„weltbewegt“ – Eine Ausstellung über Entwicklung und globale Zusammenarbeit
Michael Pekler · 20. Jul 2023 · Film

Neu in den Kinos: „Oppenheimer“

In seinem höchst ungewöhnlichen Biopic geht Starregisseur Christopher Nolan der Frage nach, wie aus einem Helden ein diffamierter Wissenschaftler wurde. Und wie die Ungewissheit eines Menschen die Menschheit an den Abgrund bringen kann.

Was man nicht hört, kann wichtiger sein als das, was man hört. J. Robert Oppenheimer (Cillian Murphy) trifft in Princeton am Ufer eines kleinen Teichs Albert Einstein (Tom Conti). Der Wind weht Einstein seinen Hut vom Kopf, Oppenheimer bückt sich. Die Unterredung dauert weniger als zwei Minuten, denn Oppenheimer hat zuvor bereits klargemacht, dass er den älteren Einstein nicht in das Manhattan-Projekt einbeziehen wird. Als Einstein sich entfernt, meint der im Hintergrund wartende Investmentbanker, überzeugte Republikaner und später mächtige Befürworter der Wasserstoffbombe, Lewis Strauss (Robert Downey Jr.), Einsteins verdrossener Blick gelte ihm. Was hat der Erfinder der Atombombe bloß zum Begründer der Relativitätstheorie gesagt?

Triumph und Tragödie

Christopher Nolans „Oppenheimer“ ist kein gewöhnliches Biopic. Oder zumindest keines, das über Leben und Wirken eines berühmten Wissenschaftlers erzählt, der die Welt verändert hat. „Oppenheimer“ zeichnet auch kein privates Bild und keine psychologische Studie eines Genies, um dessen Beweggründe zu verstehen. Dieser Film ist vielmehr selbst eine dreistündige Versuchsanordnung, sozusagen ein filmisches Experiment, das sich vorrangig folgender Frage widmet: Wie konnte aus dem Helden J. Robert Oppenheimer ein im eigenen Land diffamierter Wissenschaftler werden? „Noch 1945 wurde Oppenheimer von Demokraten und Republikanern gleichermaßen als Nationalheld gefeiert und schmückte die Titelseiten von ,Time‘ und ,Life‘“, so Kai Bird, der als Autor von „American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer“ die Vorlage für Nolans Verfilmung schrieb, „und nur neun Jahre später wird er in einem geheimen Gerichtsverfahren gedemütigt und wird zu einer Unperson, von seinen Kritikern bestenfalls verdächtigt, illoyal zu sein und schlimmstenfalls vielleicht ein Spion.“ 
Am Beginn des Films steht dementsprechend ein nicht weniger ungeheurer Vergleich: Wie Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und daraufhin an einen Stein gekettet furchtbare Qualen erleiden musste, brachte Oppenheimer den Menschen das Feuer in seiner schrecklichsten Form einer Massenvernichtungswaffe. In der Folge kann von einer langsamen Entwicklung des Films indes nicht die Rede sein: In kurzen Szenen sieht man den jungen amerikanischen Physiker bei seinen Stationen im Zwischenkriegseuropa, beobachtet seine Erfolge und Vorträge in Holland und als Doktorand in Göttingen. „Je größer der Stern, desto brutaler sein Untergang“, weiß der aufsteigende Stern Oppenheimer bereits, ehe er in die USA heimgekehrt das Wettforschen mit den Nazis aufnimmt. „Baut ihm eine Stadt“, so der zuständige militärische Leiter Leslie Groves (Matt Damon), unter dessen Aufsicht für das Manhattan-Projekt in der Wüste von New Mexico das Atomforschungszentrum von Los Alamos aus dem Boden gestampft wird.
Doch mitten in diese Erfolgsstory hinein montiert Nolan – in charakteristischem Schwarzweiß eines Noir-Thrillers – wiederholt Bilder einer Anhörung. Lewis Strauss, mittlerweile als Vorsitzender in die Atomenergiekommission berufen, soll als US-Handelsminister bestätigt werden. Als nunmehriger Gegner Oppenheimers setzt er unter dem Kommunistenjäger McCarthy alles daran, für den eigenen Erfolg den einstigen Helden der amerikanischen Wissenschaft als linken Verräter zu diffamieren und ihm die sogenannte „Sicherheitsgarantie“ zu entsagen. 

Zeit und Zukunft

Als Regisseur, Autor und Produzent in Personalunion hat sich Nolan mit Filmen wie „Inception“ (2010), „Dunkirk“ (2017) oder „Tenet“ (2020) den Ruf eines Kinomagiers erarbeitet, der mit nahezu missionarischem Eifer seine analog gedrehten Blockbuster so aussehen lässt, als wären sie philosophische Seminare über Raum, Zeit und Gedächtnis. Oder umgekehrt. Das ist vor allem Nolans Vorliebe für komplex verschachtelte Storys geschuldet, die stets einer höheren Idee folgen: In „Tenet“, in dem über Oppenheimer bereits die Rede ist, kann der Dritte Weltkrieg etwa nur verhindert werden, indem die Gefahr aus der Zukunft mittels zeitlicher Invertierung abgewendet wird. „Ändern wir etwas, wenn wir anders handeln?“, lautete damals die entscheidende Frage. Hätte er etwas ändern können, wenn er sich anders entschieden und die Leitung des Manhattan-Projekts nicht übernommen hätte, muss sich nun J. Robert Oppenheimer fragen – und darf sich selbst keine Antwort erlauben. Wie sich auch „Oppenheimer“ eines Urteils enthält. 
Hatte Oppenheimer nach Hiroshima und Nagasaki bloß ein schlechtes Gewissen, als er sich gegen das atomare Wettrüsten aussprach, wie ihm seine Gegner vorwarfen? Fühlte er sich schuldig am Tod hunderttausender Menschen? Er solle sich nicht selbst bemitleiden und nicht als Märtyrer inszenieren, weist ihn seine Frau Kitty (Emily Blunt) einmal zurecht. Doch in diesem Moment glaubt Oppenheimer, den Tod wenigstens nur eines einzelnen Menschen verschuldet zu haben. Für die Menschheit gilt das nicht.