Schubertiade aus nächster Nähe
Fritz Jurmann als Wegbegleiter über fünf Jahrzehnte hinweg
Wohl wenige im Land haben die Schubertiade seit der Gründung so intensiv und kontinuierlich erlebt und begleitet wie Fritz Jurmann. In der diesjährigen Maiausgabe der KULTUR ließ er das internationale Festival anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums Revue passieren. Vertiefend erzählt er nun im Gespräch mit Silvia Thurner von den Anfängen, aufstrebenden Künstler:innen und wegweisenden Marksteinen. Aber auch von Sängern, die kein Ende gefunden haben und sensationellen Überraschungen.
Als Aufnahmeleiter für den ORF hat Fritz Jurmann zahlreiche Konzerte der Schubertiade aufgezeichnet, Reportagen und Interviews mit den Künstler:innen geführt und Konzerte rezensiert. Er hat auch die Standortwechsel miterlebt, die das Festival im Laufe der Zeit erfahren hat. Von Hohenems ausgehend wurde das ehemalige Landeskonservatorium in Feldkirch bespielt. Sogenannte „Landpartien“ führten unter anderem in die Propstei St. Gerold, auf Schloss Achberg und nach Schwarzenberg. Schließlich wurde der Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg zum Mittelpunkt und am Ende führte der Weg wieder zurück in den Markus Sittikus Saal nach Hohenems, wo an Wochenenden Konzerte stattfinden.
Die Schubertiade war stets ein Ort für große Namen, Nachwuchstalente und Interpretationsvergleiche. Die Errungenschaften der historisch informierten Aufführungspraxis seit den späten 1970er Jahren wirkten sich auch auf die Kammermusik und den Liedgesang aus.
Anlässlich des 50-jährigen Bestehens ließ Fritz Jurmann in der diesjährigen Maiausgabe der KULTUR das internationale Festival Revue passieren. Im vertiefenden Gespräch mit Silvia Thurner erzählt er von den Anfängen des Festivals, jungen Talenten und wegweisenden Marksteinen. Überdies berichtet er, wo sich Gerd Nachbauer über aufstrebende Streichquartette und Sänger:innen informiert hat. Er erinnert sich an Sänger, die kein Ende gefunden haben und sensationelle Überraschungen.
Silvia Thurner: Hast du Gerd Nachbauer schon gekannt, bevor er die Geschäftsführung der Schubertiade übernommen hat?
Fritz Jurmann: Nein. Wir hatten in der Musikabteilung des ORF Vorarlberg, wo ich seit 1968 angestellt war, schon von einem jungen, engagierten Musikmanager gehört, der in Hohenems eine „Mozartgemeinde Vorarlberg“ gegründet und ab 1973 Konzerte mit dessen Werken veranstaltet hatte. Wir glaubten allerdings nicht an einen längerfristigen Erfolg dieses Projektes, weil Mozart doch längst sowohl von seiner Heimatstadt Salzburg wie von Wien okkupiert worden war. Wo sollte da im kleinen Hohenems, wohin es Mozart nie geschafft hatte, noch Platz bleiben für Wolfgang Amadé? Doch da tauchte Hermann Prey auf und machte den Hohenemser Palast ab 1976 zum Zentrum der Schubertpflege. Er wollte hier in zwölf Jahren jede Note aufführen lassen, die Schubert je geschrieben hatte – und zwar in chronologischer Reihenfolge. Damit war Mozart kein Thema mehr.
Geschäftsführer nach viel Theaterdonner
Thurner: Ist Gerd Nachbauer in diese Rolle hineingewachsen oder war er immer schon ein Freak in Sachen Liedgesang und Kammermusik?
Jurmann: Gerd Nachbauer hatte am Anfang natürlich als eigentlichen Gründer immerhin Kammersänger Hermann Prey als Partner und Berater zur Seite. Aber bereits in den ersten paar Jahren ist er erstaunlich schnell in seine Rolle als Geschäftsführer des Festivals auch mit den notwendigen künstlerischen Kenntnissen und Erfahrungen hineingewachsen. So sehr, dass er sich trauen konnte, bereits beim ersten Zerwürfnis mit Prey, das 1980 mit viel Theaterdonner vonstattenging, auch die künstlerische Leitung des jungen Festivals selbst zu übernehmen. Prey war damals kurzerhand aus dem Festival ausgestiegen, als es darum ging, dass seine Vision einer chronologischen Aufführung aller Schubertwerke in der Reihenfolge ihres Entstehens in Hohenems aus praktischen und finanziellen Gründen nicht möglich war.
Dieser Abschied war aber auch so etwas wie ein Befreiungsschlag für die Schubertiade. Unter den Künstlern sprach es sich wie ein Lauffeuer herum, wie attraktiv und besonders ein Auftritt bei diesem neuen Festival in diesem Rahmen sei, und Nachbauer erwies sich rasch als absolut kundiger Festivalleiter und versammelte ohne Probleme schon in den folgenden Jahren so etwas wie das Who’s Who der Besten und Berühmtesten vor allem des Liedgesanges, der Klavier- und Kammermusik für seine Konzerte: Dietrich Fischer-Dieskau, das Alban-Berg-Quartett, die Brüder Capuçon, Brigitte Fassbaender, Alfred Brendel, András Schiff, Heinrich Schiff, das Hagen Quartett, später Thomas Quasthoff, Andrè Schuen, Konstantin Krimmel oder Igor Levit. Die Schubertiade expandierte wie kaum ein zweites Unternehmen.
Keimzellen für junge Künstler:innen
Thurner: Gerd Nachbauer hat sich im Laufe der Jahrzehnte stets auch an Wettbewerben orientiert und ist auf erfolgreiche Musiker:innen und Sänger:innen von dort her aufmerksam geworden. Meiner Wahrnehmung nach hat sich das im Laufe der Zeit auch ergänzt durch Empfehlungen von langjährig mitwirkenden Künstler:innen, die wiederum ihre Student:innen vorgeschlagen haben. Hattest und hast du Einblicke, wie Gerd Nachbauer vorgegangen ist?
Jurmann: In den ersten Jahren hat er sich eigentlich in der Hauptsache auf die bewährten Künstler:innen der Starterriege selbst und deren bewährte Attraktivität beim Publikum verlassen – Hermann Prey, Peter Schreier, Robert Holl, Christa Ludwig. Erst als dieses Fundament ausgeschöpft war, sah er sich nach neuen Akzenten in Form junger Künstler:innen um. Keimzelle dafür waren Meisterkurse, die prominente Schubertiade-Mitwirkende mit internationaler Beteiligung in ihrem Bereich bei Festivals, an Unis und Hochschulen veranstalteten und Gerd Nachbauer dann laufend ihre Entdeckungen meldeten. Einer der ersten in dieser Reihe war der deutsche Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, der als führender Lied- und Opernbariton beim Festival die Rolle von Prey eingenommen hatte, dann auch der Pianist Helmut Deutsch, der stets weit über seine eigentliche Rolle als Klavierbegleiter hinauswuchs und vielen jung Ambitionierten den Weg auf die Schubertiade-Bühne geebnet hat.
In späteren Jahren, in Feldkirch und vor allem Schwarzenberg, wurden dann diese Meisterkurse für Liedgesang mit prominenten Lehrkräften vor Ort und mit Beteiligung des Publikums veranstaltet. In Erinnerung geblieben sind Kurse von Brigitte Fassbaender oder der großen Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, die kurz vor ihrem Tod noch junge Sänger:innen coram publico zur Rede stellte, wenn sie einmal an der falschen Stelle atmeten, oder eine junge Klavierbegleiterin so „fertigmachte“, dass sie weinend das Podium verließ. Nicht von schlechten Eltern war auch der Umgang, den der Bariton Thomas Quasthoff mit seinen Schüler:innen pflegte – das Publikum delektierte oder echauffierte sich daran, wie teils wirklich untergriffig dieser große Künstler mit seinen Nachkommen ins Gericht gegangen ist. Als ob er so etwas noch nötig gehabt hätte …
Potenziale aus Vorarlberg
Thurner: Immer wieder gab es auch Sensationen, wenn sich „Einspringer:innen“ profiliert und das Publikum begeistert haben. Ich erinnere mich beispielsweise an Mauro Peter und seinen Liederabend in Schwarzenberg. Erinnerst du dich noch an weitere derartige Ereignisse?
Jurmann: Ja, das war damals wirklich das, was man auch aus der Rückerinnerung heraus als Sternstunde bezeichnen darf. Der Schweizer Tenor Mauro Peter legte in Schwarzenberg mit Schuberts „Schöner Müllerin“ ein Debüt hin, wie man es in solch jugendlicher Unbekümmertheit, dabei inhaltlicher Reife und gesangstechnischer Überlegenheit hier kaum einmal gehört hatte. Entdeckungen dieser Art gab es immer wieder und sie waren für Publikum und Kritiker so etwas wie das Salz in der Suppe der oftmals ähnlichen Programme und Künstleraufgebote. Man war ja immer wieder erstaunt, welche tollen jungen Talente Gerd Nachbauer auch bei kurzfristigen Ausfällen quasi aus dem Ärmel zauberte. Und bei entsprechender Leistung wurde jeder und jede von ihnen mit einem Fixtermin im Programm des folgenden Jahres belohnt.
Bei diesen Überlegungen darf man auch das heimische Künstlerpotenzial nicht vergessen, das angesichts der internationalen Ausrichtung des Festivals freilich kaum eine Rolle spielte, mit wenigen Ausnahmen: Die Schubertiade war ganz entscheidend daran beteiligt, dass sowohl der Pianist Aaron Pilsan wie auch der Cellist Kian Soltani als Local Heroes unter dem Schutzmantel internationaler Größen wie Alfred Brendel, András Schiff, Daniel Barenboim und Anne-Sofie Mutter im Konzertbetrieb und über den Plattenmarkt Karrieren hinlegten, die sich bis heute als absolut tragfähig erwiesen haben. Seit vielen Jahren baute Gerd Nachbauer in Hohenems überdies Dauerausstellungsräumlichkeiten und Museen auf, die das Konzertpublikum als Ergänzung gerne besucht.
Originalklang mit Nikolaus Harnoncourt
Thurner: Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gab es im Hinblick auf die Aufführungspraxis enorme Umbrüche. Nikolaus Harnoncourt ist ja auch bei der Schubertiade aufgetreten. Hast du Beobachtungen im Hinblick auf eine historisch informierte Aufführungspraxis gemacht und wenn ja welche?
Jurmann: Das einschneidendste Erlebnis für mich war die Aussage des Tiroler Komponisten und Musikkritikers Gerhard Crepaz nach dem ersten Konzert, das Nikolaus Harnoncourt 1992 mit dem Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam bei der Schubertiade in Feldkirch dirigiert hatte. „Es war“, meinte Crepaz damals sinngemäß, „als ob Feldkirch zuvor hinter einer dicken Milchglasscheibe verborgen gewesen wäre. Und nun kommt Harnoncourt und legt mit seiner revolutionären Art des Originalklangs diese Musik frei, lässt sie atmen und strahlen, aufblühen und in neuem Glanz der Alten Musik erstrahlen.“ Daran schloss sich in den folgenden Jahren natürlich eine ganze Reihe von Konzerten, nicht nur sämtliche Symphonien Schuberts und später auch Beethovens (außer der Neunten), sondern auch ein konzertanter „Fidelio“ in Starbesetzung sowie die „Missa solemnis“ von Beethoven – alles im neuen Geiste Harnoncourts im damals „alten“, akustisch noch hervorragenden Montforthaus musiziert. Das hat international enormes Aufsehen erregt und der Schubertiade eine bis dahin nicht gekannte Beachtung und Bedeutung eingetragen.
Thurner: Gab es auch Diskussionen darüber, die ihr im ORF mitbekommen habt?
Jurmann: Ja, allerdings nicht im Rahmen unserer Konzertübertragungen, das wurde eins zu eins den Hörer:innen vermittelt. Aber in Magazinsendungen und Hörfunkkritiken wurde selbstverständlich darüber diskutiert, ob das mit dieser Originalklangbewegung alles noch sinnvoll sei oder mit der Zeit doch übertrieben wirke. Und auch, inwieweit das eigentlich für die Barockmusik erdachte Originalkonzept reichen dürfe. Harnoncourt himself hatte dieses ja zuletzt bis zur Klassik und eben Romantik eines Franz Schubert ausgeweitet.
Wiederholung des oft Gleichen und Interpretationsvergleiche
Thurner: Die Schubertiade lebte und lebt im Wesentlichen auch von Interpretationsvergleichen. Wie spannend waren diese für dich bzw. für euch beim ORF, war das ein Thema?
Jurmann: Diese Interpretationsvergleiche, die Gerd Nachbauer geliebt hat, seit es seine Schubertiade gibt, sind natürlich ein zweischneidiges Schwert. Es ist vor allem für die eingefleischten Schubertianer, die zu Hoch-Zeiten des Festivals bis zu dreimal täglich Konzerte in Schwarzenberg besuchen und in den Pausen und dazwischen aufgeregt diskutieren, ob denn nun – um zwei Extrembeispiele zu nennen – ein Peter Schreier oder ein Ian Bostridge wohl der glaubhaftere Müllerbursche in Schuberts berühmtem Liederzyklus gewesen sei. Ein:e Radiohörer:in dagegen kann sich natürlich seine eigene Meinung bilden, auch wenn ihm die optische Komponente mit Mimik und Gestik fehlt – die Diskussion darüber bleibt ihm versagt. Die andere Seite dieser Interpretationsvergleiche ist freilich in der Programmgestaltung der Schubertiade mit einer Wiederholung des oft ewig Gleichen verbunden und wird mit der Zeit ermüdend für alle jene, die von Interpretationsvergleichen längst genug haben. Vielleicht deswegen sind zuletzt auch die Besucherzahlen bei den Konzerten des Festivals zurückgegangen.
Thurner: Gab es besonders prägnante Auftritte von Streichquartetten, die ganz nach der „alten“ Schule gespielt und eine traditionelle Aufführungspraxis verteidigt haben, und andererseits modern denkende Ensembles, die historisch informiert gespielt haben? Und hast du Beispiele dafür?
Jurmann: Die gab es natürlich auch, doch waren solche Experimente in der Kammermusik mit historisch geprägten Aufführungen weniger spektakulär. In Erinnerung geblieben ist vor allem das Quatuor Mosaïques mit Erich Höbarth und der Vorarlberger Geigerin Andrea Bischof, die grundsätzlich auf historischen Instrumenten und in alter Stimmung musizierten. Musterbeispiele waren hier Schuberts „Rosamunde“-Quartett sowie „Der Tod und das Mädchen“, aufgeführt im idealen Ambiente der barocken Pfarrkirche von Schwarzenberg. Die beiden Ansichten kontrastierten in den Darbietungen debütierender Quartette, die wir mit ihren ungestümen Ansätzen meist „Die Jungen Wilden“ nannten, im Gegensatz etwa zum amerikanischen Emerson String Quartett, das bis zu seinem Abschiedskonzert unverdrossen bei der romantisch angehauchten alten Spielweise blieb. Inzwischen haben die beiden Extreme im internationalen Konzertgebrauch in der unverbindlichen Formel von „historisch informierten“ Aufführungen einen gesunden Kompromiss gefunden.
Stimmlich vollmundig und kultiviert fließend
Thurner: Auch im Liedgesang hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm viel bewegt. In meiner Wahrnehmung lagen früher Oper und Lied gesangstechnisch nahe beieinander. Heute wird dies strikt getrennt und der Liedgesang ist für Sänger:innen eine ganz eigene Gattung. Hast du diese Form der Aufführungspraxis auch so erlebt und den „Wandel“ in der Liedgestaltung im Laufe der Zeit in deiner Tätigkeit als Aufnahmeleiter mitvollzogen?
Jurmann: Man muss als Beispiel für diese enorme Entwicklung vor allem der Ästhetik im Liedgesang in diesen fünf Jahrzehnten nur die beiden Bariton-Exponenten, Hermann Prey von 1976 und Konstantin Krimmel von 2026, einander gegenüberstellen. Dort der stimmlich vollmundige, auch nicht vor einer gesunden Portion Gefühl zurückschreckende Kammersänger, dem die Popularität über seine TV-Präsenz wichtiger war als etwa besonders feinsinnige Textausdeutung, spezielle Farbgebungen oder eine berückende Pianokultur in hohen Lagen. Krimmel dagegen ist heute mit seinem wunderbar fließenden Bariton ein Musterbeispiel für einen absolut kultivierten, in sich geschlossenen, schnörkellosen Liedgesang, den man auch als eine absolut heutige, in unsere Zeit passende Interpretation bezeichnen könnte. Ein anderes Beispiel ist die deutsche Sopranistin Anneliese Rothenberger, die zu Schubertiade-Zeiten immerhin bei den Bregenzer Festspielen mit einem „zuckerlrosa“ gefärbten Liederabend zu hören war – im Gegensatz zu einer Brigitte Fassbaender, die die aktuelle Anpassung noch zeitgerecht vor ihrem Abgang von der Bühne großartig geschafft hat. Ganz allgemein gibt es bis heute Beispiele von Sänger:innen, die eigentlich auf der Opernbühne zuhause sind und dann mit den dort üblichen Mitteln auch beim Liederabend den armen Schubert mit seinen zarten Gesängen mit allen Mitteln der Kunst gnadenlos niederdonnern.
Orchesterbesetzungen brachten wenig Glückhaftes
Thurner: Die Schubertiade war deinen Schilderungen im Artikel für die KULTUR (4/2026) nicht von vornherein auf den Liedgesang und die Kammermusik fokussiert, sondern es gab auch Orchesterkonzerte und sogar einen konzertanten „Fidelio“. Waren es finanzielle Gründe, weshalb derartige Projekte nicht mehr stattfinden und die Schubertiade nun fast ausschließlich als Festival für Liedgesang und Kammermusik wahrgenommen wird?
Jurmann: Die finanziellen Anforderungen eines solchen Aufgebotes werden sicher nicht beliebig oft und lang zu stemmen gewesen sein, umso mehr, als die Schubertiade seit 1991 auf alle Programm-Subventionen und öffentliche Gelder verzichtet und sich quasi aus ihren Eintrittsgeldern selbst finanziert. Ein zweiter Grund dafür ist sicher, dass der Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg, bei allen Qualitäten als exzellenter Konzertraum, von seiner Architektur her in erster Linie für Lied und Kammermusik konzipiert wurde und bei Orchesterkonzerten akustisch keine befriedigenden Ergebnisse erzielt hat. Auch eine Konzertserie von Schubert-Symphonien in verkleinerter Besetzung, von András Schiff vom Flügel aus geleitet, brachte neben ihrer Überlänge auch klanglich wenig Glückhaftes.
Auftritt der Wiener Philharmoniker als singuläres Ereignis im Land
Thurner: Warum war der Auftritt der Wiener Philharmoniker im Rahmen der Schubertiade eine Eintagsfliege? Waren es ausschließlich finanzielle Gründe?
Jurmann: Das war im zweiten Jahr 1977, also damals herrschte noch nicht der Verzicht auf die Subventionssegnungen der öffentlichen Hand. Man hat damals in Hohenems hinter vorgehaltener Hand von Geldgebern besonderer Art gesprochen, alten, aus Hohenems stammenden jüdischen Familien, die inzwischen in die USA emigriert waren und mit Finanzierungen quasi aus der Ferne ihrer geliebten Heimatstadt Gutes tun wollten. Das ist allerdings nur ein Gerücht, das ich mit Vorbehalt weitergebe. Ein weiterer Grund dürfte hier die Frage des Dirigenten gewesen sein, denn die Philharmoniker spielen ja nicht unter irgendwelchen Maestri, so berühmt diese auch sein mögen, wenn sie nicht in ihr künstlerisches Konzept passen. Der von ihnen verehrte Karl Böhm war bei seinem Hohenemser Auftritt mit Schuberts „Siebter“ und „Achter“ ja schon sehr betagt und kam drei Jahre später, 1980, zur Eröffnung des Festspielhauses mit Beethovens „Neunter“ kurz vor seinem Tod nochmals nach Vorarlberg – allerdings am Pult des Bregenzer Festspielorchesters, der Wiener Symphoniker.
Schwierigkeiten, ein Ende zu finden
Thurner: Im Laufe der Jahrzehnte gab es bei Künstler:innen, die bei der Schubertiade aufgetreten sind, auch ein Kommen und Gehen. Gab es deiner Wahrnehmung nach Künstler:innen, die den richtigen Zeitpunkt für einen Abschied von der Bühne nicht rechtzeitig geschafft haben?
Jurmann: Ja, ich kenne so einen Fall. Das war Kammersänger Peter Schreier, der personifizierte „Müllerbursche“, der diesen Schubert-Liederzyklus in seinem Leben rund 400mal und allein bei der Schubertiade sehr oft mit größtem Erfolg gesungen hat. Es kam aber immer wieder mal vor, dass er in den letzten Jahren indisponiert war, gewisse Töne „krähte“, um seine Kritiker zu zitieren, und wir unseren Mitschnitt aus diesem Grund im Radio nicht senden wollten und durften. Höchste Zeit also für ein Abschiedskonzert. 2005 war dann für den inzwischen 70-jährigen Tenor der festgelegte Zeitpunkt seiner allerletzten „Müllerin“ in Schwarzenberg gekommen. Schreier zeigte sich dabei in Topform, lieferte nochmals eine makellose Leistung ab. Neben mir im Saal saß damals eine ältere Dame, die im Laufe dieser Lieder immer wieder leise schluchzte und mich am Schluss tränenüberströmt fragte: „War das nun wirklich das letzte Mal, dass Peter das hier gesungen hat?“ Ich musste das bejahen und verwies auf unseren Mitschnitt im Radio als ewige Erinnerung …
Schubertiade – quo vadis?
Thurner: Wird die Schubertiade in den nächsten Jahrzehnten weiterbestehen, wie ist deine Einschätzung?
Jurmann: Ich würde es mir wünschen, aber im Moment sprechen alle Anzeichen dagegen. Allein durch die Tatsache, dass bereits bei der heurigen Juni-Schubertiade nicht wie traditionell üblich die detailliert vorliegenden Prospekte sämtlicher Konzerte im kommenden Jahr aufgelegen sind, sind dem Festival viele potenzielle Kunden verloren gegangen. Inzwischen wurde das Detailprogramm für 2027 aber ausgeliefert und ist auch unter www.schubertiade.at online – ein Hoffnungsschimmer. Ich würde wohl einer von denen sein, die die Schubertiade als Teil ihres Lebens als Musikredakteur und -kritiker am schmerzlichsten vermissen. Was waren das für spannende Einsätze für die VN, für die ich parallel arbeitete, als wir mit der Redaktion nicht nur um die Qualität der Berichterstattung, sondern auch deren Schnelligkeit bemüht waren. Wenn also wie üblich zwei Konzerte um 16 und 20 Uhr stattfanden, sollte die Kritik über das erste davon bereits am nächsten Tag in der Zeitung erscheinen. Das hieß für mich, dass ich mich gleich nach Ende des ersten Konzertes ins Schubertiade-Büro an eine Schreibmaschine, später an einen PC setzte und dort mitten im Trubel des Kartenverkaufs und nervöser Künstler:innen, die noch Wünsche hatten, um eine gehaltvolle Kritik bemühte und diese dann gleich abgesandt habe. Später haben mir immer wieder Leute bestätigt: „Wenn man Ihre Kritiken gelesen hat, weiß man genau, wie es war. Da braucht man gar nicht mehr ins Konzert zu gehen.“
Thurner: Danke für das Gespräch.
Den erwähnten Rückblick auf 50 Jahre Schubertiade in der Maiausgabe der KULTUR finden Sie hier.