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27.08.2015 |  Ingrid Bertel

Kein Zauberberg - „Vom Luftholen. Lungenheilstätte Gaisbühel“ - Ein Kapitel Vorarlberger Sozialgeschichte

Im Sommer 2013 luden Ines Agostinelli und Isabella Marte 18 KünstlerkollegInnen ein, um einen ganz besonderen Ort zu erkunden: die ehemalige Lungenheilstätte Gaisbühel. Jetzt gibt es dazu ein Buch, das viel mehr ist als ein üblicher Katalog. „Vom Luftholen“ erzählt ein Kapitel Vorarlberger Sozialgeschichte auf geradezu unheimlich aufschlussreiche Weise.

Im ehemaligen Personalhaus der Lungenheilstätte Gaisbühel arbeiten AsylwerberInnen aus Europa, Afrika und Asien an Heißluftballons aus Papiermaché. Das Ausgangsmaterial sind Zeitungen aus ihren Herkunftsländern. Die Idee stammt von Ines Agostinelli. Sie hängt die Ballons in den ehemaligen Liegehallen Gaisbühels auf, damit sie vom Verlangen erzählen, an einem anderen Ort zu sein, von der Ungewissheit der Luftströme, der Fragilität des Transportmittels. Ines Doujak, einst Patientin am Gaisbühel, baut ihre Skulptur ebenfalls aus Papiermaché – einen Mädchenkopf mit braven Locken. Die geschlossenen Augen liegen tief in ihren Höhlen, der Nasenrücken ist scharf gezeichnet – so wie bei Menschen, die nach Atem ringen.

In diesem Sommer 2013 beschäftigen sich die 20 mit den Themen Atem und Luft, reagieren auf einen Ort, der in der Geschichte beinahe jeder Vorarlberger Familie eine düstere Rolle gespielt hat. Aber wie sieht diese Geschichte wirklich aus? Ines Agostinelli wollte es genau wissen. Deshalb erscheint das Buch „erst jetzt“, zwei Jahre nach der Ausstellung. Denn bislang gab es keine historische Darstellung der Lungenheilstätte. Für das Buchprojekt recherchierte der Medizinhistoriker Walter Zirker in Archiven und Bibliotheken, las in Chroniken, Bau- und Dienstbüchern nach. Und Ines Agostinelli interviewte drei ZeitzeugInnen, die jeweils länger als 30 Jahre am Gaisbühel gearbeitet haben.

„Der Gaisbühel war einfach ein gefürchtetes Haus.“


Tbc ist eine ansteckende Infektionskrankheit, deren Verbreitung durch mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung begünstigt wird. Um 1910 ist die Erkrankungsrate in Vorarlberg eine der höchsten in der Monarchie. Also soll eine Heilstätte gebaut werden, an windgeschütztem Ort, in reiner Luft. An einem Ort mit weichem Wasser und einem Gutshof, der eiweißreiche, gesunde Ernährung garantiert. Denn die Krankheit kann nur passiv bekämpft werden: mit Liegekuren, gutem Essen und mäßiger Bewegung in frischer Luft.

Reisenden mochte das elegante Jugendstilgebäude von Willi Braun als luxuriöses Hotel erscheinen, den Einheimischen war es ein Ort des Schreckens. „Wer nach Gaisbühel musste, hatte mit dem Leben abgeschlossen“, erzählt die langjährige Pflegerin Barbara Knafelc. Gedacht war die Einrichtung ursprünglich für kranke Soldaten - österreichische. Die anderen wurden zum Arbeiten gezwungen. Serbische und italienische Kriegsgefangene errichteten den Bau unter schwierigsten Bedingungen; zu essen gab es kaum etwas, und oft hatten die Arbeiter nicht einmal Schuhe. Als die Heilstätte 1920 schließlich eröffnet werden konnte, betonte Landeshauptmann Ender, sie sei nicht als Sterbehaus gedacht: „Es ist also schon bei der Aufnahme die Diagnose dahin zu stellen, ob es sich um einen heilbaren Grad der Tuberkulose handelt oder nicht; denn nur solche Formen können aufgenommen werden.“

„So kann man sich den Himmel verdienen“


Die Pflege wurde den Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz übergeben und sollte ab 1921 nicht nur Soldaten, sondern auch zivilen Kranken angedeihen. Dabei beschreiben die weltlichen Schwestern, die den Großteil der Pflege leisteten, die Nonnen als wenig barmherzig, ja geradezu als sadistisch. „So kann man sich den Himmel verdienen, wenn man ordentlich weh hat, haben sie gesagt.“ Barbara und Mirko Knafelc und Resi Beiter nennen im Gespräch mit Ines Agostinelli die geistlichen Schwestern unfähig, eine Beziehung zu den PatientInnen aufzubauen. „Sicher, der hat vielleicht schon was davon, wenn man für ihn betet, aber die Hand halten, das hätte er wahrscheinlich noch lieber. Oder ein bisschen den Schweiß abwischen.“

Anders als Dr. Ender es vorsah, starben viele PatientInnen in der Heilstätte – und begleitet dabei haben sie selten die Ärzte und die Nonnen. Die übergaben die schwierige Aufgabe der Sterbebegleitung an die Krankenschwestern, und ließen sie mit dem Schmerz allein. Da keimt in der Leserin der Verdacht, dass es wohl kein Zufall ist, wenn in Vorarlberg eine Palliativstation erst so unglaublich spät eingerichtet wurde.

„Minderwertige“


Wo geistliche Schwestern mit viel Energie die moralische Keule schwangen, konnten die Ärzte natürlich nicht abseits stehen. Resi Beiter hat das als Patientin erlebt, bevor sie sich zur Krankenschwester ausbilden ließ: „Und dann hat der Arzt wieder einmal einen Vortrag gehalten. Mehr oder weniger ist es sowieso immer nur darum gegangen, es sind die Asozialen, die Tuberkulose haben, und die Alkoholiker.“ „Und die Geschiedenen“, wirft Barbara Knafelc ein.

PatientInnen als „Minderwertige“ abzustempeln hatte offenbar System, genauso wie ein intensiv ausgelebter Hang zum Sparen. Auch das ein unrühmliches und andauerndes Kapitel Vorarlberger Sozialgeschichte. Denn gespart wurde an den PatientInnen. „Einmal hat man so gespart, dass eine Million Schilling übrig geblieben ist“, erzählt Barbara Knafelc. Damit das Budget nicht fürs folgende Jahr um diese Summe gekürzt werden konnte, durften die Schwestern die nötigsten Neuanschaffungen für die Heilanstalt tätigen. Dabei konnten sie auch ihre medizinischen Kenntnisse artikulieren. Barbara Knafelc wies die Ärzte darauf hin, dass Instrumente nicht in Alkohol desinfiziert werden sollten: „… in Alkohol wachsen die Tuberkel“.

„Wirklich nicht“


Gaisbühel war eine Heilanstalt für Arme. Da die Tbc wegen der hohen Ansteckungsgefahr allgemein gefürchtet wurde, stigmatisierte der Aufenthalt in einer Lungenheilstätte. Kein Wunder, dass jeder, der die finanziellen Mittel hatte, nach einer Alternative suchte. Man fand sie etwa in Natters in Tirol oder im Schweizer Kurort Davos. Mirko Knafelc: „Meinen Sie, ein Hofrat aus Bregenz hat seinen Sohn nach Gaisbühel geschickt, wenn er Tbc hatte, oder nach Natters? Wirklich nicht.“

Die Therapieformen kennen Literaturfreunde aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Nur gab es in der Heilanstalt Gaisbühel keine Konzerte oder Schlittenfahrten, keine Bälle und vor allem keine Flirts. Bei den Mahlzeiten, Liegekuren und Spaziergängen wurden Männer und Frauen strikt getrennt. Ärztliche Begründung: „Es ist ja bekannt, dass den Tuberkulosekranken eine besondere geschlechtliche Reizbarkeit eigen ist. Sie ist bei ihnen stärker als bei gesunden Leuten und alle Anstaltsärzte sagen, ohne eine gute Disziplin seien die Ordnung im Hause und auch die Heilerfolge gefährdet.“

Dass bei der Leitung des Hauses die Weltanschauung die dominierende Rolle spielte, wurde natürlich auch in der NS-Zeit deutlich. Walter Zirker hat recherchiert, dass der Chefarzt, Dr. Fritz Schinle, im Jänner 1935 „wegen illegaler nationalsozialistischer Betätigung“ verhaftet und „ins Reich abgeschoben“ wurde, da er kein Österreicher war. Im März 1938 kehrte er triumphal zurück und wurde erneut mit der Leitung der Anstalt betraut. Er entließ die Kreuzschwestern und ersetzte sie durch auf Linientreue untersuchtes Personal. Nach Kriegsende bemühte sich Landeshauptmann Ilg, die Barmherzigen Schwestern zurückzuholen. Sie kamen und standen den Stationen zwischen 1954 und 1970 vor.

„Mitfühlen soll man, mit sterben nicht.“


Jetzt gab es mit Streptomycin das erste Antibiotikum, allerdings eines mit brachialen Nebenwirkungen, denen viele PatientInnen entgehen wollten. „Wenn der Oberarzt aus dem Fenster geschaut hat, hat er gemeint, die Gänseblümchen blühen – dabei waren es die Tabletten, die die Patienten hinaus gespuckt haben. Es hat geheißen, in Gaisbühel gibt es die gesündesten Vögel“, erzählt Barbara Knafelc.

Den Gutshof, der die Kranken mit gesunder Nahrung versorgt hatte, gab es nun nicht mehr. Das Gasthaus blieb, die „Giftbude“. Sie war der Trost vor allem der ehemaligen Soldaten. Viele waren traumatisiert, erzählt Mirko Knafelc, und viele waren alkoholkrank. Er habe bei männlichen Patienten, die den 2. Weltkrieg erlebt hatten, den Blutdruck immer links gemessen. „Dort waren alle tätowiert, die bei der SS waren. Dann habe ich gesagt: „Ah, warst du auch dabei?“ Und wenn an der Stelle die Haut vernarbt war, wusste ich, dass sie es haben wegschneiden lassen.“

Ehemalige Angehörige der SS seien 1945 in der Fremdenlegion untergetaucht und schwer krank nach Vorarlberg zurückgekehrt. Barbara Knafelc macht düstere Andeutungen: „Was sie in den KZs aufgeführt haben oder mit den Kindern. Die Täter haben das nicht erzählt.“ Viele dieser ehemaligen SSler seien 10 Jahre und länger auf Gaisbühel gewesen. Das ist, meines Wissens, ein bislang vollkommen unbekanntes Kapitel Zeitgeschichte.

Anna Rubin hat im Sommer 2013 hunderte weiße Windräder in der großen Liegehalle zu Füßen der ehemaligen Heilstätte installiert, filigrane Objekte, die leiseste Luftströmungen sichtbar machen. Hannes Zebedin hat die Zeiger am Uhrturm aus den Angeln gehoben. Einer Überlieferung zufolge aber hat diese Uhr ohnedies nie über ein Uhrwerk verfügt. Ausdehnungslose Zeit – das war einst die Qual der Tbc-PatientInnen, der Spiegeltest ihr Ende. Beschlug der Spiegel, atmete der Mensch noch. „Heute sind es ausbleibende Hirnströme, die den Tod anzeigen“, schreibt Thomas D. Trummer in seinem Begleit-Essay. „Doch bis vor zweihundert Jahren war es der Atem.“

 

 

„Vom Luftholen. Lungenheilstätte Gaisbühel“, hrsg. Ines Agostinelli in Zusammenarbeit mit dem vorarlberg museum, ISBN: 978-3-200-04184-4, 144 S.

Das Buch wird am 2. September um 19 Uhr im vorarlberg museum präsentiert.

 

 

 

 

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