Das Klangkollektiv Wien unter der Leitung von Rémy Ballot gastierte erstmals im Dornbirner Kulturhaus.
Silvia Thurner · 24. Okt 2026 · Musik

Bach – ein Blick zurück und in die Gegenwart

Geistreich verbanden Anahita Pasdar und Michael Floredo Musik, Literatur und Improvisation.

Eine stimmige Konzert-Lesung erlebten die zahlreichen Besucher:innen in der Pfarrkirche Frastanz mit der Organistin Anahita Pasdar und dem Organisten und Komponisten Michael Floredo. Er las aus seinem Buch „V. Symphonie. Wenn Bach käme“ und dazu erklangen Präludien und Fugen von Johann Sebastian Bach sowie die berühmte d-Moll Toccata. Den Höhepunkt bildeten eine eigene Komposition von Anahita Pasdar sowie die abschließende vierhändige Improvisation. Begeisterung löste die Sonate in d-Moll (K.141) von Domenico Scarlatti aus, die Anahita Pasdar und Michael Floredo mit vielen Registerwechseln originell zum Leuchten brachten.

Die Pianistin und Organistin Anahita Pasdar ist eine ehemalige Schülerin von Michael Floredo. Er unterrichtete sie an der Musikschule Walgau und unterstützte dabei auch ihre kompositorische Begabung. Inzwischen ist die Musikerin, die am Salzburger Mozarteum Klavier und Orgel studiert hat, sowohl kammermusikalisch als auch solistisch tätig. Darüber hinaus schreibt sie für den New Yorker Fernsehsender NTDTV Medienkompositionen.
Die Metzler-Orgel in der Pfarrkirche Frastanz ist ungewöhnlich positioniert. Sie befindet sich an der Längsseite des Kirchenschiffs im Chorraum. Dies ergab ungewöhnliche Hörperspektiven, denn die Orgel wurde auch indirekt über Reflexionen von der gegenüberliegenden Längsseite des Altarraumes wahrgenommen. Positiv war, dass das Spiel von Anahita Pasdar unmittelbar im Profil beobachtet werden konnte. Die Werkfolge insgesamt und die ausgewählten Werke von Bach waren musikalisch und auch hinsichtlich ihrer Tonartencharakteristik gut aufeinander abgestimmt.
Die Organistin musizierte das Präludium aus der Partita (BWV 825) sowie das Präludium und die Fuge (BWV 535) mit hellem Registerklang. Sie spielte die bewegten Linien und Hauptthemen transparent aus. Die durchdachte Dynamik mitsamt den Steigerungen unterstrich das Profil der Themenführungen und die Architektur der Kompositionen.
Aufhorchen ließ die Interpretation der Sonate in d-Moll (K.141) von Domenico Scarlatti. Ursprünglich ist dieses Werk für Cembalo entstanden. Doch Anahita Pasdar und Michael Floredo hatten für die Darbietung eine herausragende Idee. Sehr detailreich formten sie die motivischen Abfolgen anhand rasch gewechselter Registerfarben und verliehen damit der Komposition einen eigenen Charakter. Während die Organistin spielte, betätigte Michael Floredo geistesgegenwärtig und musikdeutend die Register. Auf diese Weise entfaltete sich ein faszinierendes Kaleidoskop an Klangfarben, das das Werk auf ganz neue Art erlebbar machte.
Michael Floredo las vier Passagen aus seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „V. Symphonie. Wenn Bach käme“. Er stellte J. S. Bach vor und ordnete Bachs Stellenwert zu seinen Lebzeiten ein. Damals wurden Telemann, Händel und Vivaldi hochverehrt, während Bach eher abseits der weithin gefeierten Komponisten stand. In einer weiteren Passage erzählte er von den musikalisch und pädagogisch äußerst wirkungsvollen Institutionen, wie dem von Vivaldi zu Weltruhm gebrachten „Ospedale della Pietà“ in Venedig. Dort erhielten verwaiste Mädchen und Jugendliche eine herausragende musikalische Bildung. Ferner ging Michael Floredo auf die heute weitverbreitete Praxis der Reproduktion traditioneller Werke ein. Auch Seitenhiebe auf Organistenstellen, an denen Musiker wie „Platzhirsche“ ihre Instrumente für sich beanspruchen, verkniff er sich nicht. Überdies erzählte er von den Zweifeln an Bachs Urheberschaft im Hinblick auf die berühmte Toccata in d-Moll.
Passend zu den gelesenen Erläuterungen von Michael Floredo interpretierte die Organistin die d-Moll Toccata. Sie gestaltete das Werk sensibel mit durchdachten Registerfarben und gut nachvollziehbaren dynamischen Steigerungen.
Die Konzert-Lesung wurde mit der Eigenkomposition „Adagio e Toccata“ von Anahita Pasdar bereichert. Aus der Tiefe entfaltete sie eine Klangfläche, über die sie eine eingängige Melodie spannte und diese wiederum in einen rhythmisch bewegten, tänzerischen Klangfluss transferierte. Bald wurde die Passage von dominanten Tonballungen gedämpft und mit leittönigen Schüben abgebremst. Bogenförmig endete das Werk mit einer beruhigenden Rückbesinnung auf den Beginn.
Passagen aus dieser Komposition bauten Anahita Pasdar und Michael Floredo in ihre vierhändige Improvisation ein und verliehen damit der gesamten Konzert-Lesung eine starke musikalische Klammer. Michael Floredo verlieh der Improvisation auch eine gesellschaftskritische Dimension, indem er musikalische Klangbilder mit spielenden Kindern assoziierte, deren Bewegungsraum durch Natur- und Umweltzerstörung immer mehr eingeschränkt wird.