Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Fritz Jurmann · 10. Sep 2024 · Literatur, Musik

Es begann an der Stella

Philipp Schöbi auf den Spuren des jungen Schriftstellers Arthur Conan Doyle im Feldkircher Jesuitengymnasium

Was verbirgt sich hinter dem Kürzel ACD, das ein bisschen wie die Popgruppe AC/DC ausschaut? Literaturkenner lächeln wissend: Es geht um einen Giganten der Literatur, der vor knapp 150 Jahren ein Studienjahr in Vorarlberg absolviert hat. Damals verbrachte der später berühmte britische Schriftsteller und Arzt Arthur Conan Doyle das Schuljahr 1875/76 als Zögling im hoch angesehenen Feldkircher Jesuitengymnasium Stella Matutina. Er erfuhr dort im Unterricht durch die Ordensleute erste prägende Eindrücke und Einflüsse an humanistischer Bildung, setzte als jugendlich frühreifer, wacher Geist seinerseits aber auch eigene Impulse im Schulleben.

Der spätere Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930) stammte aus dem schottischen Edinburgh, wo er schon in den ersten Schuljahren als „Geschichtenerzähler“ bei seinen Mitschülern äußerst beliebt war. Besonders in der Montfortstadt, wohin man den 16-Jährigen zum Studieren geschickt hatte, fühlte er sich sehr wohl, was aus seinen Briefen hervorgeht. Doyle spielte in der Schulkapelle das Bombardon, äußerte sich positiv über das Sportangebot, erzählte von Ausflügen in die Umgebung und veröffentlichte vor allem zwei Ausgaben einer eigenen Schülerzeitung: „The Feldkirchian Gazette“. 
Sie wurde zur Basis der weiteren sprachlichen und erzählerischen Entwicklung Doyles, die später auch zur Erfindung seines Meisterdetektivs Sherlock Holmes führte. Die Geschichten um diese Figur haben ihrem geistigen Vater bis heute Weltgeltung gesichert.   

Auf Doyles Spuren in Feldkirch

Mit dem Spürsinn eines Sherlock Holmes ausgestattet zu sein, scheint auch der in Feldkirch lebende Philipp Schöbi. Der aus Altstätten/CH stammende Gatte der Vorarlberger Kulturpolitikerin und Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink ist promovierter Mathematiker und hat sich als Mitbegründer der bis heute stattfindenden Feldkircher Literaturtage auch durch seine wissenschaftlichen Arbeiten zum literarischen Feldkirch und speziell über Georg Joachim Rheticus einen geachteten Namen gemacht. Ebenso intensiv beschäftigt sich Schöbi seit vielen Jahren auch mit der Person Arthur Conan Doyle, speziell mit dessen Studienaufenthalt in Vorarlberg. 
Als Dokumentation seiner Arbeit hat Philipp Schöbi zuletzt zahlreiche Texte, Zeugnisse, Bilder und Berichte über den angehenden Autor in einer streng wissenschaftlich fundierten, dabei liebevoll und detailreich gestalteten Arbeit zusammengefasst, die sich spannend wie ein Krimi liest und kürzlich im neuesten MONTFORT-Heft 1/24 (StudienVerlag Innsbruck) unter dem Titel „The Feldkirchian Gazette“ erschienen ist. Die folgende Zusammenfassung in Form einer „Reader‘s Digest“-Ausgabe erscheint mit Genehmigung des Autors und des Verlages. 

Philipp Schöbis Beitrag in Auszügen 

Bevor Arthur Conan Doyle nach Feldkirch kam, verbrachte er sieben Jahre im altehrwürdigen Jesuitenkolleg Stonyhurst/England. Für ihn, der aus bescheidenen familiären Verhältnissen stammte, scheinen es sieben magere biblische Jahre gewesen zu sein. Zu seiner Auflehnung gegen die dort herrschenden Zustände mit harter körperlicher Züchtigung notierte er: „Ich tat mein Bestes, um wirklich boshafte und unverschämte Dinge zu tun, nur um zu zeigen, dass mein Geist ungebrochen war.“ 
Nach erfolgreichem Abschluss der Schule in Stonyhurst war er mit 16 Jahren aber noch zu jung für sein angestrebtes Medizinstudium in Edinburgh und entschied sich, noch ein Überbrückungsjahr in der Montfortstadt zu verbringen: „Da gibt es eine großartige Schule in Feldkirch, im Westen Österreichs, nicht weit von der Schweiz entfernt.“ Sein primäres Ziel war es, hier sein Deutsch zu verbessern. Außerdem ging diese Entscheidung auf eine vor genau 150 Jahren ausgesprochene Empfehlung seines letzten Deutschlehrers in Stonyhurst zurück, dem aus St. Gallen stammenden Pater Alexander Baumgartner SJ. Der später als hochgelehrter „Literaturpapst“ bekannte Priester, mit dem ihn als Vorbild auch eine gewisse Seelenverwandtschaft verband, war selbst einst Zögling und danach Lehrer an der ihm vertrauten und von ihm geliebten Stella. Dessen eigenes Schaffen wurde sogar mit drei Nominierungen für den Literaturnobelpreis gewürdigt.

„Die Stadt ist nett“

Und so kam ACD im September 1875 nach Feldkirch. Kaum angekommen, schrieb er an seine Mutter Mary: „Die Alpen sind wunderschön und ich denke, die Stadt ist nett.“ Im Rückblick hielt er 1924 fest: „Hier waren die Bedingungen viel humaner und ich begegnete weit mehr Menschenliebe als in Stonyhurst, mit dem sofortigen Ergebnis, dass ich aufhörte, ein nachtragender junger Rebell zu sein und zu einem Hüter von Recht und Ordnung wurde.“ Seinen positiven Gefühlen gegenüber der Stella Matutina verlieh ACD in seinen Memoiren noch mehrfach Ausdruck: „Alles in allem war es ein glückliches Jahr. […] Ich habe die österreichischen Jesuiten und die alte Schule immer in angenehmer Erinnerung behalten. […] Ich habe in der Tat ein angenehmes Gefühl gegenüber allen Jesuiten, so weit ich auch von ihren Wegen abgewichen bin. Ich sehe jetzt sowohl ihre Grenzen als auch ihre Tugenden.“
An der Stella hatten aber auch Sport, Spiel, Musik und Theater von jeher und bis zu ihrer Auflösung 1979 immer eine eminente Bedeutung. Von den Feldkircher Jesuiten wurden die körperliche Ertüchtigung, das gemeinsame Spielen, eine solide musikalische Ausbildung sowie die Auseinandersetzung mit großen Themen der Geschichte im Schultheater als wichtige pädagogische Elemente angesehen. Die vielfältigen sportlichen Betätigungen und Spielarten wechselten mit den Jahreszeiten. Begeistert berichtete ACD in seinen Briefen an Mutter Mary von seinen sportlichen Aktivitäten in Feldkirch wie Schlittschuhlaufen, Rodeln, Wandern, Billard, Schlagball (Rounders) und Fußball (damals ein Novum in Österreich; an der Feldkircher Stella wurde überhaupt erstmals in Österreich Fußball gespielt).

„Gewaltswanderung“ auf die Schesaplana

In einem lediglich als Fragment erhaltenen Brief von 1876 an seine Mutter berichtete ACD von einer eintägigen „Gewaltswanderung“ auf einen Berg, von dessen Gipfel aus man „Baden, Österreich, Schweiz, Bayern und Württemberg“ habe sehen können und erwähnte auch: „Die Gesamtdistanz betrug 42 Meilen, und solche Meilen, bewältigt in 14 Stunden.“ Lange Zeit haben wir diese Schilderung von ACD als wohl etwas übertrieben vermutet, bis wir aus einer Festschrift der Stella von 1931 erfuhren, dass damals offenbar tatsächlich jedes Jahr mit den Zöglingen eine Tagesexkursion von Feldkirch (458 m ü. M.) zu Fuß auf die alles überragende Schesaplana (2.965 m ü. M.) im Rätikon gemacht wurde. Nach dem Hinweis der Mutter, dass er auf einem übersandten Foto wohl etwas mager aussehe, schloss ACD seinen Brief mit den Worten: „Es geht nichts über Alpenwanderungen, um überschüssiges Fleisch abzubauen.“

Meilenstein und Wendepunkt

Im Zentrum seiner Aktivitäten stand damals in Feldkirch für Doyle aber die Publikation einer eigenständigen Zeitung für seine englischsprachigen Mitschüler mit dem Titel „The Feldkirchian Gazette“, die er auch an seinen literarisch versierten Großonkel Michael Edward Conan in Paris sandte. Dieser würdigte in einem Brief an die Mutter das zweifellos vorhandene schriftstellerische Talent ihres Sohnes und kam zu dem Schluss „Seine ‚Feldkircher Zeitung‘ gibt Anlass zu größten Hoffnungen.
Uns ist nicht bekannt, ob diese Schülerzeitung je in Druck erschien. Das handschriftliche, rund 45-seitige Originalmanuskript ihrer ersten beiden und wohl einzigen Ausgaben vom Oktober und November 1875 jedenfalls blieb im Nachlass des Autors erhalten, wurde 2004 bei Christie’s in London versteigert und von der British Library erworben. Doyle hat sein Manuskript mit violetter Tinte eigenhändig in zwei blau gebundene Schulhefte geschrieben. Dabei handelt es sich um die erste eigenständige Publikation des nachmalig wohl berühmtesten Kriminalschriftstellers der Welt. Die Schülerzeitung markiert daher zweifellos einen Meilenstein und Wendepunkt in seiner literarischen Karriere. – In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift MONTFORT wurde sie seit ihrem Entstehen überhaupt erstmals veröffentlicht.

Die Liebe zum Bombardon

Ein Aushängeschild der Stella war auch immer die schuleigene Blaskapelle, in der ACD mit Begeisterung das Bombardon, die heute als Helikon bekannte Riesentuba, spielen durfte, das mit Abstand größte Instrument der Kapelle. Sie nannten es auch „Bombenhorn“, weil sein Aussehen an ein Bombenrohr gemahnte, und trieben damit allerhand Schabernack. Jedenfalls gehörten diese Auftritte für ACD zu den schönsten Erinnerungen an seine Feldkircher Zeit. Doyle dürfte damit wohl einer der ältesten und sicher der prominenteste Blasmusiker Vorarlbergs gewesen sein. Dem geliebten Instrument hat er in seiner Schülerzeitung eine Art Ode gewidmet.

 

The song of the Bombarden.

 

There is an instrument whose power,

       Does all the others far surpass.

Far o’er the rest one sees him tower.

       A mighty monument of brass.

 

The soundest sleeper, far or near,

       I think would scarcely slumber on,

If close to his unconscious ear,

       You played upon the Bombarden.

 

Some scoff at its enormous size,

       And mock at its immensity.

But none can hear without surprise

       It’s notes and their intensity

 

Some say it’s weight is quite absurd,

       It only does encumber one.

The sweetest tunes I ever heard

       Were played upon the Bombarden.

 

So ever to the end of time,

       All must, to love its tones, consent

In every band, and foreign clime,

       They play the glorious instrument

And when on the last judgement day,

       Of angels a great number come,

The one who must a trumpet play,

       Will blow upon a Bombarden.

 

                                          Signature AD

 

 

Das Lied vom Bombardon.

 

Da gibt es ein Instrument, dessen Kraft

       Alle anderen weit übertrifft.

Weit über dem Rest sieht man es ragen,

       Ein mächtiges Monument aus Blech.

 

Der gesündeste Schläfer, ob weit oder nah,

       Würde wohl schwerlich weiter schlummern,

Wenn du nahe bei seinem ohnmächtigen Ohr

       Auf dem Bombardon spielen würdest.

 

Einige spotten über dessen enorme Größe,

       Und verhöhnen seine Unermesslichkeit.

Aber niemand hört ohne Verwunderung

       Seinen Klang und dessen Stärke.

 

Einige sagen, sein Gewicht sei ziemlich absurd

       Und belaste einen doch nur.

Die süßesten Stücke, denen ich jemals lauschte,

       Wurden gespielt auf dem Bombardon.

 

So müssen alle bis ans Ende der Zeit,

       Seinem Klang zu frönen, zustimmen.

In jeder Kapelle und in fremdem Gefilde

       Spielt man das glorreiche Instrument.

Und wenn am Tage des Jüngsten Gerichts

       Eine Vielzahl von Engeln erscheinen,

Wird jener, der eine Trompete muss spielen,

       Auf einem Bombardon blasen.

 

                                                Signatur AD

 


Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2024 erschienen.

Philipp Schöbi: The Feldkirchian Gazette – Die erste eigenständige Publikation von Sir Arthur Conan Doyle, dem geistigen Vater von Sherlock Holmes. In: Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs 1/2024. 
Die Ausgabe (164 Seiten) kostet € 28,50 und ist über den Verlag zu beziehen: www.studienverlag.at/produkt/6383/montfort-1-2024/