Andy Sheppard / Rita Marcotulli / Michel Benita: Salt Catchers
Der britische Saxophonist Andy Sheppard hat rund zwei Dutzend exzellente Alben als Leader herausgebracht und insgesamt nochmals vier im Trio mit dem Bassisten Steve Swallow und der Pianistin Carla Bley. Diese zählte bekanntlich zu den zentralen Lichtgestalten des zeitgenössischen Jazz, und es ist ein spezielles Gütesiegel für Sheppard, dass sie ihn dreißig Jahre lang in den unterschiedlichsten Formationen – vom Quartett bis zur extragroßen Big Band – für zahlreiche Albumproduktionen und Tourneen engagierte. Selbst wenn man also glaubt, Sheppard gut zu kennen und seine hervorragenden, in den Zehner-Jahren erschienenen ECM-Alben „Trio Libero“, „Surrounded by Sea“ und „Romaria“ noch im Ohr hat, kann er auf „Salt Catchers“ nochmals mit einer Überraschung aufwarten.
Geblieben ist sein sanfter, warmer, ausdrucksstarker und doch eleganter und kontrollierter Ton, sein kompositorisches Geschick für melodisch schöne und harmonisch ausbalancierte Stimmungsbilder, neu ist hingegen der Einfluss seiner Wahlheimat Portugal. Sheppard lebt seit 2018 in der Nähe von Lissabon, und in den meisten seiner neuen Stücke ist der Einfluss jenes sehnsuchtsvollen, melancholischen Lebensgefühls zu spüren, das unter dem Begriff Saudade weltberühmt ist. Neuigkeitswert hat auch sein Trio mit der italienischen Pianistin Rita Marcotulli und dem französischen Bassisten Michel Benita, auch wenn sie in unterschiedlichen Formationen schon öfters miteinander gespielt und aufgenommen haben. Das erklärt auch, weshalb das äußerst sensible Zusammenspiel aller Beteiligten schon beim Debütalbum in höchster Perfektion funktioniert. Marcotulli teilt Sheppards Vorliebe für lyrische Melodien und ist im musikalischen Dialog mit ihm bestens geübt – man denke an das hervorragende Duo-Album der beiden („On The Edge of a Perfect Moment“, 2005). Michel Benita, der auf den oben erwähnten ECM-Alben Sheppards schon dabei war, sorgt mit seinen warmen Basslinien für die passende rhythmische Grundierung. Drummer vermisst man keinen, auch wenn Sebastian Rochford diesen Part in den vergangenen Jahren in den Sheppard-Bands bestens aufgefüllt hat. Die Grundstimmung ist von getragener Schönheit und eleganter Gelassenheit, im Detail betrachtet bieten die Kompositionen aber durchaus Abwechslung.
Der Opener „Elevation“ startet mit einer erhebenden Klaviermelodie, die in ein angenehmes Dreiergespräch mit Tenorsax und Bass übergeht, das einem wohlige Schauer über den Rücken jagt. Bereits das zweite Stück ist die einzige Fremdkomposition des Albums, Carla Bleys fast 40 Jahre altes „Lawns“, das Sheppard im Trio mit ihr und Swallow oft gespielt, aber nie aufgenommen hat. Einfach gestrickt und dennoch – oder vielleicht gerade dadurch – ein emotionales Feuerwerk. Das flotte Titelstück „Salt Catchers“ startet mit einem beherzten Griff Marcotullis in die Saiten für ein perkussives Intro, auf das Sheppard abwechselnd äußerst lebhafte, aber auch nachdenkliche Linien auf dem Sopransax folgen lässt, die von Piano und Bass mit elektrisierenden Rhythmen kommentiert werden. Rhythmisch und melodisch vertrackt, aber durchaus ins Ohr gehend. Die Inspiration für dieses Stück holte sich der Neo-Portugiese von alten Fotos zur Salzgewinnung in Meerwassersalinen. Nicht nur angesichts der bittersüßen Melancholie von „Encantos“ denkt man an Saudade, sondern auch beim flüssig dahinperlenden „Draw You In Stars“, das allen Beteiligten die Möglichkeit zu zarten, emotionalen Soli bietet. Das unterschwellig durchaus spannungsgeladene Mid-Tempo-Stück „Salgado“ bedeutet passend zum Album-Titel „salzig“, ist aber zugleich als Hommage an den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado gedacht, der für seine unter extremen Bedingungen entstandenen Arbeiter-Fotos bekannt ist und der auch die portugiesische Nelkenrevolution dokumentiert hat. Das mit neun Minuten längste Stück „This Too – Three Hills“ startet als eine von Sheppards virtuosem Tenorsax stimmungsvoll in Szene gesetzte Ballade und mündet nach einem kurzen perkussiven Zwischenspiel in einen wehmütigen Klagegesang. Auch das achteinhalbminütige „Those That Left“ durchläuft mehrere Stimmungswechsel, startet mit einem expressiv-suchenden Sax und wechselt in ein Piano-dominiertes, lyrisch-melancholisches, mit zarten Farben gemaltes Pastellbild. Das Schlussstück „Irene“ ist Sheppards Mutter gewidmet und stellt nochmals seine Ausdrucksstärke auf dem Sopransax eindrucksvoll unter Beweis. Kammermusikalischer Jazz der allerschönsten Sorte, der ideale Soundtrack, um die gestresste Seele baumeln zu lassen.
(ECM/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.