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05.11.2019 |  Peter Füssl

Angel Olsen: All Mirrors

Ein elfköpfiges Streichorchester, Synthesizer, Gitarre, Bass, Drums – bei ihrem vierten Album „All Mirrors“ entfernt sich die aus Missouri stammende und in North Carolina lebende Singersongwriterin deutlich von ihren Lo-Fi-Folk- und Indie-Rock/Pop-Ursprüngen und setzt auf Opulenz, auf ganz großes Drama. Dabei hatte sie zuerst überlegt, die neuen Songs auch in ihrer ursprünglichen, mit einfachsten Mitteln sehr reduziert aufgenommenen Form zu veröffentlichen. Aber sie haben im ungewohnten Gewand, das ihnen maßgeblich Orchesterleiter Jherek Bischoff und Produzent John Congleton verpassten, eine Wucht entfaltet, der sich Angel Olsen nicht entziehen konnte.

Hinter den mit großem Aufwand kreierten, zwischen 80-er Jahre Revival und Filmmusik angelegten, aufregenden Soundscapes scheint Olsens Stimme manchmal fast verloren zu gehen. Sie entwickelt dann aber doch genügend Durchschlagskraft, um ihren üblichen Themen Selbstzweifel, Entfremdung, Verlorenheit, Beziehungsschwierigkeiten und der Sehnsucht nach Überwindung all dieser Probleme mit großer Emotionalität Ausdruck zu verleihen. Mutig schlüpft sie dafür in unterschiedliche Rollen und probiert sich aus – wirkt mal angriffig, mal verletzlich, klagend und anklagend, verliert sich traurig in gehauchten Tönen und scheut nicht, auch mal am Kitschigen anzustreifen. Besonders spannend wird es naturgemäß, wenn ausgesprochen Zerbrechliches und fast schon schwülstig Aufgebrezeltes in enormer Intensität aufeinandertreffen. Die düsteren Inhalte taugen natürlich bestens für solche emotionale Achterbahnfahrten. Und ganz zum Schluss gibt’s dann mit „Chance“ eine wunderschöne, zartschmelzende, geigenumrankte Crooner-Ballade zu zartem Pianogeklimper – über die Unmöglichkeit ewiger Liebe. Das lässt sich gut nachvollziehen, denn dem Ex-Lover wirft sie verächtlich ein „You just wanted to forget that your heart was full of shit” nach. Ein Blick in den Spiegel fällt allerdings auch nicht optimistischer aus: „And all those people I thought knew me well / After all that time they couldn’t tell / How I lost my soul was just a shell / There was nothing left that I could lose.” In der Tat ist von den Texten her weniger Licht am Horizont, als die Musik manchmal vorgibt. Die mittlerweile 32-jährige Angel Olsen hat sich bislang mit jedem ihrer durchwegs bemerkenswerten Alben neu erfunden, mit „All Mirrors“ hat sie musikalisch aber den bisher größten Sprung gewagt – faszinierend und gleichzeitig die Frage aufwerfend, was da noch kommen mag. (Jagjaguwar)   

Konzert-Tipp: Angel Olsen ist am 29.1.20 in den Münchner Kammerspielen zu Gast.

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