#dieteilzeitlosen“ im Theater Kosmos © Mistura_Koller
Walter Gasperi · 07. Sep 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (8.9. – 14.9.2023)

Die LeinwandLounge in der Remise Bludenz startet mit dem bildschönen Biopic „Der Palast des Postboten" in sein Herbstprogramm. Im Skino in Schaan steht dagegen mit „Das wandelnde Schloss" unter anderem ein Animé-Meisterwerk von Hayao Miyazaki auf dem Programm.

Der Palast des Postboten - L´incroyable histoire du facteur Cheval: Der im Südosten Frankreichs gelegene Palais idéal ist heute eine Touristenattraktion, die jährlich von über hunderttausend Menschen besucht wird. Zu Lebzeiten galt aber der Postbote Joseph Ferdinand Cheval (1836 – 1924), der dieses Bauwerk in jahrzehntelanger Handarbeit schuf, als verrückt. Nils Tavernier fokussiert in seinem rund 50 Jahre umspannenden Biopic, in das Zeitumstände wie die Dreyfus-Affäre oder der Erste Weltkrieg nur am Rande einfließen, ganz auf seinem Protagonisten. Er setzt diesem Fantasten ein großes und bewegendes Denkmal und feiert sein bedingungsloses Festhalten an seinem Traum. 
Großartig spielt Jacques Gamblin Cheval als einen Mann, der nicht in der Lage ist, seine Gefühle zu zeigen, im Innersten aber doch intensiv fühlt. Keine Träne mag ihm da beim Begräbnis seiner ersten Frau kommen, aber sein ganzer Schmerz wird spürbar, wenn er sich nach dem Tod seiner Tochter verzweifelt in einen Fluss stürzt. Wenig scheint er auch für seine von Laetitia Casta gespielte zweite Frau zu empfinden, doch spürbar wird bei einem letzten Gespräch, wie dankbar er ihr ist und wie innig er sie liebt.
So erzählt Tavernier in dem stimmig ausgestatteten Film auch bewegend eine Familiengeschichte und bietet in den weiten Wegen Chevals, der in 30 Dienstjahren zu Fuß fünfmal die Erde umrundete, ohne je seine Region verlassen zu haben, mit beeindruckenden Totalen der prächtigen Landschaft und den sich ändernden Jahreszeiten auch einen visuellen Genuss. 
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 13.9., 19 Uhr

 

Das wandelnde Schloss: Aus dem Nebel taucht mit Getöse, dampfend, knarrend, girrend das wandelnde Schloss auf: ein bewegliches Haus, zusammengesetzt aus dem Schrott der Industrialisierung – stahlgrau, teils verrostet, ein Ungetüm auf flinken stählernen Füßen – der fantastischste Einfall dieses Animé und ein wunderbares Beispiel für die überbordende Bilderwelt, aber auch für den Detailreichtum der Filme des japanischen Meisterregisseurs Hayao Miyazaki. 
Über ein Idyll mit saftig grüner Wiese, einem einfachen Häuschen, umgeben von Schafen scheppert dieses Ungetüm. Im Kontrast zur heilen „Heidi“-Landschaft steht die Stadt, in der es zwar einerseits romantische Fachwerkbauten mit Biedermeier-Einrichtung und Jugendstil-Prunk gibt, andererseits aber auch Fabriken mit qualmenden Schloten und auf den Straßen tummeln sich Soldaten.
Nicht japanisch, sondern eher europäisch – als Vorlage diente Miyazaki der 1986 erschienene Roman „Howl´s Moving Castle“ der Engländerin Diana Wynne Jones – ist das Ambiente dieses Films und die Stimmung erinnert an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Zivilisationskritik und Sehnsucht nach der heilen Natur bestimmen Miyazakis Werk seit der TV-Serie „Heidi“ und kennzeichnen auch seine Meisterwerke „Prinzessin Mononokè“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“. In „Das wandelnde Schloss“ stehen den großen Themen Krieg und Frieden sowie Industrialisierung und ihre Folgen auf der einen Seite die private Geschichte der kleinen Hutmacherin Sophie, die sich selbst für hässlich hält, auf der anderen gegenüber. Weil Sophie mit sich nicht zufrieden ist, wird sie von der Hexe aus dem Nirgendwoland in eine alte Frau verwandelt, flieht aus der Stadt und landet in Prinz Hauros wandelndem Schloss. 
So eskapistisch Miyazakis Film in den fantastischen Momenten mit Zauberern und Hexen auch ist, so realistisch und ernsthaft ist er in seiner pazifistischen Botschaft, in seiner Absage an die Mächtigen und ihre Kriegstreiberei. Poesie trifft hier auf Politik, Rationalität auf Spiritualität und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. 
Skino Schaan: Sa 9.9., 16 Uhr (Deutsche Fassung) + 18.15 Uhr (O.m.U.)


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