Die warmherzige Komödie "Die goldenen Jahre", derzeit im TAS Kino in Feldkirch.
Walter Gasperi · 19. Jän 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (20.1. - 26.1. 2023)

Kontrastprogramm in den Vorarlberger Filmclubs: Der warmherzigen Dramödie „Die goldenen Jahre" beim TaSKino Feldkirch steht beim Filmforum Bregenz mit David Cronenbergs „Crimes of the Future" verstörender Body Horror gegenüber.

Die goldenen Jahre: Nach langen Ehejahren will ein Paar die Pension gemeinsam genießen. Auf eine Kreuzfahrt soll es zunächst gehen, doch bald treten unterschiedliche Lebensvorstellungen zu Tage. Denn während Alice (Esther Gemsch) unternehmungslustig ist und auch auf eine Neubelebung des eingeschlafenen Liebeslebens hofft, zeigt Peter (Stefan Kurt) wenig Interesse und verkriecht sich lieber hinter seinen Büchern.
Die Regie Barbara Kulcsars ist zwar sehr fernsehmäßig, doch Petra Volpes starkes Drehbuch macht dies mit seinen zahlreichen Wendungen wett. Leerlauf kommt hier nie auf, genau getaktet ist der Erzählrhythmus. Nach sehr schnellem und dichtem Beginn wird der Film in der zweiten Hälfte zwar langsamer und lässt gefühlvolleren Szenen Raum, doch bis zum Ende wartet die Dramödie immer wieder mit Überraschungen auf.
Das blendend aufgelegte Ensemble, das sommerliche Ambiente der Mittelmeerkreuzfahrt sowie nicht zuletzt ein Soundtrack, bei dem auch stimmungssteigernd italienische Schlager wie Richi e Poveris „Sarà perché ti amo" eingesetzt werden, sorgen für gefühlvoll-warmherzige Unterhaltung.
Wer Biss sowie Ecken und Kanten sucht, ist bei diesem Film freilich am falschen Platz. Weh tun will diese Rentnergeschichte, die auch durch ihren leichthändigen und ungezwungen-selbstverständlichen Mix von Witz und Drama überzeugt, niemandem, kann aber doch zum Nachdenken über die Gestaltung nicht nur des letzten Lebensabschnitts anregen. Ohne zu dozieren, fordert nämlich „Die goldenen Jahre" auf, auch noch nach 42 Jahren eine in Routine erstarrte Beziehung zu überdenken und, bevor es zu spät ist, eventuell auch ganz neue, alternative Wege einzuschlagen, um auch den Herbst des Lebens nach eigenen Vorstellungen und genussvoll gestalten und genießen zu können.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Mo 23.1., 18 Uhr; Mi 25.1., 20.30 Uhr; Do 26.1., 18 Uhr

Crimes of the Future: Acht Jahre nach „Maps to the Stars" meldet sich der Kanadier David Cronenberg zurück und wendet sich mit körperlichen Mutationen wieder dem Body Horror zu, durch den er berühmt wurde. „Chirurgie ist der neue Sex" ist der Leitspruch des Films. Gewohnte körperliche Beziehungen gibt es kaum mehr, auch die Schmerzempfindung ist den Menschen weitgehend abhandengekommen. Schnitte mit dem Skalpell sorgen für Lustgefühle.
Im Mittelpunkt steht das Künstlerpaar Saul (Viggo Mortensen) und Caprice (Léa Seydoux). Sie bieten große Shows, bei denen sich Saul von Caprice öffentlich die stets neuen Organe – oder sind es Tumore –, die in ihm wachsen, ohne Narkose herausoperieren lässt.
Doch die beiden sind in dieser Welt nicht die einzigen Performance-Künstler. So lässt sich ein Konkurrent, dem über den ganzen Körper Ohren wachsen, für eine Tanz-Performance Augen und Mund zunähen. Gleichzeitig versucht aber auch der Staat Kontrolle über diese körperlichen Entwicklungen zu behalten und die Organe zu registrieren, während eine Untergrundorganisation die Evolution vorantreiben will.
Ebenso abgefahren und kryptisch wie aufregend ist „Crimes of the Future" in seiner Unkonventionalität und seiner Auseinandersetzung mit menschlicher Evolution, Mutation, Verstümmelung und Kunst. Wie in „eXistenZ" und „Crash" verhandelt Cronenberg auch hier das Verhältnis von Mensch und Maschine, wenn Saul nur künstlich ernährt werden kann oder nur in einem seltsamen Bett, in dem er an Schläuche angeschlossen ist, schlafen kann.
Aber so viel Spielraum der von einem exzellenten Ensemble getragene Film auch für Interpretation und philosophische Überlegungen bietet, so theaterhaft wirken doch auch wieder viele Szenen durch die Dialoglastigkeit und die Beschränkung auf wenige Räume. Spürbar wird in diesem kammerspielartigen Charakter das begrenzte Budget, das wohl auch zu einem kostengünstigen Dreh in Griechenland führte.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 26.1., 20 Uhr


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