Brasilianische Musik zwischen Choro-Tradition und Experiment
Das Emiliano Sampaio Meretrio begeisterte am Dornbirn Spielboden
Wer das Meretrio zum ersten Mal auf der Bühne sieht – Emiliano Sampaio (Gitarre, Posaune, Loops), Gustavo Boni (E-Bass) und Luis Oliveira (Drums, Percussion) sind alle Anfang 40 –, kann sich schwer vorstellen, dass diese Band schon vor 22 Jahren von den damals jungen und unerfahrenen Musikstudenten im brasilianischen Sao Paulo gegründet wurde. Mittlerweile sind alle zu Meistern auf ihren Instrumenten geworden und haben zahlreiche Tourneen und Festivalauftritte in aller Welt hinter sich.
Sampaio und Oliveira leben seit 2012 in Graz, wo sie ihre Musikstudien vollendeten, Boni wird bei Bedarf aus Brasilien eingeflogen, wie Sampaio in einer seiner witzigen Ansagen bemerkte. Der intelligente Mix aus traditioneller brasilianischer Popular-Musik, Jazz, Kammermusik und durchaus auch rockigen Tönen hat sich jedenfalls als äußerst entwicklungsfähig und langlebig herausgestellt. Am Spielboden präsentierte das Meretrio auf seiner etwas verspäteten Jubiläums-Tour keineswegs nur Stücke aus dem aktuellen, elften Album „20 Years“, sondern auch zahlreiche Gustostücke aus älteren Produktionen. Ein überaus abwechslungsreicher Abend, der das Publikum begeisterte.
Das Phänomen Emiliano Sampaio
So wie er durchs Programm führte, mit dem Publikum kommunizierte und für eine witzig-entspannte Stimmung sorgte, hätte Emiliano Sampaio auch Alleinunterhalter werden können. Das wäre aber aus mehreren Gründen schade. Denn zum einen ist „Alleinunterhalter“ ein einsames Geschäft, wohingegen das Meretrio ein höchst lebendiges, musikalisches Gefüge darstellt, in dem alle mit großen Ohren aufeinander hören, gemeinsam an einem perfekten Band-Sound arbeiten und so die Früchte einer auf Freundschaft bestehenden jahrzehntelangen Zusammenarbeit genießen können. Es ist ein lustvolles Musizieren, und diese Lust überträgt sich auch aufs Publikum. Zum zweiten ist Emiliano Sampaio nicht nur ein fingerfertiger, stilistisch vielfältiger Gitarrist, als Ed Neumeister-Schüler ein durchaus bemerkenswerter Posaunist, und einer, der mit der Loop-Maschine umzugehen versteht, sondern auch ein unglaublich begabter Komponist und Arrangeur (er lernte bei Ed Partyka und Michael Abene) für Formationen in allen Größen – bis hin zu Orchestern, etwa dem Metropole Orkest, der hr-Bigband oder der Copenhagen Big Band. Ob er mit dem Meretrio, dem Mereneu Nonett oder dem großformatigen Mega Mereneu Project in Erscheinung tritt, es hagelt immer und überall positive Kritiken und Auszeichnungen für Sampaio, sogar im an sich total US-konzentrierten „DownBeat Magazine“ zeigte man große Begeisterung.
„Choros“ als positive Folge der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie bedeutete für das Meretrio - wie für viele andere Musiker:innen auch - zuerst einmal eine absolute Katastrophe. Sie waren gezwungen, von heute auf morgen eine mehr als 40 Konzerte umfassende Tournee abzusagen, und Boni konnte nicht nach Brasilien zurück, weil alle Flüge gestrichen wurden. Im „Zwangsurlaub“ beschlossen sie, sich dem Choro zu widmen, jenem urbanen Musikstil Brasiliens, in dem sich die populäre europäische Tanzmusik mit den synkopierten afrikanischen Rhythmen vereint. Meistens flotte und lebhafte Musik, die in ironischem Gegensatz zu den traurigen und melancholischen Texten stehen. Sechs der dreizehn am Spielboden interpretierten Stücke stammen vom 2021 erschienen, höchst erfolgreichen Album „Choros“, das exzellent und zeitgemäß arrangierte Klassiker, aber auch selten Gespieltes aus diesem Genre enthält – oft sind die Texte der Stücke mit politischen Inhalten aufgeladen. So war etwa „Atraente“ 1877 ein ganz großer Hit der in Rio de Janeiro beheimateten Francisca „Chiquinha“ Gonzaga, wobei komponierende Frauen damals in der Musikwelt ja alles andere als an der Tagesordnung waren. Sie ebnete den Weg für ihre Geschlechtsgenossinnen in der brasilianischen Musik – und das Stück ist in der Interpretation des Meretrio tatsächlich allererste Sahne: Hier verbindet sich ein cooler Groove mit einer leicht ins Ohr gehenden Melodie, das Ganze gespickt mit durchaus unkonventionellen und witzig wirkenden Elementen, sodass man sich manchmal an den Soundtrack eines imaginären Slapstick-Stummfilms erinnert fühlt. Aus der Feder des Mandoline-Solisten Jacob do Badolim, der ab den 1930-er bis in die 1950-er Jahren enorm populär war, stammten „Receita de Samba“ und „Santa Morena“ - beides sehr melodiöse Stücke mit starken rhythmischen Akzenten.
Luis Oliveira gelingt es mit sparsamen, aber höchst effektiven Mitteln spannende Grooves zu erzeugen, Gustavo Boni komplettiert dessen Rhythmusarbeit perfekt, versteht es aber auch eindrucksvoll, seinen E-Bass singen zu lassen und Emiliano Sampaios elaborierte Melodien auf Gitarre und Posaune zu umgarnen. Tempo- und Rhythmuswechsel machen den musikalischen Fluss interessant, beeinflussen die Eingängigkeit der Stücke aber keineswegs. Zur gleichen Zeit wie Badolim war auch Pixinguinha ein Szenestar, der mehr als 600 Choros schrieb und das Saxophon in dieses Genre einbrachte. „Lamentos“ war einer seiner Evergreens, der in den 1950-er Jahren in jeder brasilianischen Bar gespielt wurde und vom Meretrio bereits in seinen Anfängen 2004 neu arrangiert wurde, und „1x0“ ist eine fröhliche Latin-Tanznummer.
„Óbvio“, das erste in Europa aufgenommene Album
Einen weiteren Meilenstein in der Meretrio-Bandgeschichte markiert auch „Óbvio“ das 2016 bei Sessionwork Records produzierte, erste in Europa aufgenommene Album, das zugleich auch die Brasilien-Renaissance des Trios vorantreiben sollte. Seine Komposition „Bandit“ soll an seine von Blues und Rock dominierten Teenager-Jahre erinnern, „an das Feeling von jung, viele Haare und Rock’n’Roll“ witzelte der mittlerweile kahlköpfige Bandaio. Zum Auftakt inszinieren Bass und Gitarre einen kleinen Orkan auf den Saiten, der den Latin-Groove hart rockenden Gitarrenattacken weichen lässt. Sampaios sehr stimmungsvoller, zweitweise auch dramatischer Walzer „Valsa“ geriet zum Highlight in Sachen brasilianische Melancholie. „Onda“ (auf deutsch „Welle“) ist hingegen ein lautmalerisches Stück, Bass und Gitarre lassen das Meer wogen, wilde Beckenschläge markieren die Brandung. Laut Sampaio – nicht ganz ernst – auch das einzige, romantische Stück, das er damals extra für Luis Oliveira und sein neu angeschafftes Glockenspiel geschrieben habe.
Hochinteressant aus der Reihe getanzt
2019 erschien das äußerst spannende Doppelalbum „Music For Small & Large Ensemble“, das Emiliano Sampaio je zur Hälfte dem Meretrio und dem Mega Mereneu Project auf den Leib geschrieben hatte und das die ungemein vielfältigen Talente des Brasilianers widerspiegelt. Die zwei am Spielboden gespielten Titel dieses Albums tanzten beide aus der Reihe. Zu „Interpretation“ erzählte Sampaio, dass die Posaune damals gleichermaßen bedeutend wurde wie die Gitarre, und dass er einen Weg suchte, beide Instrumente im selben Stück auf originelle Weise miteinder verbinden zu können. Die Lösung brachte die Anschaffung seiner ersten Loop-Maschine. In der Live-Version legte Sampaio einen Posaunenloop an, über den er anschließend ein rockiges Gitarrensolo legte. Über diese beiden Loops solierte er schließlich wieder mit der Posaune, während Drums und Bass für ein kraftvolles, rhythmisches Gerüst sorgten. Eindrucksvolle Tempo- und Rhythmuswechsel und die Moll-gefärbte Atmosphäre schufen ein Prog-Rock-Feeling, wie man es von den einschlägigen Bands der frühen 1970er-Jahre her kennt. Sampaios Hommage an „Helsinki“ ist zugleich auch eine an John Scofield, dessen reduzierte, groovende Spielweise er liebe, wie er erzählte. Ein Metier, das auch Oliveira und Boni durchaus zu liegen schien, während Sampaio funkige Posaunenloops übereinander legte und auch auf der Gitarre dem Meister alle Ehre machte.
… und schließlich doch „20 Years“
Eigentlich sind es mittlerweile ja schon „22 Years“, aber Sampaios Kompositionen sind ohnehin zeitlos, wie zwei Stücke vom aktuellen, elften Meretrio-Album bewiesen. „Bahia“ bezieht sich auf den Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, der für seine afrobrasilianische Kultur bekannt ist, und diese Einflüsse bringt auch das Trio zur Geltung. In „Arrasta-Pé/Creme de Milho“ kombiniert Sampaio den schnellen, durch über den Boden schleifende Schritte geprägten, traditionellen Volkstanz Arrasta-Pé aus dem Nordosten Brasiliens mit einem Nationalgericht, das aus Mais und Milch zubereitet wird. Dazu phantasierte er in der Ansage, dass sich diese spezielle Maiscreme, die es in Österreich leider nicht gebe, wunderbar mit Schnitzel kombinieren ließe: „Das würde das jeweils Beste aus Österreich und aus Brasilien zusammenbringen.“ Kein Problem. Gerne verzichten wir auf diesen lukullischen Genuss und nehmen mit diesem ultraschnellen, abwechslungsreichen, witzigen und verspielten Musikstück vorlieb, das unterschiedlichste stilistische Elemente vortrefflich miteinander vereint.
„Endlich ein Hit“, aber erst als Zugabe
Als Zugabe spielte das Meretrio ein weiteres „Choros“-Stück, das auch in Europa bestenes bekannte „Tico Tico no Fubá“ – von Zequinha de Abreu 1917 komponiert — für alle jene im Publikum, die gekommen waren, um echte Hits zu hören, wie Emiliano Sampaio verschmitzt anmerkte. Das Stück ist mehr als 60-mal gecovert worden - von Rhoda Scott bis Carmen Miranda, von Ray Ventura bis Charlie Parker, von James Last bis Tommy Dorsey oder Lou Bega. Diesem mitreißenden, rhythmisch-melodischen Feuerwerk kann man sich in keiner Variante entziehen, auch nicht in jener des Meretrios. „Tico Tico no Fubá“ ist ein echter Allzeit-Hit, das Meretrio ist es auch.
Die nächsten Jazz&-Konzerte am Spielboden Dornbirn
5.11. Synesthetic4
12.12. Die Strottern & JazzWerkstatt Wien: "Sieben Zwetschken"
29.12. Jazzorchester Vorarlberg feat. Phoebe Violet Quartet: "Encore"
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