als Referenzgrößen herangezogen, tatsächlich entzieht sich die aus dem kreativen Bermuda-Dreieck um das „Windmill Pub“ im Südlondoner Stadtteil Brixton stammende Band aber jeglichen Schubladisierungsversuchen. Textlich handelt „Cavalcade“ von einem Sammelsurium aus mittelalterlichen Pseudohelden, abgehalfterten Supermännern, Freaks und alternden Diven, die sich auf einen absurden Reiterumzug begeben, allerdings alles so vage, dass der Phantasie der Hörer*innen jede Menge an Interpretationsmöglichkeiten offenbleiben. Aber es ist ohnehin die Musik, die einen zuvorderst in den Bann zieht mit ihren aberwitzigen Tempi, extravaganten Harmoniesprüngen, Breaks, maschinengewehrsalven-artigen Stakkati, durch Bläser und Streicher, aufgefetteten, exotischen Soundkonstellationen und permanenten Richtungswechseln. Paradebeispiele dafür sind „John L“, „Hogwash and Balderdash“ oder das verwirrend betitelte „Slow“. Greeps rhythmisierter Sprechgesang erinnert ebenso an die exquisiten Altersalben von Scott Walker wie seine Fast-schon-Crooner-Qualitäten in langsamen Stücken wie „Marlene Dietrich“. Besonders Eindrucksvolles dazu liefert er beim finalen Mini-Drama „Ascending Forth“, das sich über beinahe zehn Minuten hinweg von simplem Gitarrenklimpern zu sich immer stärker aufbauenden Art-Rock-Exzessen mit röhrendem Sax von Kaidi Akinnibi und eskalierenden Streichern steigert, um nach einem ruhigen Zwischenspiel schließlich mit einem großorchestral wirkenden Ende zu überraschen. Ja, Black Midi haben ihren musikalischen Radius ins – für ihre Verhältnisse – „Beschauliche“ erweitert, aber ohne an unkonventioneller Sprengkraft und atemberaubender Dringlichkeit zu verlieren.

(Rough Trade)

Konzert-Tipp: Allen Presseberichten nach zu urteilen, übertreffen Black Midi ihre atemberaubenden Studio-Qualitäten bei Live-Auftritten noch bei weitem. Am 15.12. sind sie im Mascotte in Zürich zu hören.

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