Die Schubertiade Schwarzenberg hat dem Bregenzerwald enorm viel touristisches Entwicklungspotenzial geboten. (Foto: Dominic Kummer / Bregenzerwald Tourismus)
Peter Füssl · 10. Sep 2026 · Jubiläum

Vor den Vorhang: Fritz Jurmann

40 Jahre KULTUR: Langjährige KULTUR-Schreiber:innen kurz vorgestellt

Fritz Jurmann mal kurz vor den Vorhang holen? Das würde beim Doyen des Vorarlberger Musikjournalismus eher ein Buch, als ein paar Magazinseiten füllen, denn er begleitet, beschreibt und kritisiert seit beinahe sechs Jahrzehnten das musikalische Geschehen in diesem Land. Ab 1968 war er Referent für Unterhaltungsmusik, und von 1984 bis zu seiner Pensionierung 2003 amtierte er als „Musikchef“ im ORF Landesstudio Vorarlberg. Dazu kommen insgesamt rund 40 Jahre als Musikkritiker bei den Vorarlberger Nachrichten, zehn Jahre als Redakteur der Österreichischen Blasmusikzeitung und – last but not least – verfasst Fritz Jurmann seit 2006 in großer Regelmäßigkeit ausführliche Vorberichte und Kritiken für die KULTUR-Zeitschrift.

Peter Füßl: Du bist als Musikjournalist seit Jahrzehnten eine fixe Größe im Land, aber kaum jemand weiß, dass du zuerst Bankangestellter warst. 
Fritz Jurmann: (lacht) Eigentlich wollte mein Vater ja zunächst, dass ich Koch werde. Er selbst hatte als Musiker in Hotels oft Hunger leiden müssen, „die Köche aber hatten immer genug zu essen“, so seine lapidare Begründung. Dann wollten meine Eltern, ein Wiener Schrammel-Musiker und eine leidlich am Klavier dilettierende höhere Tochter aus der Schweiz, für mich doch lieber einen „sicheren Beruf“ und haben mich in die Hypo Vorarlberg gesteckt. Dort musste ich gemeinsam mit dem späteren Maler Richard Bösch als Leidensgenossen täglich im Tresor fällige Kupons von Wertpapieren einlösen. Meine Einberufung zum Bundesheer, ich war vier Jahre als Schlagzeuger bei der Militärmusik Vorarlberg, hat mich aus diesem freudlosen Dasein erlöst. Dort habe ich 1961 auch meine eigene Tanzband gegründet, The Five Cravallos, mit der wir die Tanzparketts im Strandcafé, im Café Hölle in Wangen und im Fasching im Gössersaal unsicher machten.     

Vom „Freien“ bei den „VN“ ...

Füßl: Deine Journalistenkarriere hat 1964 bei den VN begonnen. 
Jurmann: Meine große Leidenschaft neben der Musik war stets der Journalismus. Als Organist in der Bregenzer Kirche St. Gallus lernte ich im dortigen Chor wichtige Mitglieder der VN-Herausgeber-Familie Russ kennen, die dem „begabten jungen Mann“ eine Chance geben wollten. Im Kulturressort, dem ich als „Freier“ zugeteilt wurde, waltete ein ältliches Fräulein, das eigentlich Redaktionssekretärin gewesen war. Sie gab mir Aufträge für Konzertkritiken. Später durfte ich sogar Seeaufführungen als „Heilige Kühe“ rezensieren – nämlich mit der Auflage, bei aller kritischen Betrachtung stets einen positiven Gesamteindruck zu vermitteln: wegen des Fremdenverkehrs!

... zum „Musik-Chef“ beim ORF

Füßl: Ab 1968 warst du Referent für Unterhaltungsmusik beim ORF Vorarlberg, der damals noch nicht im pikfeinen Peichl-Studio residierte? 
Jurmann: Die räumlichen Verhältnisse waren ebenso prekär wie die klimatischen im Sinn des herrschenden politischen und gesellschaftlichen Denkens. Wir hausten im zweiten Stock des Dornbirner Rathauses – Büros, Studios, Regieplätze, Archiv, alles unglaublich eng aufeinander. Ich hatte mit dem Volksmusik-Kollegen Rudi Hofer ein Büro, das war so eng – wenn bei ihm das Telefon läutete, habe ich abgenommen. Damals liefen die Postenbesetzungen mehr noch als heute nur über die beiden politischen Parteien: Es herrschte der gnadenlose Proporz. Intendant Dr. Walther Tölzer, ehemals im Seelsorgeamt Feldkirch, war in einem streng katholisch bestimmten, moralisch verschwitzten Klima ein getreuer politischer Erfüllungsgehilfe des damaligen Landeshauptmanns und Kulturreferenten Herbert Keßler. Die Rankweiler Schriftstellerin Natalie Beer, die bis zuletzt den Nationalsozialismus verherrlichte, dominierte mit ihren „dramatisierten Heimatromanen“ den Mittwochabend bei Radio Vorarlberg in Dauerschleife. Dank Michael Köhlmeier kam dann irgendwann öffentlich das böse Erwachen. Ab 1972 hat das multifunktionale Funkhaus eine wirklich zukunftsorientierte, bis heute praktikable Lösung geboten – auch für den seit damals enorm gewachsenen TV-Bereich.     

Pop & Rock im ORF Vorarlberg

Füßl: Du hast die Anfänge der Vorarlberg Pop- und Rock-Szene miterlebt. Wie wurde die im ORF wahrgenommen? 
Jurmann: (lacht) Ja, ich war als „alter 68er“ – nicht so sehr im ideologischen Sinn, sondern von meinem Eintrittsjahr in den ORF her – wie der Rufer in der Wüste. Das sogenannte Spartenprogramm von Radio Vorarlberg bestand damals nur aus festen Sendereihen mit Literatur und Hörspiel, Religion, E-Musik, Volksmusik und Blasmusik. Alles, was die Jugend als Zielgruppe hatte, wurde vom damals neuen Sender Ö3 abgedeckt, mit internationalem Pop und Rock, aus dem damals die Rolling Stones als Dampfwalze und die feinsinnigen Beatles herausstachen. Ich habe immer letztere vorgezogen und stelle noch heute einen genialen, kammermusikalischen Song wie „Yesterday“ qualitativ gleichwertig neben den langsamen Satz einer Mozartsonate. Parallel dazu begann auch in Vorarlberg eine junge Rock- und Popbewegung zu erwachen. Walter Batruel, Martin Hämmerle, Benny Gleeson oder Rolf Aberer gründeten ihre ersten Bands The Gamblers und Wanted, aber das ergab noch keine Szene. Erst als ich ihnen die Möglichkeit eröffnete, im damals einzigen Tonstudio im Land im Dornbirner Schlossbräusaal ihre Musik zu produzieren und im ORF vorzustellen, kam Leben in die Bude. Wir konnten uns kaum vor Anmeldungen wehren. Wir heuerten Gerty Sedlmayr als Dialekt-Moderatorin für die Sendereihe „Pop-Lädele“ an – jeden Freitag 18 Uhr, zur besten Sendezeit und sehr zum Missfallen des Herrn Intendanten, der sich zunächst vor Beschwerden über diese „Negermusig“ als Fremdkörper im Programm kaum retten konnte. Doch als der bei uns produzierte Allzeit-Hit „Oho Vorarlberg“ von Köhlmeier/Bilgeri österreichweit Aufsehen erregte, wurde die Jugendkultur auch bei uns ernst genommen. Das „Pop-Lädele“ hat mit weit über 100 Folgen bis 1990 für öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz gesorgt.     

Bregenzer Festspiele – neue künstlerische Dimensionen

Füßl: Als „Musikchef“ im ORF Landesstudio hattest du ab 1984 ein unglaublich weites Betätigungsfeld, aus dem ich gerne ein paar spezielle Punkte herauspicken möchte. 1983 eröffnete der Intendantenwechsel von Ernst Bär zu Alfred Wopmann bei den Bregenzer Festspielen neue künstlerische Dimensionen. Wie hast du diese Entwicklungen wahrgenommen? 
Jurmann: In den Achtzigern schlitterten die Festspiele knapp am Konkurs vorbei, nach einem Rechnungshofbericht war die Bär-Ära Geschichte, die Volksseele kochte, als Gegenpol zur Operettenseligkeit am See entstanden die Bregenzer Randspiele. Alfred Wopmann und Franz Salzmann kreierten als Retter in der Not die heute noch gültige Bregenzer Dramaturgie: Populäres mit künstlerischem Anspruch im Zweijahresrhythmus am See und Raritäten im Haus. Das hat dem Festival zunehmend internationales Ansehen gebracht. Zu meinen Aufgaben zählten Radioübertragungen von Opern und Konzerten für Ö1 und ausländische Radiostationen, aktuelle Berichterstattung und TV-Dokus. Ich habe 1952 als Zehnjähriger meine erste Seeaufführung – Carl Zellers Operette „Der Vogelhändler“ – und seither lückenlos jedes „Spiel auf dem See“ live erlebt. Von allen Seeproduktionen hat mich 1989 Wagners „Fliegender Holländer“ in der Regie von David Pountney durch die urwüchsige Kraft mit dem finalen Todessprung der Senta in den See am meisten mitgerissen. Dagegen war 2024 Webers „Freischütz“ in der Regie von Philipp Stölzl für mich das Schlechteste, was der See je zu bieten hatte. Bei den Hausopern gehört meine Palme Pountneys genialer Inszenierung von Weinbergs „Die Passagierin“ von 2010 – mit tief berührenden Schicksalen aus der NS-Zeit.        

Ein Leben lang Schubertiade

Füßl: Auch die Schubertiade, die 1976 erstmals über die Bühne ging, wurde mit unzähligen ORF-Aufnahmen dokumentiert und vermarktet.
Jurmann: Gerd Nachbauers Lebenswerk hat als zweites großes Festival dieses Landes mein Berufsleben intensiv geprägt und Schubert zu meinem Lieblingskomponisten werden lassen – neben Bach an der Orgel. Am Beispiel der Liederabende, die hier wie sonst nirgendwo intensiv gepflegt wurden, konnte man sehr schön die Entwicklung der Ästhetik in diesem Bereich ablesen. An den zentralen großen Liederzyklen „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“ konnten sich die Schubertianer aus aller Welt nicht satthören. Ich habe diese als Kritiker und ORF-Produzent unzählige Male gehört und kann somit bis heute die jeweiligen Leistungen kompetent beurteilen. Schade, dass Nachbauer aus dem heurigen 50-jährigen Bestehen seines Festivals an Außenwirkung nicht mehr gemacht und bisher auch keinen Nachfolger für seine Position aufgebaut hat. So muss man heute um den Fortbestand des Festivals ebenso wie um seinen erkrankten Mitbegründer bangen. 
Füßl: Sind dir besondere Meilensteine in Erinnerung geblieben?
Jurmann: Die Namen der Klassik-Stars lesen sich wie ein Who's who der Besten und Berühmtesten – Harnoncourt, Fischer-Dieskau, Schreier, Quasthoff, das Alban Berg Quartett, das Hagen Quartett, András Schiff, zuletzt Andrè Schuen, Konstantin Krimmel oder Igor Levit. Teilweise ist schon die zweite Generation vor Ort, bei anderen ist der ursprüngliche Glanz im Laufe der Zeit etwas verblasst. 

St. Gerold – Concerto Stella Matutina – Musik in der Pforte

Füßl: Welche anderen Festivals oder Konzertreihen hast du als besonders bedeutsam empfunden?
Jurmann: Zurzeit des legendären Pater Nathanael war die Propstei St. Gerold eine willkommene Station für unsere Konzertmitschnitte aus verschiedenen Bereichen. Einmal haben wir die komplette ORF-Big-Band mit ihrem Leader Erich Kleinschuster für ein dreitägiges Jazzfestival ins Große Walsertal verfrachtet, dessen Finale in ganz Europa übertragen wurde. Zwei weitere Konzertreihen leisten auf verschiedenen Schienen höchst wertvolle Bildungsarbeit: In der Götzner Kulturbühne AmBach das heimische Barockorchester Concerto Stella Matutina, mit dem Bernhard Lampert und Thomas Platzgummer auf Originalinstrumenten im historischen Klang die Barockszene in ihrer ganzen Vielfalt und Farbigkeit neu erlebbar machen. Im Feldkircher Pförtnerhaus betreut Bratschist und Musikvermittler Klaus Christa gemeinsam mit seiner Frau Claudia seine „Musik in der Pforte“ mit interessanten Entdeckungen und in Vergessenheit geratenen Komponist:innen.

Gerold Amann und Herbert Willi

Füßl: In deinen Arbeitsbereich fielen auch die zeitgenössischen Komponist:innen, die im Sog von Gerold Amann, der ab den 1970ern musikalische Meilensteine setzte, an Bedeutung gewannen. 
Jurmann: Zwei sehr gegensätzliche Persönlichkeiten haben die heimische Szene dominiert und inspiriert. Der stets zu bösen kulturpolitischen Scherzen aufgelegte, einfallsreiche und abenteuerlustige Gerold Amann war mit der Bezeichnung „enfant terrible“ nur ungenügend charakterisiert. Ich habe es 1988 in einem einstündigen Filmporträt über ihn versucht. Mit seinen epochalen Freilichtspielen – vom „Goggalori“ in der Burgruine Jagdberg, bis zum Kampf der gigantischen Schaufelbagger im Hohenemser Steinbruch – hat er bleibende Spuren hinterlassen. Daneben verstand er sich mit Werken wie „Fensterflügel und Nachtigall“ auch als feinsinniger Betrachter des Innenlebens von Vogelstimmen mit der Tonlupe. Ganz anders gestrickt, introvertiert, aber hell wach ist der Montafoner Herbert Willi, der in den Siebzigern erstmals zu mir ins Funkhaus kam und eine Aufnahme machen wollte – als Mundharmonika-Spieler im Duo Herry und Jerry! Dabei lag seine wahre Kompetenz in einem kompositorischen Reichtum, den er in der heimischen Bergwelt aus einem inneren Hören schöpfte – international beachtete Orchesterwerke von kristallener Kraft, Brillanz und Klarheit. Glanzpunkt war Willis einzige Oper „Schlafes Bruder“ nach dem Roman von Robert Schneider, über deren Premiere im Opernhaus Zürich ich 1996 in der ZiB berichtete. 

„Talente-Scout“ Jurmann

Füßl: Wichtig war der ORF natürlich immer für die öffentliche Wahrnehmung junger Talente.
Jurmann: Man hat mir sehr früh das Mäntelchen des „Talente-Scouts“ umgehängt. Die Dornbirnerin Elfi Graf schuf mit ihrem bescheidenen Liedchen „Herzen haben keine Fenster“ einen bis heute bekannten Evergreen, der Feldkircher Lehrer Bernhard Lins wandelte als Liedermacher auf den Spuren von Reinhard Mey, Bilgeri/Köhlmeier reüssierten mit ihren Dialektsongs. Besonders wichtig erschien mir die herausragende Jugendarbeit von Guntram Simma mit seinem Jugendsinfonieorchester Dornbirn – nachzusehen in meinem Film „Die Simmaphoniker“.    

32 große Fernseh-Dokumentationen

Füßl: Du warst mit 32 großen Dokumentationen auch im Fernseh-Bereich sehr aktiv. 
Jurmann: Losgegangen ist es 1981/82 mit zwei Filmporträts mit Reinhold Bilgeri als „Prof. Rock'n'Roll“. Meine spektakulärsten Produktionen waren 1984 ein 45-Minuten-Film über die Aktivitäten der aus Lochau stammenden Pop-Sängerin Christina Ganahl und ihres damaligen Partners Peter Wolf in der Rock-Szene von Los Angeles sowie 1989 „Taifun im Blasebalg“ über die monumentale Rieger-Orgel für ein Kulturzentrum in Hongkong. Und meinen alten Freund Manfred Honeck habe ich 1995 für das TV-Porträt „Menschen zum Klingen zu bringen“ bei seinen Auftritten in halb Europa begleitet, als er sich als Bratschist der Wiener Philharmoniker selbständig machte und Dirigent wurde.

„Selfmade-Man“ durch „Learning by Doing“

Füßl: Dein Vater war Berufsmusiker, du wurdest von klein auf musikalisch gefördert und unter anderem von Günther Fetz am Konservatorium in Bregenz an der Orgel unterrichtet. War Profimusiker zu werden nie eine Option für dich?
Jurmann: Nein, denn eine höherwertige Musikausbildung hätten meine Eltern finanziell nicht geschafft. Ich habe vieles, was ich musikalisch und journalistisch beherrsche, als „Selfmade-Man“ im „Learning by Doing“-Verfahren erarbeitet – mit Unterstützung von Freunden wie Günther Fetz, Aldo Kremmel oder Alfred Solder. Ich bin also ein lupenreiner Autodidakt und auch noch stolz darauf.    
Füßl: Wenn man mit dir spricht, wird rasch klar, dass die Musik nicht nur dein Berufsfeld, sondern eine echte Leidenschaft ist, und auch die Lust zu schreiben hält an. Du bist 84 Jahre alt und 62 Jahre davon als Musikjournalist erfolgreich. Ist diese Kombination von Musik und Journalismus dein Lebenselexier?
Jurmann: Ja, Musik ist mein Herzblut, meine Leidenschaft, für die ich mich gerne immer wieder von Neuem begeistern lasse – auch fast 20 Jahre nach meinem offiziellen Pensionsantritt. 

„Neue Freiheit des Schreibens“ bei der „KULTUR“

Füßl: Was fällt dir zu „40 Jahre KULTUR“ ein? 
Jurmann: Die KULTUR war eine Gründung, die es damals in der öden Zeitungslandschaft des Landes dringend gebraucht hat. Kurz nach meiner Pensionierung, als ich nicht mehr durch ORF-Vorschriften gebunden war, fand ich spontan Aufnahme bei der damaligen Redaktion. Und habe es bis heute keinen Tag bereut. Denn da ergab sich nun für mich eine neue Freiheit des Schreibens – etwas frecher, couragierter als bisher, auch etwas in die Tiefe eines Themas gehend, ohne dass Kürzungen zu befürchten waren. Und auch etwas anspruchsvoller in der Formulierung für ein intellektuelles Leserforum. 

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Lesen Sie auch das ausführliche Interview, das Silvia Thurner mit Fritz Jurmann zu Interpretationsvergleichen und Veränderungen der Aufführungspraxis bei der Schubertiade in den vergangenen 50 Jahren geführt hat.