Bolero
Filmpremiere „The Music of a Life“ in Schwarzenberg
Von Bogotá nach Los Angeles und London – via Schwarzenberg: Bastian Innfeld beeindruckt mit einer Kurzdoku über die Bolero-Sängerin María Esperanza
Was für ein unfassbarer Charme – das ist der erste Eindruck, wenn María Esperanza auf der Leinwand erscheint. Und der Eindruck verfestigt sich, wird überwältigend, wenn die 93-Jährige vors Mikrofon tritt und einen Bolero anstimmt. A capella. Im Studio hält das jugendliche Team den Atem an. María Esperanzas Honigstimme ist stark und klar, ihre Phrasierung makellos, ihre Ausdruckskraft vergleichbar mit der großen Omara Portuondo, ihrer Kollegin aus Kuba, wo der Bolero einst entstand, dieser Inbegriff des lateinamerikanischen Liebeslieds. „Komm näher. Noch näher“ singt María Esperanza – erotische Sehnsucht in ihrer kultiviertesten Form.
50 Jahre ist es her, seit María Esperanza zuletzt vor einem Mikrofon stand. In den 1950er Jahren war sie in Kolumbien allmählich zur Berühmtheit aufgestiegen, hatte als Teenager bei Amateurwettbewerben beeindruckt, war im Trio mit zwei Kolleginnen zum Profi geworden, trat in Radio- und TV-Shows auf. Bastian Innfeld und Sofía Rodríguez (eine Verwandte der Sängerin) haben für ihre Kurzdoku gemeinsam das Drehbuch geschrieben, die Gespräche mit der Sängerin geführt, selber gefilmt und in Archiven gegraben. Manches fanden sie in Online-Archiven, anderes in TV-Aufzeichnungen kolumbianischer Sender aus den 1950er Jahren. Es gab aber auch Super-8-Material aus dem Familienfundus, das sie restaurieren und digitalisieren konnten.
Johannes Strickner, verantwortlich für das Audiodesign, hatte bis zu fünfzig Tonspuren in ein stimmiges Klangbild zu verwandeln – auch wenn die Tonspur aus dem Archiv keine Klavierklänge hergab, während im Bild der Pianist in die Tasten haut. Jetzt will das Team eine Vinyl-Platte mit zwei Liedern aufnehmen. María Esperanza hat Begleitmusiker:innen verdient. „Ich danke dem Universum dafür, dass ich singen kann“, sagt sie. Welches Glück das bedeutet, ist der zierlichen, agilen, umwerfend fröhlichen Frau anzusehen.
Me gusta!
Warum hat sie ihre Karriere auf dem Höhepunkt aufgegeben und ist in die USA emigriert? Weil sie einen Mann heiraten wollte, der treu ist, sagt sie lachend. Und solche Männer sind in Kolumbien rar. Gefunden hat sie ihren Mann in einer Tanzschule. „Me gusta“, habe sie ihrer Freundin gesagt. Er macht mir Appetit, der schöne Junge. Er ist mittlerweile auch in seinen 90ern, und wenn die beiden am Frühstückstisch aus ihren geblümten Tassen trinken, miteinander scherzen und Zärtlichkeiten tauschen, dann spürt man die Beständigkeit ihres Glücks.
Wärme breitet sich auch im voll besetzten kleinen Dorfsaal von Schwarzenberg aus, den Bastian Innfeld für die Österreich-Premiere seines Films gewählt hat. Ein Heimspiel, klar. Aber auch viel mehr, wie die angeregten Gespräche beweisen. „The Music of a Life“ berührt. Bastian Innfeld kennt das schon. In Kolumbien ist sein Film bereits gelaufen, bei einem Filmfestival in Los Angeles hat er es unter die fünf Finalisten geschafft, und im Oktober noch präsentiert er „The Music of a Life“ beim London Latino Film Festival. „Portfoliobuilding“ nennt Innfeld das. Und ganz sicher trägt dazu auch seine Einladung zum UnionDocs CoLAB in New York bei. Dort trifft er auf Filmemacher:innen aus der ganzen Welt, um innerhalb von sechs Monaten zwei Filme zu drehen. Thema: Abfallwirtschaft. Dafür muss er noch ein bisschen Crowdfunding machen. Und was er sicher auch brauchen kann, ist die Erinnerung an die strahlende Lebendigkeit von María Esperanza.