Aktuell in den Filmclubs (21.7. – 27.7.2023)
Sommerzeit ist Open-Air-Kino-Zeit: Beim KUB-Open-Air steht diese Woche Sophie Linnenbaums in seiner Originalität an „Amélie“ erinnerndes Langfilmdebüt „The Ordinaries“ auf dem Programm und in Altstätten sorgt das „Take That“-Musical „Greatest Days“ für gute Stimmung.
The Ordinaries: Mit dem Voice-over der jungen Paula (Fine Sendel) gibt Sophie Linnenbaum in ihrem Abschlussfilm für die Babelsberger Filmhochschule die Erzählperspektive vor. Leidenschaftlich schwärmt Paula für ihren Vater, der Hauptdarsteller in zahlreichen Filmen war, während ihre Mutter nur Nebenrollen spielte. Doch dann soll er bei einem großen Massaker, das die rechtlosen Outtakes an den Hauptdarsteller:innen verübten, umgekommen sein.
Ganz in dieser Filmwelt spielt „The Ordinaries“. Während Paula mit ihrer Mutter (Jule Böwe), die als Nebendarstellerin nur sehr banale und limitierte Dialoge spricht, in einer kleinen, ganz in Beige getauchten Wohnung lebt, nennt die Familie von Paulas Freundin Hannah (Sira Faal), deren Mitglieder Hauptdarsteller:innen sind, eine prächtige Villa ihr eigen. Hier gehen die Dialoge auch immer wieder in musicalartige Gesangsszenen über, in denen die Emotionen überschwappen.
Als Paula aber zunehmend wünscht, Genaueres über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren, führt sie diese Suche in die durch eine hohe Mauer und Stacheldraht abgeschottete Welt der Outtakes, die über keine Musik verfügen und deren Stimmen teils zensiert wurden.
Mit der Spaltung dieser Filmwelt und der Selbstfindung Paulas entwickelt sich der Film auch zum entschiedenen Plädoyer gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und für die Wertschätzung des Individuums und den ihm jeweils eigenen Qualitäten. Damit einher geht auch eine Kritik an künstlich generierten Emotionen und ein Plädoyer für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.
„The Ordinaries“ sprüht dabei von einem Einfallsreichtum und einer Originalität, die an die Filme Jean-Pierre Jeunets oder Michel Gondrys erinnern. Lustvoll spielt Linnenbaum in ihrem mit viel Liebe zum Detail gestalteten Debüt mit den unterschiedlichen Milieus von Haupt-, Nebendarsteller:innen und Outtakes ebenso wie mit Filmfehlern oder Nebenfiguren, deren Münder verpixelt sind, weil ihnen die Sprache geraubt wurde, aber auch mit schwarzweißen Figuren, deren Gesichtern jede Farbe entzogen ist, oder dem Stummfilm.
KUB Open-Air-Kino, Karl-Tizian-Platz, Bregenz: Do 27.7., 21.15 Uhr
Greatest Days: In den 1990er Jahren zählte die 1989 in Manchester gegründete Pop-Band „Take That“ zu den angesagtesten Boy-Groups. Mit den Studioalben „Everything Changes“ (1993) und „Nobody Else“ (1995) landete sie internationale Hits, ehe sich die Band 1996 auflöste, 2005 dann aber doch wieder neu formierte. Nach dem Muster von „Mamma Mia!“ schrieb so der Brite Tim Firth 2017 um zahlreiche Songs von „Take That“ das Bühnenmusical „Greatest Days“, das Coky Giedroyc nun verfilmte: Ein Reunion-Konzert der Band, die im Film „The Boys“ heißt, etwa im Jahr 2017 bildet den Auslöser der Handlung. Denn die britische Krankenschwester Rachel (Aisling Bea) gewinnt beim Preisausschreiben eines Radiosenders vier Tickets für dieses Konzert. Ihren Partner will sie aber nicht mitnehmen, da dieser nicht viel von der Band hält. Viel näher liegen da als Begleiterinnen vier Freundinnen, mit denen sie vor 25 Jahren für „The Boys“ schwärmte. Längst haben sich allerdings die Frauen aus den Augen verloren.
So mischen sich unter die Gegenwartshandlung Rückblenden an diese Jugendzeit und die leidenschaftliche Musikbegeisterung. Schwung- und lustvoll beschwört Coky Giedroyc das jugendliche Lebensgefühl, bei dem die Teenager immer wieder träumen, wie die Band mit ihren Songs direkt in ihren Alltag eingreift.
Vor allem ist das natürlich ein Film für Fans der Musik von „Take That“ und für Frauen, denn Männer kommen jenseits der Boy-Group und Rachels Partner kaum vor. Und dennoch geht „Greatest Days“ über einen bloßen Musikfilm hinaus und erzählt auch von Freundschaft und jugendlicher Begeisterung, von der Kraft der Musik, die hilft, bedrückenden Alltagssituationen zu entfliehen, aber auch von Verlust und der Notwendigkeit der Verarbeitung von Traumata als Grundlage für innere Befreiung und ein gelöstes Leben. Weltbewegend ist das kaum, verbreitet aber mit seiner lustvollen Erzählweise, seinem mit sichtlichem Vergnügen spielenden Ensemble, den kräftigen Farben und der gekonnten Einbindung von Songs gute Laune und entlässt so beschwingt aus dem Kino: Ein Film wie geschaffen für einen lauen Sommerabend.
Open-Air-Kino Altstätten: Do 27.7., 21.30 Uhr
Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.