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19.06.2014 |  Karlheinz Pichler

Filetierter und gestapelter Kartonmüll von Alois Galehr in der Artenne Nenzing

Der Künstler Alois Galehr ist ein Recycler. Er sammelt seit Jahren Schachteln und Kartonagen, die er in den Ausgangsbereichen verschiedenster Läden findet und lagert sie in verschiedenen Kellerräumen, bis er sie weiterverarbeitet. Im Rahmen einer Ausstellung in der Artenne Nenzing zerrt er nun sein ganz privates Depot in die Öffentlichkeit.

Auch wenn die Leute ihre schön gebündelten Zeitschriften und Kartons an den Straßenrand für die Altpapierabholung bereitstellen, kann der Nenzinger Kunstschaffende Alois Galehr oft nicht gleichgültig daran vorübergehen, wie beispielsweise der schön gepresste Papierballen in der Ausstellung beweist, den er einmal vor dem Nenzinger Gasthaus Rössle gefunden hat. Es sind also Materialien, die andere Menschen üblicherweise ins Altpapier werfen, die der Künstler hortet. Selten aber hat man Abfälle gesehen, die so schön geordnet sind, wie bei Galehr.

Was die direkten Verarbeitungsstrategien Galehrs anbelangt, fällt auf, dass die Kartonage zu einer Cross-Over-Plattform mutiert, in der sich die klassischen Kunstdisziplinen Zeichnung, Malerei, Skulptur und Installation brechen.

Am Beginn des eigentlichen Arbeitsprozesses, dem eigentlichen Galehr’schen „Kunst-Workflow“ steht das Suchen, Sammeln, Aussortieren und Ordnen des Materials. Die jeweilige spezifische Konsistenz dieses solcherart „enzyklopädisch“ bestimmten Materials gibt dann auch die Stoßrichtung für den weiteren künstlerischen Arbeitsverlauf an.

Suchen, sammeln, ordnen


Um die Kartons möglichst platzsparend in seinen Kellerräumen lagern zu können, filetiert sie der Künstler häufig mit einem Stanley-Messer. 12 Schnitte sind es zumeist und die Schachtel liegt fünf geteilt vor ihm. Platt, als ob eine Walze darübergefahren wäre. Wie er selber sagt, kommt er sich dabei manchmal wie ein Metzger vor.

Sortieren und Stapeln folgen als nächste Schritte, wobei er immer einen gewissen Respektabstand zum Fußboden einhält, um einem möglichen Hochwasser vorzubeugen. Nicht auszudenken, was wäre, wenn  die schönen Abfälle überschwemmt würden.

Hochwassergeschützt


Ausgediente Stühle, Holzbalken und Ähnliches bilden denn auch einen adäquaten Hochwasserschutz. Andererseits  entstehen durch das Aufschichten bis an die Kellerdecke bereits im Depot skulpturenartige Gebilde. Recht spröde zwar, aber die wesentlichen Merkmale von solchen bereits in sich tragend. Auf Grund dieser Tatsache stellt sich dem Künstler oft die Frage, inwieweit er diese Hortungen später überarbeiten, oder sie im jeweiligen Istzustand  belassen soll. Jedenfalls  konfrontiert er die Besucher in der Artenne mit einer Art Gegenüberstellung  von bereits bekannteren und genau ausgeschaffenen Objekten mit solchen, die sich noch im Original-Lagerzustand befinden.

Zwei von diesen Lagerstapeln zeigt Galehr im ehemaligen Stall der Artenne. Er thematisiert damit auch die Grauzone zwischen Materialsammlung und Kunstwerk. Eine Frage, die in der Ausstellung, die in der Raummitte den Charakter des Lagerraumes und Depots, aber auch des (Un)Vollendeten, bewusst aufgreift, immer wieder angetönt wird. Direkt aus dem Depot, und nach Ausstellungsende genauso wieder darin verschwindend, noch in der Verpackung, die vor Staub und Verschmutzung schützen soll, eine turm­artige Skulptur oder ein unfertiges Feld, während die Wände mit Werken aus den vergangenen 20 Jahren besetzt sind - darunter Linolschnitte in Bordeauxrot, leuchtende Farbschlitze im Wellkarton.

Bodenrelief aus Schachteln


Zu sehen ist auch ein temporäres Bodenrelief  aus schwarzen, standardisierten Schachteln, die Galehr wie Module zur Gestaltung der skulpturalen Arbeit einsetzt.  Ein Beispiel auch, das zeigt, wie vielfältig Galehr die Kartons als Instrumentarium für das formale Werken einsetzt. Andere Künstler arbeiten mit Pinsel, Farbe und Leinwand, Galehr pinselt, formt und gestaltet mit Kartons.

Zu den Lagerbeständen gehören auch aufgerollte, großflächige Werbeplakate aus den 1990er-Jahren, die in Kartonhülsen eingelagert wurden und seit Jahren  auf die Weiterverarbeitung warten. Etiketten mit einem kurzen Vermerk wie Rot, Kopf usw. sollen das spätere Suchen erleichtern. Unter dem Titel “Out of context” hängen hier einige bereits vor Jahren entstandene und zu Collagen umgewandelte Bilder, jeglicher früheren Werbebotschaften enthoben.

Der hausgemachte Verkehr


Ein Schachtelturm aus 6 Elementen dient als Schutzummantelung für fragil gearbeitete Objekte aus Asphalt. Thematisiert wird dabei der stetig wachsende Straßenverkehr und dessen Herkunft (Verursacher). Dafür steht der Künstler beispielsweise an Straßenkreuzungen in Kassel, London oder Bürs. 2 bis 3 Minuten genügen ihm, um eine stattliche Anzahl an Autokennzeichen zu notieren. Später im Atelier werden diese Daten in Form eines Kreuzes Weiß auf Schwarz auf Asphaltbrocken aufgemalt. Da es sich dabei um keine wissenschaftliche Arbeit handelt, sondern ganz einfach um das Bedürfnis, seiner inneren Befindlichkeit Ausdruck zu verleihen, ist auch die Erkenntnis dieser Arbeit mit einem Wort gesagt: “Hausgemacht”. Gemeint damit ist eben auch, dass der Straßenverkehr in der Regel hausgemacht ist.

Bücher ohne Texte


Was sind Bücher, deren Textblöcke entfernt und stattdessen mit Wellkarton aufgefüllt wurden? Nichtbücher?  Reduziert auf ihr äußeres Erscheinungsbild, formiert zu einem Turm, dürfen sie nun Farbe bekennen. Die entnommenen Textblöcke dienen als Sockel, deren Inhalt, sei er noch so tragend, tragen darf.  Gleichwertig, abgesehen von ihrer Größe wird die Aufmerksamkeit auf die Einbände aus Leinen gelenkt. Seitlich und von vorne wirkt eine dominante Farbigkeit, während sich beim Anblick der Buchrücken der gewohnte Blick wie ins Bücherregal mit all den Titeln und Autoren einschleicht.

So klar und einfach seine Techniken sind, eine Beliebigkeit trifft für die Arbeiten Galehrs in keinem Falle zu. Die Werke und Zyklen zielen auf Evidenz. Immer steht die innere Logik der verwendeten Materialien und ihrer Farbe im Vordergrund, auch wenn er sie durch Transformationen neu kontextualisiert. Es geht ihm nicht zuletzt auch um „Enträtselung“. Die jeweilige Eigenart der Gegenstände und Bilder wird durch seine diffizile Umsetzung für den Betrachter an die Oberfläche gebracht und erkennbar gemacht, wenngleich er die Deutung immer dem Rezipienten überlässt.

Alois Galehr: Kunst aus dem Depot
Artenne Nenzing
bis 13.7.2014
Do 17-19, So 14-18h
u. bei Veranstaltungen u.n. Voranmeldung
www.artenne.at

Alois Galehr: Findling

Alois Galehr: Findling

Alois Galehr: Hausgemacht, 2003

Alois Galehr: Hausgemacht, 2003

Alois Galehr: Seitenteilesammlung

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Alois Galehr: Buntsäule 2

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Artenne-Chef Helmut Schlatter u. Künstler Alois Galehr (alle Fotos: Karlheinz Pichler)

Artenne-Chef Helmut Schlatter u. Künstler Alois Galehr (alle Fotos: Karlheinz Pichler)

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