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17.07.2018 |  Peter Füssl

Steve Tibbetts: Life Of

Land und Meer und Pflanzen und das junge Licht, alles ebbt und wogt ruhig unter ihm, als ob es immer schon so gewesen wäre. Als er seine Augen zufrieden über das schweifen lässt, was er geschaffen hat, vernimmt er plötzlich etwas in sich, das man später einmal Töne und Harmonien nennen sollte, so gleich und so verschieden zugleich, alles in einem und eines in allem, so ruhig und wunderschön, als ob auch sie immer schon dagewesen wären. Da überkommt ihn eine große Traurigkeit, denn es gibt nichts und niemand, mit dem er teilen kann, was er in sich hört. Und obwohl er völlig erschöpft ist und eigentlich vorhatte, am nächsten Tag zu ruhen, beschließt er, noch einen sechsten Arbeitstag einzuschieben, um einen und eine zu schaffen, mit denen er die Erfahrung des Hörens teilen kann. ...

Vierkommasechsmilliarden Jahre später, irgendwo in Minnesota: Steve Tibbetts grübelt darüber nach, wie er die aus der westlichen Tradition geschöpften Klänge seiner auf unkonventionelle Weise präparierten und gespielten 12-saitigen Gitarre, eines Pianos und zarter Perkussion mit den Klängen und Vorstellungen, die er auf Reisen durch Südostasien und beim Hören fernöstlicher Meister erfahren hat, kombinieren und Einswerden lassen könnte. Dreizehn Klangbilder entstehen, alle verströmen sie archaische Ruhe und Zeitlosigkeit, sind so verschieden und dennoch gleich: alles in einem und eines in allem. Akustisch generiert, aber in ausgeklügelten Aufnahmeverfahren und durch subtiles Spiel mit Raumklängen einzigartig gemacht. Den Titel „Life Of“ darf der Hörer, die Hörerin mit dem eigenen Namen ergänzen. Denn nach einiger Zeit erscheint es so, als ob man genau diese Musik immer schon in sich hatte oder immer schon einmal hören wollte. Man geht in die Unendlichkeit des Tibbett’schen Klangkosmos ein und findet dort zumindest für die Dauer einer CD-Länge genau das, was man sucht. Vieles ist spürbar, was man vielleicht nicht einmal bewusst hört und schon gar nicht benennen könnte. Steve Tibbetts legte zwischen den letzten vier ECM-Alben – „Life of“ ist sein insgesamt neuntes seit 1981, und Perkussionst Marc Anderson war bei allen dabei – jeweils achtjährige Pausen ein. Also absolut kein Mann für Schnellschüsse. Irgendwie fällt Tibbetts wirklich aus der Zeit, und man lässt sich gerne mit ihm fallen und ist froh, dass der eine damals doch noch einen zusätzlichen Arbeitstag eingeschoben hat.

(ECM/www.lotusrecords.at)

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