Chris Haring/Liquid Loft beim tanz ist Festival am Spielboden Dornbirn (Foto: Stefan Hauer)
Peter Füssl · 16. Mai 2024 · CD-Tipp

Bill Laurance / The Untold Orchestra: „Bloom“

Tiefe, warme Streicherakkorde sorgen für wohlige Stimmung und machen neugierig, verdichten sich rhythmisch und ziehen einen unmittelbar ins musikalische Geschehen hinein. Zaghafte Pianotöne legen sich darüber, formen sich zu einem kristallinen, jazzigen Lauf, und schließlich intensiviert sich alles crescendohaft in hypnotisch wirkende Dimensionen – ein unglaublich mitreißender Auftakt im Cinemsacope-Format! Das knapp sechseinhalb Minuten lange Titelstück, das längste des Albums, eröffnet einen eindrucksvollen Reigen von neun rhythmisch und harmonisch interessanten, melodisch eingängigen, soundfarbenreichen Kompositionen, die sich stilistisch aus moderner Klassik und Jazz speisen und wie emotionsgeladene, großorchestrale Soundtracks zu imaginären Filmklassikern wirken. Kein Wunder, hat sich doch der Londoner Pianist, Keyboarder und Komponist Bill Laurance von der Fähigkeit seines Kindes, sich abseits realer Gegebenheiten eigene Fantasiewelten zu erschaffen, zu diesem Album inspirieren lassen.

Im erst vor fünf Jahren gegründeten, 18-köpfigen Streichorchester The Untold Orchestra aus Manchester hat er einen gleichermaßen virtuosen wie experimentierfreudigen Klangkörper und im vielseitigen Komponisten und Saxophonisten Joshua Poole einen erfahrenen Arrangeur gefunden, um seine Stücke effektiv ins Großformatige umzusetzen. Auch das zweite Stück „Before The Sun“, schwelgt mit dichten Streicherklängen und kontrastierenden, genussvoll ein breites Spektrum an Emotionen auslotenden Piano-Klängen in wunderschöner Melancholie – und verströmt in seiner dynamisch wohldosierten Dramatik durchaus Pop-Appeal. Das vorwärtstreibende „All at Once“ und „Shots“ sind aufwühlende, vorwärtstreibende Stücke, die an Elementen der Minimal Music eines Philip Glass andocken. Andernorts lässt wohl Schostakowitsch grüßen, und „Right Where We Are“ wühlt mit an die Intensität des Rock erinnernder Dringlichkeit auf. „Bloom“ ist ein weiteres Schmuckstück im reichhaltigen musikalischen Oeuvre von Bill Laurance, der als Gründungsmitglied des mit fünf Grammys dekorierten, alle Genregrenzen souverän sprengenden, texanischen Musikerkollektivs Snarky Puppy bekannt wurde, aber auch spannende Solo-Alben einspielte und erst letztes Jahr gemeinsam mit dem Bassisten und Bandkollegen Michael League das exzellente Duo-Album „Where You Wish You Were“ vorgelegt hat. Ganz großes Drama allerorts, allerdings niemals ins Plakative abgleitend. Ungemein einfallsreich, perfekt inszeniert und gespielt – der ideale Soundtrack fürs Kopfkino.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2024 erschienen. 

(ACT)