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22.05.2019 |  Karlheinz Pichler

Beschüttet und bedruckt – In der Rankweiler Druckwerkstatt entstandene Grafiken von Hermann Nitsch in der Schrunser MAP Galerie

Im Gesamtœuvre des österreichischen Schüttkünstlers Hermann Nitsch spielt auch die Druckgrafik eine zentrale Rolle. In diesem Bereich arbeitet er seit zwölf Jahren mit dem Rankweiler Künstler Markus Gell und dessen Druckwerkstatt zusammen. Unter dem Titel „Fuge“ ist kürzlich ein neuer Zyklus entstanden, der nun in der MAP Galerie in Schruns erstmals öffentlich präsentiert wird.

Genau zwanzig Jahre sind vergangenen, seit der damalige und mittlerweile in Pension gegangene Schrunser Gemeindearzt Johann Wolfgang Trippolt seine MAP Galerie gegründet hat. Wobei MAP für „MontARTphon“ steht. Fanden die Ausstellungen zunächst in den Ordinationsräumen Trippolts statt, so verfügt die Galerie mittlerweile längst über eigene Räumlichkeiten, in denen sie im Rahmen von drei bis vier Ausstellungen pro Jahr die Werke nationaler und internationaler Künstler und Künstlerinnen präsentiert. Bei der Programmplanung und Organisation der Kunstschauen wird Trippolt tatkräftig von Leuten wie dem Paul-Flora-Kenner Karl Peter, dem Kultur- und Ausstellungsentwickler Bruno Winkler oder dem Fotografen und Banker Manfred Schlatter unterstützt.      
Einen Ausstellungsbetrieb über 20 Jahre hinweg kontinuierlich zu pflegen kann sich in einem Land, in dem Galerien eher zu- als aufsperren, durchaus sehen lassen. Und ein besonderes Jubiläum kann man am besten mit einer besonderen Ausstellung feiern. Mit Hermann Nitsch, der zu den wichtigsten österreichischen Gegenwartskünstlern zählt und dessen Werke in allen großen Museen der Welt hängen, ist da zweifelsohne ein großer Wurf gelungen.     
Der vor fünf Jahren verstorbene Kunsthistoriker und internationale Ausstellungsmacher Wieland Schmid fasste das Schaffen von Herman Nitsch einmal in einem Satz komprimiert zusammen: „Alles, was Hermann Nitsch macht, was er denkt, malt, zeichnet, dichtet, baut, komponiert, ist Teil des Orgien Mysterien Theaters und erhält von daher seine Bedeutung.“      
Weil Nitsch bei diesen Orgien-Mysterien-Theater-Aktionen Blut, Gedärme und Kadaver einsetzt, hat dies in der Vergangenheit immer wieder zu Protesten in der Öffentlichkeit, vor allem bei Tierschützern geführt. In den 1960er Jahren ist er auch mehrfach dafür verhaftet und hinter Gitter gebracht worden. Bei uns haben sich die Gemüter mittlerweile längst beruhigt, denn Nitsch verwendet ohnehin nur geschlachtete Tiere aus Metzgereien. 2008 ist er sogar mit dem österreichischen Staatspreis ausgezeichnet worden. Dennoch ist die Salonfähigkeit noch nicht überall gegeben. So ist es etwa in Italien im Rahmen seiner Ausstellung „Katharsis“ im Palazzo Ducale in Mantua gerade erst Anfang Mai dieses Jahres wieder zu großen Aufregungen gekommen. Selbst der italienische Kulturminister Alberto Bonisoli hatte Bedenken über Nitschs Ausstellung geäußert und empfing in Rom eine Gruppe von Tierschützern, die Unterschriften gegen die Schau des österreichischen Künstlers in Mantua gesammelt hat. Zeitgenössische Kunst muss zu Debatten anregen, doch warum muss man eine Ausstellung dieser Art ausgerechnet im Palazzo Ducale veranstalten? Das finde ich einen übereilten Beschluss schlechten Geschmacks, schrieb der Kulturminister auf Facebook.     

Kunst und Katharsis    

Wie auch immer, basierend auf der Idee eines Gesamtkunstwerks, das die menschlichen Sinne allumfassend anspricht, legt der Künstler, der auf Schloss Prinzendorf in Niederösterreich lebt, seine Aktionen als orgiastische, bis zum Exzess gesteigerte Erlebnisse an, die eine reinigende Wirkung (Katharsis) nach sich ziehen sollen. Die Überzeugung, dass Kunst heilende, kathartische Wirkung haben kann, ist grundlegend für Hermann Nitschs künstlerischen Ansatz. Die theatralisch-aktionistischen Aufführungen, die Musik, die er selber komponiert, die Malerei, Film, Fotografie – alles ist dieser großen Einheit untergeordnet. Auch die Druckgrafik, die technisch besonders ausgereift ist, und von der man gegenwärtig in Schruns einen feinen Einblick erhalten kann.     

Druckgrafik von Beginn an mit dabei     

Nitsch hat das Drucken gleichsam von der Pike auf gelernt. Im Zuge einer fünfjährigen Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien hatte er bis 1957 die Gelegenheit, alle möglichen drucktechnische Fertigkeiten zu erlernen, beispielsweise im Bereich der Lithografie und der Radierung. Zeitgleich entwickelte er bereits damals die ersten Ideen zu einem Orgien Mysterien Theater. Mitte der 1960er Jahre erstellte der Künstler die ersten Zeichnungsskizzen für eine unterirdische Theaterarchitektur, in der die Aktionen des Orgien-Mysterien-Theaters stattfinden sollten. Die Auseinandersetzung mit diesem außergewöhnlichen Architekturansatz wurde in der Folge zum zentralen Motiv seiner Druckgrafiken und zeigt den unbedingten Konnex zum Gesamtkunstwerk von Hermann Nitsch.    
In jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit den Verlegern Francesco Conz und Fred Jahn entstanden in Deutschland und Italien im Laufe der Zeit etliche Grafikmotive zu dieser Thematik. Fred Jahn gab in der Münchner Druckerei Imhof große Mappenwerke in Auftrag. Monumentale Druckgrafik in Großformaten entstand. Viele der Grafiken aus dieser Zeit entstanden ohne Verwendung von Umdruckpapier, Offsetfilm oder Aluminiumplatten direkt auf den Träger Stein.      
Anfang der 1990er Jahre erfuhr das druckgrafische Œuvre von Nitsch durch die Bekanntschaft mit dem Drucker Kurt Zein eine neue technische Dimension. Gemeinsam entwickelten sie die sogenannte Unikatgrafik, bei der auf vorab vom Künstler mit Farbe handüberschüttetem Papier gedruckt wird.     

Enge Zusammenarbeit mit Markus Gell     

Seit 2007 arbeitet Hermann Nitsch nun immer wieder auch mit Markus Gell, der in Rankweil ein eigenes Druckmuseum betreibt, zusammen. Und das ist eine weitere Besonderheit dieser Ausstellung in der MAP Kellergalerie. Ein internationaler „Starkünstler“, der im kleinen Vorarlberg drucken lässt. Das kommt nicht von ungefähr. Durch das jahrlange konstant auf höchstem Niveau erfolgte Schaffen hat sich Gell mit seiner Druckwerkstatt längst internationales Renommee erworben. Fast möchte man sagen, im Land verkannt, im Ausland hoch geschätzt und anerkannt. Wie sonst wäre es möglich, dass so viele grafische Werke von Kunstgrößen wie etwa Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Gottfried Honegger, Chiharu Shiota, Markus Vallazza, Nino Malfatti oder Lois Anvidalfarei direkt aus der Druckwerkstatt von Gell kommen?      
Über Druckaufträge zum Schaffen des Rabenzeichners Paul Flora hat sich denn auch die Verbindung zu Schruns und zur MAP Galerie entwickelt. Der Montafoner Sammler und Flora-Kenner Karl Peter wollte dereinst unbedingt beim Lithografieren von Flora-Zeichnungen direkt mit dabei sein. Seither ist er von der Welt des Druckes besessen und amtet immer wieder gleichsam als Assistent von Gell, wenn es um künstlerischen Druck geht. Peter hat denn auch die aktuelle Nitsch-Ausstellung in der MAP-Galerie kuratiert.      

Choreografierte Ausstellungsdramaturgie     

Wenn man die Ausstellung „Fuge so der Titel der Ausstellung – besucht, so lässt sich eine feine Choreografie ablesen. Der Besucher wird mit Fotografien, die Markus Gell auf Schloss Prinzendorf gemacht hat, empfangen und anhand dieser Aufnahmen aus dem direkten Umfeld Nitschs gleichsam auf die Werkschau eingestimmt. Danach spiegelt sich im Hängekonzept der zeitliche Verlauf der Zusammenarbeit zwischen Hermann Nitsch und Markus Gell wieder. Im ersten Raum sind die ersten Früchte der Zusammenarbeit aus dem Jahre 2007 zu sehen. Im zweiten Raum vor allem kleinere Arbeiten, die Nitsch für private Feierlichkeiten wie etwa Hochzeiten produzierte, im dritten Raum dann komplexe großformatige Druckwerke. Dazwischen gestreut immer wieder Fotografien, die Nitsch beim Drucken oder Signieren zeigen. Im letzten dieser Kabinetträume dann, auf einem in der Nitsch-Farbe Rot eingefärbten Holzband, das sich über drei Wände hinzieht, die Präsentation der neue Fugen-Serie.      
Für diese neue Fuge wurden sechs Lithografiesteine und eine Radierplatte in unterschiedlichen Kombinationen gedruckt. Was typisch für das druckgrafische Werk von Hermann Nitsch ist: Handbezeichnete Lithografiesteine wurden mehrfach kombiniert, über- und gegeneinander gestellt und teilweise mit zusätzlichen grafischen Techniken, beispielsweise der Radierung, kombiniert. Ein Blatt wurde nachträglich von Hermann Nitsch handüberzeichnet. Jede Serie ist somit ein Unikat.        
Alle in der Galerie zu sehenden Arbeiten entstammen der Druckwerkstatt von Gell. Interessant dabei auch jene Arbeiten, bei denen in der Rankweiler Werkstatt von Nitsch mit Acrylfarbe handüberschüttete Papiere bedruckt wurden. Auf dieser Vorgehensmethodik hatte ja, wie oben erwähnt, Kurt Zein gleichsam das Monopol darauf. Aber Zein ist längst in Pension gegangen und hat das Verfahren daher für Markus Gell freigegeben.     

Kompression und Dekompression     

Zum Titel der Ausstellung: Fuge. Der Begriff stammt ja aus der Musik, die wiederum für Nitsch von enormer Bedeutung ist. In der Musik benennt die Fuge (von lateinisch fuga/Flucht) ein musikalisches Kompositionsprinzip polyphoner Mehrstimmigkeit. Kennzeichnend für die Fuge ist eine besondere Anordnung von Imitationen zu Beginn der Komposition: Ein musikalischer Thema wird in verschiedenen Stimmen zeitlich versetzt wiederholt, wobei es jeweils auf unterschiedlichen Tonhöhen einsetzt, in der Regel abwechselnd auf dem Grundton und der Quinte. Bei Nitsch entsteht diese Polyphonie eben durch die kompositorischen Überlagerungen der Drucke der verschiedenen Lithografiesteine. Mit jedem zusätzlichen Überdrucken verdichtet sich die Grafik gleichsam. In diesem Zusammenspiel von Verdichtung und Dekompression, der engen Hängung auf rotem Farbband in der Geschlossenheit des kleinen Raumes verströmt dieser Zyklus hier eine fast sakrale Stimmung.     

Übrigens läuft in der Wiener Albertina seit 17. Mai ebenfalls eine Ausstellung mit Arbeiten von Hermann Nitsch. Unter dem Titel „Räume aus Farbe“ steht in dieser großen Werkschau das malerische Werk des Künstlers im Mittelpunkt.    

   

Hermann Nitsch: Fuge
Druckgrafiken und bedruckte Schüttbilder
Bis 8. Juni
Fr, Sa, So 17-19
MAP Galerie, Schruns
https://www.facebook.com/montartphon 

Hermann Nitsch: Unikatgrafik

Hermann Nitsch: Unikatgrafik

Hermann Nitsch: Blick in die Ausstellung (Foto: Manfred Schlatter)

Hermann Nitsch: Blick in die Ausstellung (Foto: Manfred Schlatter)

Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht)

Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht)

Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht)

Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht)

Hermann Nitsch: Lithografien (einfärbig und überzeichnet)

Hermann Nitsch: Lithografien (einfärbig und überzeichnet)

Karl Peter und Markus Gell beim Abziehen eines Nitsch-Druckes

Karl Peter und Markus Gell beim Abziehen eines Nitsch-Druckes

20 Jahre MAP Galerie: Die Protagonisten Karl Peter, Johann Trippolt und Bruno Winkler (Bild: Manfred Schlatter)

20 Jahre MAP Galerie: Die Protagonisten Karl Peter, Johann Trippolt und Bruno Winkler (Bild: Manfred Schlatter)

Markus Gell erklärt die "Fuge" (Foto: Manfred Schlatter)

Markus Gell erklärt die "Fuge" (Foto: Manfred Schlatter)

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  • Hermann Nitsch: Unikatgrafik Hermann Nitsch: Unikatgrafik
  • Hermann Nitsch: Blick in die Ausstellung (Foto: Manfred Schlatter) Hermann Nitsch: Blick in die Ausstellung (Foto: Manfred Schlatter)
  • Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht) Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht)
  • Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht) Hermann Nitsch: Fuge (Ausstellungsansicht)
  • Hermann Nitsch: Lithografien (einfärbig und überzeichnet) Hermann Nitsch: Lithografien (einfärbig und überzeichnet)
  • Karl Peter und Markus Gell beim Abziehen eines Nitsch-Druckes Karl Peter und Markus Gell beim Abziehen eines Nitsch-Druckes
  • 20 Jahre MAP Galerie: Die Protagonisten Karl Peter, Johann Trippolt und Bruno Winkler (Bild: Manfred Schlatter) 20 Jahre MAP Galerie: Die Protagonisten Karl Peter, Johann Trippolt und Bruno Winkler (Bild: Manfred Schlatter)
  • Markus Gell erklärt die "Fuge" (Foto: Manfred Schlatter) Markus Gell erklärt die "Fuge" (Foto: Manfred Schlatter)