Kota – Lebensansichten eines Huhns
Karlheinz Pichler · 09. Mai 2014 · Ausstellung

Performativer Schwung in der staubigen Brennhalle – Kunstmuseum Liechtenstein organisiert einen Performance-, Tanz- und Theaterzyklus in einem „Offspace“

Mit „Outside of Black Box and White Cube“ organisiert das Kunstmuseum Liechtenstein in Zusammenarbeit mit dem spanischen CA2M Centre de Arte Dos de Mayo einen auf drei Samstage anberaumten Aufführungszyklus, der die Grenzen zwischen den klassischen Disziplinen Performance, Tanz und Theater aufweichen und erweitern will. Eigenwilliger Austragungsort des Projektes ist die Keramik Werkstatt Schaedler in Nendeln (Liechtenstein).

Die staubige Brennhalle der Keramik Werkstätte bildet den außergewöhnlichen Rahmen für ein außergewöhnliches Projekt. Das Kunstmuseum Liechtenstein wagt sich mit „Outside of Black Box and White Cube“ erstmalig an ein internationales Unterfangen, das aktuelle Tendenzen der Aufführungskunst präsentiert und dabei die Gattungsgrenzen zwischen Performance, Theater und Tanz verschwinden lässt. Der Titel des auf die kommenden drei Samstage jeweils ab 17 Uhr angesetzten Zyklus verweist gleichzeitig auch auf den Ort außerhalb des musealen Rahmens.

Laut Christiane Meyer-Stoll, die den Liechtensteiner Zyklus gemeinsam mit Johanna Schindler kuratiert, wird das Physische, das Körperliche in einer Welt zunehmender Digitalisierung immer wichtiger. Gesteuert und animiert durch die sozialen Netzwerke und Demokratisierungstendenzen gehen Bürger immer häufiger auf die Straße und formulieren ihre Proteste. Die Kunst wiederum reagiere auf solche Bewegungen mit neuen Artikulationsformen wie eben grenzüberschreitende performative Acts. Das bringe auch die Museen selber in Bewegung.

Neubewertung der Performance als Kunstform


Nach Ansicht von Meyer-Stoll bezieht sich der Begriff der Performativität in seinen frühen Definitionen wie zum Beispiel von James Austin, später auch von Judith Butler und Jacques Derrida, sowie in jüngerer Zeit von Maurizio Lazzarato unter anderem auf den Akt des Sprechens. „Mit Hilfe der Sprache wird Identität dargestellt (‚performt’) oder gar erst konstruiert. In den letzten Jahren hat das Konzept der Performativität zudem den Bereich der Politik erobert. So wurden selbst die Ereignisse, in deren Zentrum die physischen und politischen Körper protestierender Bürger und Bürgerinnen auf öffentlichen Plätzen in weiten Teilen des Mittelmeerraums standen, als Performance beschrieben – aus bildwissenschaftlicher Perspektive oder, um die Performativität der Besetzung dieser Plätze zu analysieren. Aus diesem Grund erscheint eine Neubewertung der Beiträge zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen zu dieser Kunstform entscheidend zu sein. Gleichzeitig ist eine Neukonzeption von Performativität und Performance im Sinne einer Erweiterung des klassischen Museumsraums erforderlich,“ so die Kuratorin wörtlich.

Die Programmauswahl greife deshalb unterschiedliche Ansätze auf, die sich besonders mit den Konzepten von Performance und Performativität auseinandersetzen und zwar im Sinne einer Mediatisierung von Emotionen, Zeichen und Bildern, aber auch von Objekten, erläutert die Kuratorin. Dementsprechend würden neben menschlichen Körpern auch Sprache und Objekte zur Aufführung gebracht. „Die Werke der Künstlerinnen und Künstler schöpfen dabei aus den Themen ‚Sprachliches Handeln’, ‚Politischer Körper’ und die ‚Performativität der Dinge’“, so Meyer-Stoll.

Performance als Sammlungsgebiet


Friedemann Malsch, seit bereits 1996 Chef des Kunstmuseums Liechtenstein in Vaduz, werde sich mit der von ihm geführten Institution künftig auch sammlerisch verstärkt dem Thema Performance widmen, erklärte er gegenüber KULTUR. So werde der Zyklus „Outside of Black Box and White Cube“ sowohl fotografisch als auch filmisch komplett aufgezeichnet. Für das dreiteilige Aufführungsprojekt habe das Kunstmuseum Liechtenstein zudem auch erstmals Förderungsgelder der EFTA lukrieren können. Und beim Kooperationspartner CA2M Centre de Arte Dos de Mayo handle es sich um das einzige spanische Museum, das ausschließlich auf aktuelle Kunst ausgerichtet sei. Das CA2M habe gerade erst auch die immense Sammlung der Madrider Kunstmesse Arco als Schenkung erhalten, was die Bedeutung dieses Hauses für die Gegenwartskunst untermaure, so Malsch.

Zum Programm

Die drei Aufführungstermine an den kommenden drei Samstagen sind thematisch gegliedert. Der erste Tag steht im Zeichen von „sprachlichem Handeln“ und wird von Itziar Okariz und Mette Edvardsen gestaltet.

Okariz (geb. 1965 in Spanien) setzt in ihren Aktionen unterschiedliche Repräsentations- und Kommunikationsmittel in Bewegung und versucht, diese mittels ihrer eigenen Konventionen zu überschreiten. In ihren jüngsten Werken setzt sie sich vor allem mit der Sprache und ihrer Entwicklung auseinander. Im Rahmen von „Outside of Black Box and White Cube“ wird Okariz ihre Arbeit „Chapter 2, V. W.“ (2013) präsentieren, in der sie einen Ausschnitt aus Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s Own“ (1929) wiederholt liest. Mit jeder Wiederholung löst sich nicht nur die beschriebene Landschaft, sondern der Text selbst in seine einzelnen Bestandteile auf.

Mette Edvardsens (geb. 1970 in Norwegen) Arbeiten wiederum sind dem Bereich der darstellenden Kunst zuzuordnen, setzen sich aber auch mit anderen Medien und Formaten auseinander, darunter Videos und Bücher. Sie arbeitet als Tänzerin und Schauspielerin für Les Ballets C. dela B. und wird in der Keramik Werkstatt ein Werk vorstellen, das den Titel „Black“ (2011) trägt und die Künstlerin bei dem Versuch zeigt, einen vollkommen leeren Raum einzig mit Worten und Bewegungen zu füllen.

Politischer Körper


Der Samstag (17. Mai) beschäftigt sich dann im ersten Teil mit dem „politischen Körper“, im zweiten Teil mit der „Performativität der Dinge“. Paz Rojo und Norberto Llopis sind die Aufführenden. Rojo (geb. 1974 in Spanien) arbeitet als Kulturschaffende im Bereich Live Art und Bewegung. Sie beschäftigt sich mit der Dekonstruktion unterschiedlicher Körpertechniken und versucht, Bedingungen für politische und ästhetische Erfahrungen zu definieren, um neue, radikal inkludierende Formen der Desubjektivierung zu entwickeln. In Nendeln zeigt sie ihr neues Stück „Dancismo“ (2014) mit einem visuellen Setup von Emilio Tomé.

Norberto Llopis (geb. in Spanien) studiert derzeit Philosophie und arbeitet an verschiedenen Projekten in Barcelona, Brüssel und Holland mit sowie an zahlreichen kreativen Prozessen mit KünstlerInnen wie Carolien Hermans, Paz Rojo, Diego Gil, Jefta Van Dinther, Nada Gambier u.a. Er wartet im Zuge des Liechtensteiner Projekts mit einer neuen Arbeit auf, die er laufend weiterentwickelt.

Performativität der Dinge


Am Samstag, den 24. Mai, gibt es zunächst einen weiteren Beitrag zum Thema „Politischer Körper“ von Aimar Pérez Galí (geb. 1982 in Spanien). Der Tänzer, Choreograf, Lehrer, Forscher und Autor ist seit 2011 verantwortlich für Espacio Práctico, einen selbstorganisierten Raum in Barcelona. Im Rahmen von „Outside of Black Box and White Cube“ setzt er mit „Sweating the discourse“ (2013) eine performative Konferenz an, in der der Künstler die These vertritt, dass Tänzer in der zeitgenössischen Kunstszene einen untergeordneten Status haben. Gleichzeitig fordert er, den Tanz als legitime Sprache und die Stimmen der Tänzer als legitimen Diskurs anzuerkennen.

Im Anschluss an Gali widmet sich die 1972 in Deutschland geborene Eva Meyer-Keller der „Performativität der Dinge“. Ihre Werke zeichnen sich durch ihre Vielseitigkeit aus. Die Künstlerin arbeitet häufig an verschiedenen Projekten gleichzeitig, sie entwickelt Performances, organisiert Festivals und sonstige Veranstaltungen, erarbeitet Projekte gemeinsam mit anderen Kunstschaffenden und beschäftigt sich in jüngster Zeit vermehrt mit dem Medium Video. Das Stück, das Meyer-Keller mit nach Liechtenstein bringt, heißt „Death Is Certain“ (2002). Wie im Titel bereits anklingt, inszeniert die Künstlerin dabei in einem laborähnlichen Setting spielerisch mit Hilfe von Kirschen unterschiedliche Möglichkeiten zu sterben.

Aufgrund der EFTA-Unterstützung ist übrigens der Eintritt zu allen Veranstaltungen frei.

 

„Outside of Black Box and White Cube“
Sa, 10. Mai, 17 Uhr: Sprachliches Handeln (Itziar Okariz und Mette Edvardsen)
Sa, 17. Mai, 17 Uhr: Politischer Körper (Paz Rojo), Performativität der Dinge (Norberto Llopis)
Sa, 24. Mai, 17 Uhr: Politischer Körper (Aimar Pérez Galí), Performativität der Dinge (Eva Meyer-Keller)
Keramik Werkstatt Schaedler, Churerstr. 60, LI-9485 Nendeln 
Tel. +423 373 14 14 
www.schaedler-keramik.com