Kinderfragen in vielen Sprachen bilden den Ausgangspunkt von „Only Flowers“ – dem Eröffnungsstück von Luaga & Losna 2026. (Foto: Monika Isanska)
Michael Löbl · 18. Mai 2026 · Musik

Blockbuster

„Krieg und Frieden“ lautete der Titel im dritten Abonnementkonzert des Kammerorchesters Arpeggione.

Unter der Leitung des Dirigenten Yalchin Adigezalov aus Aserbaidschan standen am Samstagabend im Rittersaal des Hohenemser Palastes Werke von Edvard Grieg, Luigi Boccherini, Paul Hindemith und Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm des Kammerorchesters Arpeggione.

Ein klassisches Kammerorchester besteht eigentlich nur aus Streichern in kleiner Besetzung. Vorteile sind die finanzielle Überschaubarkeit und die Flexibilität bei der Auswahl von Probe- und Konzerträumlichkeiten. Ein Nachteil ist das eingeschränkte Repertoire. Es gibt einige Blockbuster von Mozart, Dvořák, Tschaikowsky, Josef Suk oder Benjamin Britten, die dann auch sehr häufig in den Konzertprogrammen von Kammerorchestern zu finden sind. Gleich zwei solcher Blockbuster gab es am Samstag in Hohenems zu hören: Edvard Griegs Suite „Aus Holbergs Zeit“ und die Kammersymphonie op. 110a von Dmitri Schostakowitsch. 

Kleine Meisterwerke

Der Norweger Edvard Grieg, vor allem bekannt durch seine Musik zu „Peer Gynt“ und das a-Moll-Klavierkonzert, schrieb diese Suite für ein Jubiläum des Dichters Ludvig Holberg im Stil seiner Epoche, nämlich des Barock. Damit ist dem Komponisten ein richtiger Wurf gelungen, alle fünf der sehr unterschiedlichen Sätze sind kleine Meisterwerke, vom rhythmischen Drive des Präludiums, der getragenen Sarabande, der tänzerischen Gavotte bis zur traumhaft schönen Air und dem virtuosen Finale. Das Kammerorchester Arpeggione ließ sich durch den Dirigenten Yalchin Adigezalov zu klangschönem und prägnantem Spiel inspirieren.
Gleich zwei Solist:innen konnte man an diesem Abend kennenlernen. Zunächst die Cellistin Charlotte Melkonian aus Hannover mit dem bekannten B-Dur-Konzert von Luigi Boccherini, das allerdings fast nie in seiner originalen Gestalt zu hören ist, sondern in der Bearbeitung des deutschen Cellisten Friedrich Grützmacher. Grützmacher hat stark in Boccherinis Werk eingegriffen, den Cellopart und die Orchesterstimmen verändert, Kadenzen eingefügt und sogar den ursprünglichen langsamen Satz gegen einen anderen ausgetauscht. Diese Version erfreut sich aber bis heute großer Beliebtheit und sie wurde auch an diesem Abend gespielt. 

Ein musikalisches Ausnahmetalent

Charlotte Melkonian stammt aus Hannover und betritt die Bühne wie eine erfahrene Solistin, ist aber tatsächlich erst zwölf Jahre alt. Schon nach den ersten Tönen vergisst man ihr Alter, Charlotte Melkonian ist bereits jetzt eine absolut professionelle Cellistin mit souveränem Bühnenauftreten, unglaublichen technischen Fähigkeiten und einem wunderschönen, riesigen Celloton. Das Boccherini-Konzert bewegt sich über weite Strecken in der unangenehmen Daumenlage und führt die Solistin ständig in die Region der höchsten Cellotöne. Charlotte Melkonian fühlt sich dort wohl wie ein Fisch im Wasser, nicht das allerkleinste Problem ist hier zu bemerken. Bei ihr kann man wirklich von einer Sonderbegabung sprechen, denn außer ihren musikalischen und instrumentaltechnischen Fähigkeiten verfügt Charlotte Melkonian auch über eine verblüffend natürliche Bühnenpräsenz.
Zehn Jahre trennen Charlotte Melkonian von Fridolin Schöbi, dem zweiten Solisten des Abends. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten, denn beide studieren derzeit an der Hochschule der Künste in Berlin. Der in Feldkirch geborene Bratschist spielte nach der Pause die „Trauermusik“ für Viola und Streicher von Paul Hindemith. Dieses Stück hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Hindemith, der selbst ein hervorragender Bratschist war, reiste im Januar 1936 nach London, um dort sein Violakonzert „Der Schwanendreher“ mit dem BBC Symphony Orchestra aufzuführen. Da König George V. in der folgenden Nacht verstarb, wurde das Konzert abgesagt. Am nächsten Tag saß Paul Hindemith im Auftrag der BBC in einem Büro der britischen Rundfunkanstalt und schrieb in nur sechs Stunden seine „Trauermusik“ für Viola und Streicher, die er dann am Abend im Rahmen einer Livesendung selbst zum ersten Mal aufführte. Fridolin Schöbi, der bei den anderen drei Programmteilen als Kollege seines ehemaligen Lehrers Markus Kessler im Orchester saß, spielte Hindemiths zehnminütiges Solostück sehr klangschön, mit großer dynamischer Bandbreite und musikalisch überzeugend. 

Beklemmende Atmosphäre

Durch das Finale ergab der Konzerttitel „Krieg und Frieden“ erstmals Sinn, denn Grieg, Boccherini oder Hindemith haben weder etwas mit Krieg oder Frieden zu tun noch mit dem gleichnamigen Roman von Leo Tolstoi. Das änderte sich nun mit Dmitri Schostakowitsch. Die Kammersymphonie ist die Streichorchesterfassung seines achten Streichquartetts, die der Bratschist und Dirigent Rudolf Barshai erstellt hat. Nach anfänglicher Skepsis war Schostakowitsch von dieser Fassung begeistert, fand sie angeblich sogar besser als seine originale Quartettversion und gab ihr selbst die Opusnummer 110a. Es ist ein Stück, geschrieben unter dem Eindruck der zerstörten Stadt Dresden und ihrer Opfer, kombiniert mit eigenen traumatischen Erlebnissen aus der stalinistischen Sowjetzeit. Die Musik ist beklemmend, insbesondere im wilden, atemlosen zweiten Satz fühlt man sich als Zuhörer inmitten einer Verfolgungsjagd auf Leben und Tod. Dieser Teil ist so stark und eindrücklich, dass er die restlichen vier Sätze etwas in den Schatten stellt. Tatsächlich verstärkt die hinzugefügte Kontrabassstimme der Streichorchesterfassung die bedrückende Stimmung und fügt ihr eine weitere Dimension hinzu. Nicht nur deshalb wird die Orchesterfassung häufiger aufgeführt als das ursprüngliche Streichquartett.
Das Kammerorchester Arpeggione unter der Leitung von Yalchin Adigezalov war an diesem Abend in Topform und überzeugte das Publikum mit einer intensiven und technisch brillanten Interpretation von Schostakowitschs Meisterwerk. Ein besonderes Lob gebührt dem Konzertmeister Klaus Nerdinger, der wichtige Impulse gab und die zahlreichen Violinsoli ausgesprochen überzeugend gestaltete. Nach dem letzten Ton im dreifachen Pianissimo wagte es eine gefühlte Ewigkeit niemand, zu applaudieren. Genauso soll das sein nach diesem außergewöhnlich emotionalen Werk.

www.arpeggione.at