Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Peter Füssl · 06. Feb 2024 · CD-Tipp

Büşra Kayıkçı: Places

Manchmal ist es der optische Eindruck, der einen Musik-Fan zu einer interessanten Neuentdeckung führt. Kopftuch und lange wallende Gewänder garantieren der 1990 geborenen Büşra Kayıkçı aus Istanbul als Kontrastprogramm zum oftmals grellbunt und leichtbetucht ausgeleuchteten Musikbusiness jedenfalls schon einmal Aufmerksamkeit, ehe man den ersten Ton von ihr gehört hat.

Man kann ihr Outfit als politisches Statement zum postmodernen Staatsstreich des türkischen Militärs gegen die islamistische Regierung im Jahr 1997 verstehen, als unter anderem Kopftuchträgerinnen wegen öffentlichen Zurschaustellens ihrer Religiosität vom Studium an den Universitäten ausgeschlossen wurden. Die aus einer konservativen Familie stammende Kayıkçı begann schon mit neun Jahren Klavier zu spielen, sich in klassischem Ballett und Modern Dance auszubilden und professionelle Malkurse zu belegen, studierte dann aber erst einmal als „anständigen Brotberuf“ Innenarchitektur und Umwelt-Design, ehe sie – von den Abschottungserfahrungen zu Corona-Zeiten befeuert – schließlich doch ihren künstlerischen Neigungen nachgab. Schon 2019, also noch knapp vor der Pandemie, begann sie am Piano zu komponieren, als Einflüsse nennt sie moderne Klassiker wie John Cage, Philip Glass und Michael Nyman oder den deutschen Neo-Klassiker Nils Frahm. Ein Jahr später veröffentlichte Kayıkçı im Eigenverlag eine Single und das erste Album „Eskizler“, das sich, wie der Name schon andeutet, aus skizzenartigen Pianostücken zusammensetzte. Fünf davon rekomponierte und veröffentlichte sie 2023 als digitale EP „Eskizler/Sketches revisited“ beim renommierten Label Warner Classics, wo sie mittlerweile als erste türkische Komponistin überhaupt gelandet ist. Die zwölf neuen Kompositionen des Albums „Places“ dürften nun all jene Musikinteressierten ansprechen, die sich beispielsweise auch für Frahm, Ólafur Arnalds oder Ludovico Einaudi begeistern können. Die zwischen zweieinhalb und fünfeinhalb Minuten langen Solo-Piano-Stücke schwelgen in schönster minimalistischer Neo-Klassik, in die auf zumeist dezente Weise kleine, durch Manipulationen am Instrument kreierte Soundexperimente oder elektronische Effekte integriert sind. Man wird an emotional ansprechende, manchmal wie aus der Zeit gefallen erscheinende Sehnsuchtsorte geführt, die die stets am Klavier komponierende Kayıkçı während der Lockdowns imaginierte und in Töne fasste. Kayıkçı ist künstlerisch vielfältig unterwegs, hat schon erfolgreich für das New York Theatre Ballet komponiert, malt derzeit vorwiegend Kinderbuchillustrationen und bringt in ihrer künstlerischen Herangehensweise ans Komponieren auch Musik und Architektur zusammen: „In gewisser Weise entwerfe ich als Komponistin einen Ort, an dem das Publikum umhergeht und sich in seiner Architektur bewegt. Ich glaube, dass wir, wenn wir ein Lied hören, von Raum zu Raum und von einer Zeit in die andere Zeit reisen. Wenn uns eine Melodie tief bewegt, lässt sie einen Ort für Geist und Seele entstehen. Nicht nur Architekten oder Ingenieure können ein Gebäude errichten. Mit ihren musikalischen Mitteln schaffen Komponisten eine Atmosphäre, die die Zuhörer in Städte, Gärten und Landschaften entführen kann.“ Um einen Raum harmonisch zu gestalten, müsse man als Designerin Farben, Formen und Materialien auswählen und miteinander entsprechend kombinieren, so Kayıkçı. Auf ähnliche Weise gehe sie beim Komponieren vor, definiere Harmonien, Melodien, Themen, Motive, Formen und Klangmaterialien, um sie als eine Art modulare Versatzstücke miteinander zu kombinieren, gegeneinander abzuwägen und in Balance zu bringen. Das mag vielleicht etwas kompliziert klingen, der musikalische Output geht aber leicht ins Ohr, denn Büşra Kayıkçıs Sehnsuchtsorte dürften letztlich in unser aller musikalischer DNA eingeschrieben sein. Zumindest in jener der geneigten Zuhörerschaft.

(Warner Classics)

Konzert-Tipp: 17.2. Spielboden Dornbirn