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03.09.2020 |  Peter Füssl

Bill Frisell: Valentine

Seinem Ruf, eine der schillerndsten Figuren im Spannungsfeld von Jazz und Americana, Filmmusik und Zeitgenössischem, Tradition und Avantgarde zu sein, wird der 69-jährige Bill Frisell auch mit seinem neuen Album locker gerecht. Dieses Renommee hat er sich in rund 40 Jahren auf mehr als 40 exzellenten Alben, die unter seinem Namen mit den unterschiedlichsten Formationen veröffentlicht wurden, redlich erspielt. Darunter befinden sich auch Trios mit Ron Carter/Paul Motian, Dave Holland/Elvin Jones oder Kermit Driscoll/Joey Baron, das aktuelle Dreiergespann mit Kontrabassist Thomas Morgan und Drummer Rudy Royston braucht sich aber hinter diesen prominenten Namen keineswegs zu verstecken.

Vielmehr merkt man sofort, dass hier drei großartige Könner am Werk sind, die schon viel Zeit miteinander auf der Bühne verbracht haben und somit gleichzeitig höchst konzentriert und spielerisch leicht miteinander zu kommunizieren vermögen. Die 13 Titel wurden letztes Jahr gleich im Anschluss an eine ausgiebige US- und Europa-Tournee und ein zweiwöchiges Engagement im Village Vanguard aufgenommen, was wohl zum angenehmen Livecharakter der Studioaufnahmen geführt hat. Ein Großteil der Titel findet sich auch auf anderen Alben des Gitarristen, aber direkte Vergleiche der Aufnahmen demonstrieren eindrucksvoll, dass es sich nicht um billiges Recycling handelt, sondern wie unterschiedlich und unglaublich kreativ Frisell mit unterschiedlichen Formationen an dasselbe Material herangeht. Er steuert sieben Eigenkompositionen bei – darunter bereits Bekanntes wie das wunderschön verträumte „Winter Always Turns to Spring“, oder eine flottere Version des vor mehr als 20 Jahren auf dem Album „Nashville“ erschienenen „Keep Your Eyes Open“. Das auf Monk verweisende, bluesig schräge Titelstück „Valentine“ demonstriert eindrucksvoll, wie unterhaltsam er Komplexes klingen lassen kann. Dasselbe gilt für „Levees“ mit seiner bluesgeschwängerten Atmosphäre, oder das folkige „Where Do We Go?“. Bill Frisell bringt sein farbenreiches, dezent verhalltes Soundspektrum und seinen unverkennbaren, effektvollen Ton wunderbar zur Geltung und begibt sich in spannende Triologe mit dem auf dem Bass geniale Kontrapunkte setzenden Thomas Morgan und dem höchst sensibel agierenden Rudy Royston, der gleichermaßen dezent wie wirkungsvoll Akzente setzt. Das Musizieren scheint durchwegs angenehm entspannt, die weitgehend lyrische Grundstimmung kann aber ganz schön spannungsgeladen wirken – etwa beim vom malischen Singer-Songwriter Boubacar Traore geliehen Opener „Baba Drame“. Burt Bacharachs viel interpretierter Evergreen „What The World Needs Now Is Love” und Billy Strayhorns Standard “A Flower Is A Lovesome Thing” erfahren respektvoll-kreative Reinterpretationen, und eine stimmungsvolle Version des vom Gospelsong zur Bürgerrechts-Hymne avancierten „We Shall Overcome” steht – wie so oft bei Frisells Live-Konzerten  – auch am Ende dieses exquisiten Albums. Wen es denn gerade zu überwinden gilt, kann man sich angesichts der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen ja leicht ausmalen.  

(Blue Note/Universal)

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