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22.10.2020 |  Peter Füssl

Anja Lechner / François Couturier: Lontano

Am erstaunlichsten an diesem Album ist wohl die Tatsache, dass wir es hier mit komplett improvisierter Musik zu tun haben, aus dem Hier und Jetzt geboren, aus dem unglaublich umfangreichen Erfahrungsschatz zweier außergewöhnlicher Musikerleben herausdestilliert. Die deutsche Cellistin Anja Lechner schöpft unter anderem aus Erfahrungen mit dem Rosamunde Quartett, mit Vassilis Tsabropoulos oder Dino Saluzzi, die musikalischen Wege des französischen Pianisten François Couturier kreuzten sich unter anderem mit John McLaughlin, Michel Portal, Anouar Brahem oder Dominique Pifarély. Direkte Berührungspunkte, aus denen sich längst eine einzigartige, gemeinsame musikalische Sprache entwickelt hat, fanden Lechner und Couturier ab 2006 gemeinsam mit dem Saxophonisten Jean-Marc Larché und dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier im außergewöhnlichen Tarkovsky Quartett.

Bereits 2014 legte das Duo mit „Moderato Cantabile“ und Kompositionen von Gurdjieff, Mompou und Vardapet sein Debütalbum vor, mittlerweile bewegt man sich längst auf einer Ebene musikalischer Kommunikation, auf der Kompositionen zum Spielmaterial werden, an das man sich mal mehr, mal weniger hält – momentanen Eingebungen folgend, kreative Anreize des Partners fortspinnend, konterkarierend, widerspiegelnd, dem musikalischen Fluss folgend. Zumeist sind die Grenzen zwischen Komponiertem und Improvisation – von sehr Widerspenstigem, spontan Entstandenem wie „Solar I“ und „Solar II“ oder das sich auf eine Arie von J.S. Bach beziehende „Memory of a Melody“ einmal abgesehen – nicht mehr auszumachen. Acht der teilweise kurzen Stücke stammen aus gemeinsamer Feder und decken sehr subtil und einfallsreich die ganze Bandbreite an tiefgehenden Emotionen ab. Virtuos gespielt, stets mit Blick auf die gemeinsame Sache. Sehr stimmig fügen sich auch vier Fremdkompositionen in das Konvolut ein: Giya Kanchelis  zartschmelzende, nachdenkliche „Miniature 27“, Anouar Brahems sehnsuchtsvoll verzauberndes, von einer wunderschönen Melodie getragenes „Vague – E la nave va“,  die von Mercedes Sosa populär gemachte Hommage an die durch Suizid aus dem Leben geschiedene Avantgarde-Schriftstellerin Alfonsina Storni „Alfonsina y el mar“ des Argentiniers Ariel Ramírez und schließlich „Prélude en berceuse“ von Henri Dutilleux. „Mit François bin ich schon oft auf Reisen zu fremden Melodien gewesen – das geht nur mit gegenseitigem Vertrauen, Mut und Fantasie“, schwärmt Anja Lechner. Danke fürs Mitnehmen auf diese Reise!

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at / digital: www.universalmusic.at)

Konzert-Tipp: Am 21.11. ist das Duo in der Allerheiligen Hofkirche in München zu hören.

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