„Antigone" in einer Bearbeitung von Michael Köhlmeier derzeit im Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.(Foto: Jan Friese)
Florian Gucher · 07. Feb 2024 · Literatur

Laura Nußbaumer: „Riesendisteln beißen nicht“

Von Femme-Wasserrutschen und stechenden Disteln

„Riesendisteln beißen nicht“ ist einer der ersten deutschsprachigen Romane, der das Thema der Asexualität spezifisch benennt. Als solcher füllt er eine Lücke in der Gegenwartsliteratur und folgt formal einem ungewöhnlich innovativen Ansatz. Laura Nußbaumer – geboren in Bludenz, wohnhaft in Wien – experimentiert mit Binnen-Is, geschlechtsneutralen Pronomen (dey/denen) sowie einer imaginären, zunehmend eifersüchtig werdenden Freundin, aus deren Blickpunkt erzählt wird.

Beim ersten Überfliegen lässt „Riesendisteln beißen nicht“ an die klassische Coming-of-Age-Story denken. Da ist ein Mädchen, das für ihr Studium nach Wien zieht und auf die gewohnten Probleme – Wohnungssuche, Prüfungsstress und Unialltag – stößt. Wie es sich gehört, kommen auch Selbstfindung und erste Erfahrungen mit der Liebe ins Spiel. Hier unterscheidet sich der Roman von seinen Vorläufern: Geht es in anderen Jugendromanen häufig um eine mit Sexualität verbundene Liebe, erzählt „Riesendisteln beißen nicht“ die Geschichte zweier sich annähender Personen – Marlin und Robin – die sich nicht dadurch definiert. Liebe kann auch anders. Weil der/die Protagonist:in Robin eine genderfluide Person ist, macht der Roman Outsteps in Richtung der Frage, was uns als Menschen abseits geschlechtlicher Zuordnung ausmacht. Es regt zum Schmunzeln an, als die Hauptfigur Marlin mit ihrer imaginären Freundin Louisa ihre spätere Liebe Robin das erste Mal am Bahnhof sieht, als „das Rotkehlchen“ bezeichnet und seitdem nicht mehr aus dem Auge verliert. Beginnend mit einem distanzierten Verhältnis nähern sie sich in gemeinsamen Unternehmungen an. Das Verhältnis wird existentieller, scheint aber von anderer Intimität als von einer (Liebes)Beziehung gewohnt. Es ist auch ein Offenbarungsprozess, der sich entspinnt und die mehr und mehr ihre Asexualität annehmende Marlin mit ins Boot holt. Der Roman wirft die Frage auf, ob das Verständnis einer Beziehung zwangsbedingt auf Romantik fußen muss. Man denke an den etwas unbeholfen wirkenden Versuch der beiden, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. So gehen Coming-of-Age-Story und alternative Liebesgeschichte, Adoleszenzentwicklung und Selbstfindung im Roman Hand in Hand. Marlins Asexualität wird genauso explizit bekannt wie Robins Nicht-Binärität, ist aber in den Alltag eingebettet. Wenn Marlin Jugendliche beobachtet, wie sie die Rutschbahn mit Regenbogenüberdachung als „schwul“ bezeichnen, stellt sie sich die Frage, ob sie aufgrund ihres weiblichen Artikels nicht „lesbisch“ sein müsse. Queerness wird von den Protagonist:innen als natürlich gelebt, prallt jedoch auf eine Umwelt, in der es nicht immer so ist. Emotional in diesem Zusammenhang ist auch Marlins Outing. Szenen wie diese sprechen das Unverständnis in einer allo- und heteronormativen Umgebung an, kritisieren es aber zeitlich und führen es so ad absurdum.

Allwissende Erzählinstanz

Der Roman hat überraschende Clous in petto. Zum einen ist das der Erzählinstanz der imaginären Freundin geschuldet, die als konkret bekannte, nicht greifbare Person eine Zwischenposition einnimmt. Louisa gibt das Verhältnis der Liebenden zunächst neutral wieder, beobachtet es dann aber zunehmend mit Argusaugen. Dass sie die Hauptfigur mit „du“ anspricht, nimmt der Erzählerin den bevormundenden Beigeschmack: „Louisa ist gewissermaßen Resultat dessen, dass ich nie weiß, wer die allwissende Erzählerinstanz eigentlich ist“, so Nußbaumer. Bemerkenswert ist das Buch auf formaler Ebene, die als Spiegel des Inhalts fungiert. Nußbaumer entschied sich anstelle eines Geschlechtspronomens zur Bezeichnung der genderfluiden Person Robin für das eingedeutschte „dey“, was den Roman gewöhnungsbedürftig zu lesen macht, diesem aber Authentizität verleiht. Zudem werden maskuline Formen gegendert, was zunächst an Wissenschaftslektüre erinnert, mit Blick auf das Thema des Romans aber die einzige logische Konsequenz sein kann. Haben sich Leser:innen erst eingegroovt, kann die sprachliche Inklusion sogar großes Alleinstellungsmerkmal sein.
Laura Nußbaumer ist neben der schriftstellerischen Leidenschaft als Lehrende im Fach Englisch tätig. Ihre Texte sind teils autobiografisch inspiriert, vollziehen dann aber die Wendung in die Fiktion. Bei „Riesendisteln beißen nicht“ handelt es sich um Laura Nußbaumers Debütroman. Der/die Autor:in lebt selbst nicht binär und asexuell. Spannend ist, dass das titelgebende Motiv der Distel erst in der zweiten Hälfe des Romanes als Metapher auftaucht. Die Distel ist eine unterschätzte Pflanze, aber lebensnotwendig für diverse Insekten. Sie ist der Queerness nicht unähnlich. Ihre Stacheln stechen aus der Umgebung heraus, wobei man sich nur durch eigenes Verschulden an ihnen verletzen kann. „Riesendisteln beißen nicht“ kann als experimentelle Adoleszenzgeschichte bezeichnet werden. Als solche hat sie das Potential, repräsentativ für die LGBTQIA+ Community stehend, die Literaturszene aufzumischen.

Dieer Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2024 erschienen.

Laura Nußbaumer: Riesendisteln beißen nicht. Edition fabrik transit, Wien 2023, 210 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-903267-51-0, € 20
Lesung: „Neue Texte“, mit Laura Nußbaumer, Simon Ludescher, Ulrike Waldbach, Claudia Endrich
Mi, 7.2., 19.30 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
www.saumarkt.at