Die Berliner Band „Milliarden“ beim Poolbar Festival (Foto: Darius Grimmel)
Peter Füssl · 04. Jul 2024 · CD-Tipp

Arooj Aftab: „Night Reign“

Die 39-jährige Sängerin, Komponistin und Produzentin Arooj Aftab ist einerseits tief verwurzelt in der musikalischen Tradition ihrer pakistanischen Heimat, hat andrerseits aber am Berklee College of Music Jazz studiert und integriert in ihren ganz speziellen Musik-Mix auch Elemente aus Minimal Music, Ambient und Folk. Ihr 2021-er Album „Vulture Prince“ brachte ihr nicht nur hervorragende Kritiken ein, sondern auch den ersten Grammy für eine pakistanische Frau, und auch das 2023 im Trio mit Vijay Iyer und Shahzad Ismaily veröffentlichte „Love in Exile“ stieß über alle Genre-Grenzen hinweg auf Begeisterung. Diese Erfolgssträhne prolongiert sie nun mit ihrer vierten Solo-Produktion „Night Reign“, einem Konzeptalbum mit neun Songs zum Thema Nacht, das in jeglicher Hinsicht überzeugt.

In den von ihr selbst komponierten acht Songs geht es aber nicht etwa um Albtraumhaftes, Bedrohliches oder Furchteinflößendes, sondern um die angenehmen, wohligen und inspirierenden Seiten der Nacht als jener magischen Zeit, um in schönen Erinnerungen zu schwelgen, verflossenen Lieben nachzutrauern, sich sehnsuchtsvollen Erwartungen hinzugeben oder sich einen hoffnungsvollen Neuanfang auszumalen. Und das natürlich völlig kitschbefreit mit einem breiten Spektrum an in der pakistanischen Nationalsprache Urdu bzw. in Englisch gehaltenen Texten: überwiegend Selbstverfasstes, aber auch Lyrik von Mah Laqa Bai Chanda, die im 18. Jhdt. als erste Frau eine in Urdu verfasste Gedichtsammlung veröffentlichte (und der ursprünglich das ganze Album gewidmet sein sollte), des mittelalterlichen persischen Sufi-Mystikers Rumi, des 1933 in Rajasthan geborenen indischen Dichters Shamim Jaipuri - bis hin zu einem vertonten Instagram-Post der mit ihr befreundeten Schauspielerin Yasra Rizvi. Diese schon allein von den Entstehungszeiten her sehr unterschiedlichen Texte erfüllt Arooj Aftab mit ihrer wundervollen, enorm ausdrucksstarken und eine besondere Intimität ausstrahlenden Altstimme, die durch geschickten Einsatz von Halleffekten und orientalischen Melismen zusätzlich an Expressivität gewinnt, mit Leben. Der Gesang ist der nächtlichen Atmosphäre entsprechend zumeist in getragenem Tempo angesiedelt. Die größtenteils von Aftab stammenden, einfallsreichen Arrangements werden vor allem durch das farben- und variationsreiche Spiel der schottischen Harfenistin Maeve Gilchrist geprägt, oftmals in reizvoller Kombination mit den akustischen Gitarren von Kaki King und Gyan Riley. Statt auf die Vehemenz eines Drummers setzt Aftab auf den perkussionistischen Feingeist Jamey Haddad, der zumeist im Doppel mit dem vom Oded Tzur Quartett her bekannten griechischen Kontrabassisten Petros Klampanis die dezent-effektive Rhythmusarbeit erledigt. Letzterer überlässt den Platz des Tieftöners aber auch prominenten Gästen wie Linda May Han Oh oder Shahzad Ismaily, der auch am Roland Juno und am Fender Rhodes interessante Farbtupfer abliefert. Vijay Iyer, einer der außergewöhnlichsten Pianisten und Komponisten der Gegenwart, und Chocolate Genius (Marc Anthony Thompson) setzen als Gäste pianistische Glanzlichter. Mit „Last Night Reprise“ nimmt die Sängerin ein Erfolgsstück von „Vulture Prince“ nochmals auf, dessen Text „Last night, my beloved was like the moon. So beautiful.“ natürlich zur Grundthematik besonders gut passt, und in dessen Mittelteil in der nunmehrigen Reprise sogar eine freie Kollektivimprovisation Platz findet, ehe Aftab zum mitreißenden Finale ansetzt. Besonders eindrucksvoll gerät auch „Bolo Na“, in dem nicht nur Vibraphonist Joel Ross seine Kunst entfaltet, sondern auch Moore Mother, deren eindringliche Spoken-Word-Performance sich auf wundervolle Weise mit Aftabs kraftvollem Urdu-Gesang matcht. Schönheit und Spannung, Emotion und Experiment befinden sich auf diesem Album stets in perfekter Balance, was besonders auch bei der außergewöhnlichen Interpretation des Prévert/Kosma/Mercer-Klassikers „Autumn Leaves“ deutlich wird, wenn Arooj Aftabs unter die Haut gehender, gleichermaßen melancholisch wie gespenstisch cool wirkender Gesang nur mit einem vorwärtstreibenden trockenen Tribal-Synth-Beat und Ohs warmem Bassspiel unterlegt ist. „Raat Ki Rani“ schließlich hat seinen Namen von einem in der Nacht blühenden Jasmin, dessen berauschender Duft einen unweigerlich in den Bann zieht – das wäre ebenfalls ein absolut passender Name für dieses grandiose Album gewesen.

 (Verve/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2024 erschienen.