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23.09.2015 |  Karlheinz Pichler

Die Auflösung körperlicher Grenzen – Barbara Graf in der Bludenzer Galerie allerArt

Installativ und wie aus einem Guss erscheint die aktuelle Ausstellung der aus Winterthur stammenden Künstlerin Barbara Graf in der Galerie allerArt in der Remise Bludenz. Anhand repräsentativer Arbeiten zeigt sie einen Querschnitt ihres Schaffens aus den vergangenen zehn Jahren, in dem unter anderem „anatomische Gewänder“ ein zentrales Element darstellen.

Die Arbeiten, die die 1963 in Winterthur geborene und heute noch dort sowie in Wien lebende und arbeitende Künstlerin Barbara Graf im allerArt Bludenz zeigt, tragen Titel wie „Hand-Brust-Schichten“, „Streifen-Schlitz-Gewand“, „Faltenlinie“, „Hautfalten“ oder „Ohrenobjekt mit Tasche“ auf sich. Womit bereits angedeutet scheint, worum es Graf geht: Um den menschlichen Körper und mögliche Transformationen dazu. Mit den „Brust-„ sowie „Hand-Brust-Schichten“ etwa demonstriert sie, wie die körperlichen Grenzen durch Hüllen verlagert, erweitert und sukzessive aufgelöst werden können. Dabei erzeugt sie eine Art textiler „Geländemodelle mit Höhenlinien“. Auf ungebleichten Baumwollstoff stickt sie mit Hilfe einer Nähmaschine Körperstrukturen, die sich dann Schicht für Schicht fortsetzen. Graf erklärt: „Die gestapelten Schichten des Körperreliefs sind mit Garn in bestimmten Längen verbunden, sodass durch Auseinanderziehen das Relief expandieren kann und die Körperbegrenzung weiter in den Raum verlegt wird.“

Gleichzeitigkeit von Innen und Außen


Im Rahmen ihres künstlerischen Werkes setzt sich die Winterthurerin, die seit 2004 auch als Lektorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien tätig ist, also der Leibwahrnehmung und der Darstellung des menschlichen Körpers in seinen Ausdrucksweisen und seiner Verletzlichkeit auf die Spur. Sie untersucht in textilen Arbeiten, Fotografien und Zeichnungen körperliche Strukturen, die sprichwörtlich unter die Haut gehen.

Aus der Serie der textilen Bilder „Tücher“ wartet Graf in Bludenz mit „Tuch8“ und „Tuch 9“ auf. Falten als körperliches Ereignis thematisiert sie hier in medizinischer Gaze. Falten als zeichnerische Linien werden mit der Nähmaschine gestickt oder durch Verschieben der einzelnen Fäden des Gewebes gebildet. In den fotografischen Inszenierungen verwandeln sich die Textilien zu neuen Körperbildern. Die Gleichzeitigkeit und Koinzidenz von Innen und Außen verkörpert sich auch in der Skulptur „Ohrenobjekt mit Tasche“ (2005). Sie orientiert sich an der architektonischen Struktur des Innenohrs und wird in vergrößerter Form als textiles Objekt am Außenohr getragen. Nicht ohne Ironie tritt dieses gleichsam wie ein überdimensionales Schmuckstück auf und kann sich auch zur Scheuklappe wandeln.

Die vielfältigen Verfahrensweisen der Künstlerin beschreibt die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Cathrin Pichler:Geformt, gelegt, geschichtet, geglättet, gefaltet, verschnürt, entfaltet, zerlegt, geteilt, gestreckt, gezogen, gespannt, gehöht – so zeigen sich Barbara Grafs Kunst-Körper. Erstaunliche Auflösungen und ebenso erstaunliche Manifestationen phantasierter Körperlichkeit finden sich in der Geschichte der so genannten anatomischen Gewänder. Ihre Anatomien sind immer Anlehnungen an die wirkliche Anatomie des menschlichen Körpers, zeigen sich wie Hüllen, fabriziert aus Formen und Elementen des Inneren des menschlichen Körpers, akzentuieren diesen in Fragmenten oder entblättern diesen in Schichten. Sie sind aus Karton oder Stoff. Stoff liegt nahe, liegt einer ‚Stofflichkeit’ von Haut, Gewebe, ja von Fleischlichkeit nahe.“ (aus: Ding und Leben – Zu den Kunstkörpern von Barbara Graf, in: CORPOrealities, Hg. Christina Lammer, Löcker Verlag Wien, 2010).

Als Bestandteile der „anatomischen Gewänder“ fungieren Taschen und wissenschaftlich anmutende Bedienungsanleitungen. Diese beschreiben zeichnerisch die Handlungs- und Präsentationsmöglichkeiten der Körperskulpturen. Darüber hinaus wird der Vorgang des Zusammenfügens und Zerlegens dargestellt. Er unterstreicht das anatomische Prinzip, verweist auf das Schnittmuster wie auch auf die Auffassung der Körperhüllen als flexible Skulptur. Das Einpacken der Einzelteile in die dazugehörigen Taschen evoziert den inhärenten nomadischen Charakter.

Transformation


Auch in den anderen Werken der Ausstellung ist der Vorgang der Transformation zentral. In ihren Körpertopografien schafft Barbara Graf eine eigenständige Position der Materialisierung und Visualisierung einer imaginären Leib-Identität und erforscht in ihren Arbeiten mit irritierender Klarheit und expressiver Zurückhaltung Körperdarstellung und Leiblichkeit: zwischen wissenschaftlich angelehnten Untersuchungen und poetischen Erfindungen. Mit Unterschied zum Begriff „Körper“, der auch ein unbelebter Gegenstand sein kann, verweist Graf auf den Terminus „Leib“, da mit Leib ausdrücklich der beseelte menschliche Körper angesprochen werde. „Durch den Leib, mit dem Leib oder Leib zu sein ist Voraussetzung, um uns in einem Verhältnis zur Umgebung zu verstehen“, konstatiert die Künstlerin. Graf sieht in ihren Arbeiten folglich gleichsam Erfindungen zur Leiblichkeit. Sie versucht, Körper und Leib in all deren Ausformungs- und Wandlungstendenzen in einer Gesamthaftigkeit zu erfassen und auszuloten und auch Nichtdarstellbares als lyrische Begleittöne mitklingen zu lassen.

allerArt-Kurator Alfred Graf hat das diesjährige Ausstellungsprogramm eigentlich der Devise „Künstlerduos und Künstlerpaare“ unterstellt. Dass Barbara Graf, die übrigens nicht mit dem Kurator Graf verwandt ist, die Galerie allerArt mit einem „Solo“ bespielt, ist den Umständen der Zeit geschuldet. Sie und ihr (Künstler)Partner haben sich vor Kurzem getrennt. Auch wieder eine Art von „Transformation“….

Barbara Graf: „Solo“
Galerie allerArt
Remise Bludenz, Raiffeisenplatz 1
Bis 18.10.2015
Mi-Sa, So u. Fe 15.00 bis 18.00 Uhr
3.10., 20.00: ORF Lange Nacht der Museen: Barbara Graf im Gespräch
www.allerart-bludenz.at

Barbara Graf: Hand-Brust-Schichten, 2008 (Baumwolle, Druckknöpfe, Haken und Ösen, Bedienungsanleitung)

Barbara Graf: Hand-Brust-Schichten, 2008 (Baumwolle, Druckknöpfe, Haken und Ösen, Bedienungsanleitung)

Barbara Graf: Faltenlinien 1 bis 3, 2010 (Baumwolle, roter Faden)

Barbara Graf: Faltenlinien 1 bis 3, 2010 (Baumwolle, roter Faden)

Barbara Graf: Konturen/Installation (Ausschnitt), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile)

Barbara Graf: Konturen/Installation (Ausschnitt), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile)

Barbar Graf: Konturen/Installation (Detail), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile)

Barbar Graf: Konturen/Installation (Detail), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile)

Barbar Graf: Faltenlinien 6 - Bandage (Face-Mapping), 2013 (Fotografie, Nr. 1-8)

Barbar Graf: Faltenlinien 6 - Bandage (Face-Mapping), 2013 (Fotografie, Nr. 1-8)

Barbara Graf: Blick in die Ausstellung "Solo" (Fotos: Karlheinz Pichler)

Barbara Graf: Blick in die Ausstellung "Solo" (Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Barbara Graf: Hand-Brust-Schichten, 2008 (Baumwolle, Druckknöpfe, Haken und Ösen, Bedienungsanleitung) Barbara Graf: Hand-Brust-Schichten, 2008 (Baumwolle, Druckknöpfe, Haken und Ösen, Bedienungsanleitung)
  • Barbara Graf: Faltenlinien 1 bis 3, 2010 (Baumwolle, roter Faden) Barbara Graf: Faltenlinien 1 bis 3, 2010 (Baumwolle, roter Faden)
  • Barbara Graf: Konturen/Installation (Ausschnitt), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile) Barbara Graf: Konturen/Installation (Ausschnitt), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile)
  • Barbar Graf: Konturen/Installation (Detail), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile) Barbar Graf: Konturen/Installation (Detail), 2005/2013 (Baumwolle, Haken und Ösen, Garn, Reißverschluss, 45 Teile)
  • Barbar Graf: Faltenlinien 6 - Bandage (Face-Mapping), 2013 (Fotografie, Nr. 1-8) Barbar Graf: Faltenlinien 6 - Bandage (Face-Mapping), 2013 (Fotografie, Nr. 1-8)
  • Barbara Graf: Blick in die Ausstellung "Solo" (Fotos: Karlheinz Pichler) Barbara Graf: Blick in die Ausstellung "Solo" (Fotos: Karlheinz Pichler)