Marie Spaemann am Violoncello und Christian Bakanic am Akkordeon führten klangsinnliche und ausdrucksstarke musikalische Dialoge miteinander. (Foto: Stefan Hauer)
Michael Löbl · 11. Aug 2025 · Musik

All About Eve

Komponistinnen standen im Mittelpunkt eines Festspielkonzertes im Bregenzer Seestudio.

Mit einer klug konzipierten Kombination aus Sprache und Musik stellten Sophie Heinrich (Violine) und Maria Radutu (Klavier) sieben Komponistinnen in den Fokus. Das Publikum war zu Recht begeistert.

Der 7. August war der „Equal Pension Day 2025“ in Österreich. Es ist jener Tag, an dem Männer bereits so viel Pension erhalten haben, wie Frauen erst bis zum Ende des Jahres bekommen werden. Obwohl die zu diesem Datum führenden Berechnungsmethoden durchaus zu hinterfragen sind, zeigt dieser Tag, dass Frauen in vielen Bereichen noch immer schlechter gestellt sind als ihre männlichen Kollegen. 
In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat sich aber einiges getan und das in einem verblüffenden Tempo. Wer hätte noch vor zehn Jahren gedacht, dass man für eine Europameisterschaft im Frauenfußball unglaubliche 650.000 Tickets verkaufen kann? Aber auch beim Thema Komponistinnen hat man inzwischen gewaltig aufgeholt. Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es ein einziges Werk einer Frau, das regelmäßig gespielt wurde, nämlich das Flötenconcertino op. 107 der französischen Romantikerin Cécile Chaminade. Bis heute hat das jede Flötistin und jeder Flötist im Repertoire, es ist ein beliebtes Wettbewerbsstück und es existieren Dutzende Einspielungen. Dass das Konzertrepertoire jahrhundertelang sonst überhaupt kein Werk einer Komponistin enthielt, ist lange Zeit niemandem so richtig aufgefallen.

Brillant, lehrreich und unterhaltsam

Inzwischen sind Namen wie Clara Schumann, Louise Farrenc, Emilie Mayer, Mélanie Bonis, Maria Bach, Ethel Smyth, Galina Ustwolskaja, Olga Neuwirth oder die Vorarlbergerin Johanna Doderer regelmäßig in Konzertprogrammen von Orchestern, Solist:innen und Kammermusikensembles vertreten. In Vorarlberg hat auf diesem Gebiet vor allem Klaus Christa im Rahmen seiner "Pforte"-Reihe Pionierarbeit geleistet. Vom „Equal Composers Day“ sind wir natürlich noch weit entfernt, auch weil komponierende Frauen bis in das 20. Jahrhundert absolute Ausnahmeerscheinungen waren. 
„All About Eve“ war der Titel eines Konzertes im Rahmen der Bregenzer Festspiele am Sonntagabend im Seestudio des Festspielhauses. Die Geigerin Sophie Heinrich, hierzulande bestens bekannt als ehemalige Konzertmeisterin der Wiener Symphoniker und als Dozentin an der Stella Musikhochschule und Maria Radutu, ihre Partnerin am Flügel, haben ein interessantes, lehrreiches aber durchaus auch unterhaltsames Programm zusammengestellt. Es enthielt – mit nur einer Ausnahme - ausschließlich Werke von Frauen mit Kompositionen, die wirklich niemand kennt und die alle durch sehr hohe musikalische Qualität auffielen. Die Musikstücke wurden ergänzt durch Informationen zu den Komponistinnen und ihren Werken mit biographischen Details, Zitaten oder Aussagen von Zeitgenossen. Das war hochinteressant, dazu durchgehend brillant und überzeugend gespielt, dabei wirklich abwechslungsreich. Ob sich der Titel „All About Eve“ auf den gleichnamigen US-Film mit Bette Davis und Anne Baxter aus dem Jahr 1950 bezieht, wurde offengelassen. 

Von Europa in die USA und zurück

Zu hören waren Werke für Violine und Klavier von sieben Komponistinnen aus Europa und den USA. Zunächst drei wunderschöne, kurze Stücke der Schwestern Nadia und Lili Boulanger. Trotz ihrer ganz eigenen Tonsprache hört man deutliche Anklänge an Debussy und Ravel aber auch an Sergei Rachmaninoff. Anschließend ging es mit Lera Auerbach, Nkeiru Okoye, Florence Price und Amy Beach in die USA. Vier sehr unterschiedliche Kompositionsstile faszinierten das Publikum, wobei das Klavier-Solostück von Nkeiru Okoye mit seinen afrikanischen Einflüssen und die fis-moll Fantasie für Violine und Klavier von Florence Price den stärksten Eindruck hinterließen. Florence Price war übrigens mit ihrer ersten Symphonie bereits vor zwei Jahren in einem Festspielkonzert der Wiener Symphoniker vertreten. 
Alle Komponistinnen hatten trotz ihrer Unterschiedlichkeit mit ähnlichen Widerständen zu kämpfen. Immer gab es irgendjemanden, der nicht damit einverstanden war, dass sie Musik schrieben. Meist waren das Ehemänner oder Väter, seltener Mütter (Amy Bach!) oder eifersüchtige Komponistenkollegen. Sophie Heinrich und Maria Radutu beleuchteten die verschiedenen Lebenswege mit schlüssig zusammengestellten Texten und schufen dadurch Verbindungen von der Biographie zur Musik von sieben verschiedenen Persönlichkeiten. Und alles ohne zu dozieren, sympathisch, abwechslungsreich und humorvoll.
Von den USA ging es wieder zurück nach Europa in die Zeit um den Ersten Weltkrieg. Die Kroatin Dora Pejačević führte ein rastloses Leben zwischen Deutschland und ihrer kroatischen Heimat, wo sie allerdings sehr bekannt war und als Pianistin aber auch als Komponistin große Erfolge feierte. Hier geriet der gesprochene Teil etwas zu ausführlich, so genau wollten wir das gar nicht wissen, was ihre beste Freundin über sie gedacht und von der bevorstehenden Heirat gehalten hat. Die dreisätzige Violinsonate op. 43 von Dora Pejačević beeindruckte dann durch Temperament, kühne Harmonien und rhythmische Prägnanz. Sophie Heinrich und Maria Radutu boten eine mitreißende Wiedergabe dieses Werkes, das einen Platz im Repertoire absolut verdient hätte. Durch den ganzen Abend war es faszinierend zu beobachten, wie flexibel sich die beiden Musikerinnen in die doch sehr unterschiedlichen musikalischen Welten der Komponistinnen einfühlen konnten und dabei stets den richtigen Ton trafen. 
Warum dieses schlüssige Konzept mit Komponistinnen durch das Schlussstück, dem ollen „Grand Tango“ des unvermeidlichen Astor Piazzolla – der das noch dazu eigentlich für Cello geschrieben hat – durchbrochen werden musste, bleibt unverständlich. Am Ende muss es dann doch ein Mann richten – oder was war da jetzt die Botschaft? Man hätte ganz bestimmt ein ebenso schmissiges von einer Frau geschriebenes Finalstück gefunden.
Alles in allem ein wirklich besonderes Konzert abseits der Festspiel-Blockbuster Seebühne, Hausoper oder Orchesterkonzerte. Das Seestudio war ausverkauft und am Schluss gab es Standing Ovations für die beiden grandiosen Musikerinnen. Es bleibt zu hoffen, dass diese kleine aber feine Festspielschiene nicht demnächst dem Sparstift zum Opfer fallen wird.

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