Kota – Lebensansichten eines Huhns
Markus Barnay · 10. Sep 2026 · Jubiläum

Verlautbarungsorgan oder Gegenöffentlichkeit – oder beides?

40 Jahre KULTUR-Geschichte, Teil 3 (2002–2007)

Zehn Ausgaben pro Jahr gibt es seit ihrer Gründung von der KULTUR-Zeitschrift – jeden Monat eine, nur im Juli und Dezember deckt eine Doppelnummer jeweils zwei Monate ab. In den frühen 2000er Jahren war diese Zeitschrift etwa 100 Seiten dick, pro Jahr erschienen also 1000 Seiten KULTUR. Man sitzt daher doch eine Weile am Computer oder vor den fein gebundenen Jahresbänden, wenn man mehrere Jahrgänge durchlesen will. Manchmal bleibt man an dem ein- oder anderen Artikel hängen und liest ihn wirklich von vorne bis hinten durch, manchmal reicht die Überschrift, um zu wissen, dass es sich nicht lohnt, ins Detail zu gehen. Letzteres betrifft vor allem jene Beiträge, die man als Verlautbarungen bezeichnen könnte, also Artikel, die ein Kulturereignis ankündigen, das erst bevorsteht.

Literatur in der Kritik

Es liegt in der Natur der Sache, dass die KULTUR-Zeitschrift zu einem wesentlichen Teil aus solchen Artikeln besteht. Schließlich entstand sie ja nicht zuletzt als eine Art Verlautbarungsorgan der kleinen Kulturveranstalter dieses Landes, zuvorderst des Spielboden Dornbirn und des Kulturkreis Feldkirch. Und was nützt einem eine kritische Berichterstattung über ein Theaterstück oder eine Ausstellung, wenn der Artikel im Juli erscheint, das Stück aber nur im Juni gespielt oder die Ausstellung schon nicht mehr zu sehen ist? So gesehen blieben die darstellende und bildende Kunst ebenso wie musikalische Live-Produktionen in früheren Jahren zumindest in dieser Zeitschrift von kritischen Bewertungen verschont, während die Literatur regelmäßig ins Visier der Kritiker:innen geriet. Das bekam zum Beispiel Robert Schneider zu spüren, wenn Ingrid Bertel über seinen Roman „Die Offenbarung“ schrieb: „Schneiders neue Kleider bedecken doch nur mangelhaft die bekannten Blößen“ (KULTUR 7/2007, S. 36), oder wenn Kurt Bracharz unter dem Titel „Some Earls are Blödies“ gleich eine ganze Persiflage auf Reinhold Bilgeris „Atem des Himmels“ verfasste. Zitat: „Eine Verfilmung unseres Fortsetzungsromans ist in Vorbereitung. Den Erzähler wird Jupp Heesters spielen, für die Rolle der Trulla von Haderlapp wird noch mit einem Rockprofessor verhandelt, den Mondocane soll Johnny Depp mimen (eventuell sein Double Johannes Trottel), die restliche Besetzung wird aus lokal weltberühmten Knallchargen und Knattermimen gecastet, Drehbuch braucht man schon seit Jahren keines mehr, die Regie kann eine fähige Kraft von einem der regionalen Theater übernehmen, wenn keine will, macht es vielleicht der Vilsmaier, Musik: Heribert Wulli, Chansontexte: Chief Lame Gaul. Produktion: wahrscheinlich ORF.“ (KULTUR 1/2006, S. 27) 
Und auch die ansonsten viel gelobte Literaturzeitschrift „V“ bekam bisweilen ihr Fett ab, etwa, als sie sich 2004 dem Thema „Liebe“ widmete: „Es ist fast rührend, nach dem Abklingen der entsprechenden Modewelle diese ratlos zusammenbuchstabierte, von Kleinstadt-Spießigkeiten durchsetzte Esoterik-Literatur zu lesen.“ (Ingrid Bertel in KULTUR 1/2004, S. 32). 

Ein Moorbad als Aufreger

Inzwischen hat sich an der erwähnten Problematik einiges geändert – dank der Möglichkeit, die in der gedruckten Ausgabe angekündigten Ereignisse online zu rezensieren. Zumindest Theateraufführungen und Konzerte erfahren also die ihnen gebührende kritische Aufmerksamkeit, während Ausstellungen nur dann ins Rampenlicht der KULTUR-Kritik geraten, wenn sie entweder historische Themen behandeln oder aus irgendwelchen Gründen für Diskussionen sorgen – so wie die Ausstellung der Künstlergruppe Gelitin im Kunsthaus Bregenz im Frühjahr 2006, die im Erdgeschoss des KUB eine Toilettenanlage und im Obergeschoss ein Moorbad aus Schlamm installierte. Da empörten sich Leserbriefschreiber in den VN und auf der Homepage der ÖVP über den „Mist“, der „unter dem Deckmantel der Kunst als Kunst verkauft wird“, während KULTUR-Kritiker Karlheinz Pichler befand, dass sich der Skandal, der von den „bösen Buben der Kunst“ erwartet worden war, ohnehin in Grenzen hielt – „respektive beschränkte er sich auf das Land“ (KULTUR 4/2006, S. 8).  

Kunst-„Elite“ im Visier

In der KULTUR-Zeitschrift tauchten freilich andere „böse Buben der Kunst“ regelmäßig auf: der damalige Präsident der Berufsvereinigung Bildender Künstler Vorarlbergs, Willi Meusburger, und seine Vorstandskollegen bzw. sein Spezi Walter Fink, der ihn in seinen VN-Kolumnen in Schutz nahm. Unter dem Titel „Filz, Fink und Meuseburg“ berichtete Karlheinz Pichler etwa über seltsame Vorgänge bei der Vergabe eines Kunst-am-Bau-Auftrags beim Bregenzer Sozialzentrum Mariahilf – und über Finks Schützenhilfe für Meusburger: „Das publizistisch-kulturelle Monopol Walter Finks ist vor allem auch darum harntreibend, weil er sich gerne in der Nähe der Macht, der Politik und der Institutionen aufhält. Nach oben buckeln, nach unten treten, um bildlich Herzmanovsky-Orlando zu strapazieren. Das bricht oft aus seiner ,Meinung‘ hervor. Hofberichterstattung und Anbiederung sind häufige Komponenten seiner Kommentare. Der enge Schulterschluss mit Willi Meusburger bringt ihn aber immerhin in die Lage, über unbequeme Geister die Lanze zu brechen und sich selber als eine Art Richtschwert aufzuspielen, um zu bestimmen, was Kunst ist und was nicht.“ (KULTUR 2/2002, S. 20) Zu den unbequemen Geistern gehörte auch Lisa Althaus, Mitbegründerin von „Kunst.Vorarlberg“, die in der KULTUR 5/2002 meinte: „Es drängt sich doch eher der Eindruck auf, dass die Berufsvereinigung einen Großteil ihrer Mitglieder – abgesehen von einer kleinen Gruppe – eher ausschließt als fördert. Eine solche ,Elite‘ scheint doch eher fragwürdig.“ 

Museum als „Labor der Gegenwart“

Auf einer anderen Ebene beruhigte sich die Diskussion Anfang der 2000er Jahre: Das KUB konnte sich als international ausgerichtetes Ausstellungshaus etablieren, die von manchen gewünschte „Landesgalerie“ mit einheimischer Kunst war nur noch sporadisch Thema – etwa in einem Interview mit dem damaligen Leiter der Kulturabteilung, Werner Grabher: „Was wir derzeit nicht haben, ist ein fixes Gebäude oder eine fixe Einrichtung, um so etwas wie eine Landesgalerie überhaupt zu installieren. Aber wir diskutieren darüber, die Ankäufe (…) in kleinen Tranchen in Form einer kleinen Präsentation mit Broschüre der Öffentlichkeit vor Augen zu führen.“ (KULTUR 2/2003, S. 4) – Eine Idee, die immerhin dreizehn Jahre später tatsächlich realisiert wurde (2016, als Claudia Voit und Peter Niedermair die Ankäufe kuratierten) und seither regelmäßig durchgeführt wird. 
Diskussionen gab es aber auch über einige andere Kulturinstitutionen: Im Jüdischen Museum Hohenems kehrte nach dem Konflikt mit Direktor Krapf dank der Bestellung von Hanno Loewy Ruhe ein. Er beschrieb schon im Herbst 2003 in der KULTUR seine Vorstellungen des Museums als „Labor der Gegenwart“, die er dann ab 2004 umsetzte: „Ich glaube, diese beiden Funktionen – das Museum als Erinnerungsort und das Museum als ein lebendiger Ort, an dem die Menschen, die heute hier leben darüber nachdenken, wer sie sind und was sie mit ihrer Geschichte und ihrer Zukunft eigentlich vorhaben – stehen zwar in einer Spannung zueinander, können aber auch nur funktionieren, wenn beide gleich wichtig sind.“ (8/2003, S. 8) Im Spielboden Dornbirn gärte es dagegen schon wieder – dank zweier „dilettantisch durchgezogene(r) Geschäftsführerwechsel“, die den internen Betrieb am Spielboden seit mehr als einem Jahr „prägen und lähmen“, schrieb Peter Füßl in der KULTUR 1/2007 – „wenngleich dies nach außen hin glücklicherweise nicht in diesem Maße spürbar war“.

„Defizite und Schwachstellen“ 

In die Kritik der kleinen Kulturveranstalter geriet auch das Feldkirch Festival, das als eine Art Ersatz für die wieder von dort abgewanderte Schubertiade eingerichtet worden war: Das mit 700.000,- Euro von Stadt und Land subventionierte Programm des 2007 zum Leiter bestellten renommierten Regisseurs Philippe Arlaud erschien auch KULTUR-Musikexpertin Silvia Thurner nicht wirklich überzeugend: „Im Wesentlichen ist es ein Sammelsurium von Musikveranstaltungen, das mit wenigen werkübergreifenden Wirkzusammenhängen ausgestattet ist. Die Innovationskraft neuer Werke fehlt beinahe vollständig, sodass keine Ecken und Kanten Anlass zu Auseinandersetzungen geben können.“ (KULTUR 1/2008, S. 32) Und auch das Filmfestival Alpinale bekam in der KULTUR sein Fett ab: „Ein herausragendes Festival von internationalem Niveau kann man bei einem Budget von 58.000 Euro (NEUE, 12.1.2007, S.30) zwar nicht erwarten und das Engagement der ehrenamtlich tätigen Organisatoren muss gewürdigt werden, doch die Defizite und Schwachstellen, die beispielsweise am Abschlussabend der 22. ALPINALE (12.8.2007) sichtbar wurden, können kaum mit mangelnden finanziellen Mitteln erklärt werden“, schrieb Filmexperte Walter Gasperi in der KULTUR 7/2007.

Von Flachdächern und Flachdenkern

Und schließlich erlaubte sich Robert Fabach auch eine kritische Betrachtung der ach so viel gelobten Vorarlberger Architekturszene: „Nicht alles, was sich rechnet, ein Flachdach hat und keine Fragen stellt, ist gut. (…) Mitunter werden PR und Lobbying mit Architekturkritik verwechselt, was sowohl einer gelegentlichen euphorischen Einschätzung einzelner, als auch – nach dem Auslaufen von Roland Gnaigers ‚Plus - Minus‘ im ORF – dem langjährigen Mangel fachlicher Rezension in den regionalen Medien zuzuschreiben ist.“ (KULTUR 8/2003, S. 44) Apropos Flachdach: Als sich im Montafon eine selbst ernannte „Plattform“ zum Erhalt der Tradition in Form der touristisch geprägten Lederhosenarchitektur bildete, konterte Bruno Winkler in der KULTUR: „Diese streitbaren Verteidiger vermeintlicher Bautradition bunkern sich in einen vordergründigen Formalismus ein und verkürzen Traditionsfragen auf Dachneigungen. Eigentlich wären Flachdächer ein Ärgernis lediglich für Flachdenker, nicht nur in Sachen Architektur, auch in Bezug auf Tradition.“ (4/2007, S. 72)

Die Kuh zur Sau gemacht

Eine andere vermeintliche Tradition geriet dagegen in das Visier von Kurt Greussing, der in der KULTUR stets für die sprachgewandtesten Analysen sorgte: Er setzte sich kritisch mit der Agrarförderung der EU und mit der heimischen Milchwirtschaft auseinander, als im Bregenzerwald eine Initiative die Drei-Stufen-Wirtschaft zum Weltkulturerbe erklären lassen wollte – am Beispiel der „Turbo-Kuh“: „Verdauungstechnisch gesehen ist die Turbo-Kuh also eine überdimensionierte Sau, ein AgroSAUrier. Dieses Wirklichkeit gewordene Fabelwesen, das nun unsere schönen Alpen bevölkert, frisst nicht nur vorne das Falsche hinein, es kommt auch konsequenterweise hinten das Falsche heraus – jedenfalls zu viel Stickstoff.“ (4/2007, S. 16) Den angeblich so transparenten Prozess zur Bewerbung um das Kulturerbe kritisierte in der darauffolgenden Ausgabe die Obfrau des Kulturforum Bregenzerwald, Birgit Feierl: „Insgesamt blieb man von Seiten der Veranstalter der seit Anbeginn des Managementprozesses eingenommenen Haltung treu: Keine Konflikte aufkommen lassen, die, die da sind, nicht wahrhaben oder gar ansprechen, Anliegen und Bedenken gleichermaßen als wichtig deklarieren, um lächelnd darüber hinwegzugehen; viel Lob für das Engagement ausschütten um dabei davon abzulenken, dass hier kein wirklicher Diskurs geführt wurde.“ (5/2007, S. 13)

Die Kirche und der Geschlechtstrieb

Ach ja: Sexualität, das Thema, das in den ersten Jahrzehnten der KULTUR-Zeitschrift immer wieder für Kontroversen sorgte, durfte natürlich auch in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts nicht fehlen. Jetzt ging es aber nicht mehr um Politiker, die ein Problem mit dem Sex haben, sondern um die Doppelmoral der Kirche – etwa im Umgang mit sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche, wie sie nicht nur den Bischöfen Groër und Krenn, sondern auch dem Bregenzer TV-Pater Gustl Paterno vorgeworfen wurden: „Jetzt also ist die Decke weg, und hervor treten öffentlich: Männer mit Geschlechtsteil und -trieb. Das ist für die Kirche, jedenfalls in Österreich, brandheiß. Denn damit droht ihr der Verlust des Ansehens als zivilreligiöser Autorität und somit – viel schlimmer noch – der Rechtfertigung ihrer existenzerhaltenden Alimentierung durch den Staat.“ (Kurt Greussing in KULTUR 9/2004, S. 18)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/ August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.