Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall startete sein Abonnement mit einem aussagekräftigen Konzert. Gefeiert wurden unter anderem der Komponist Herbert Willi und die Klarinettistin Sharon Kam.
Silvia Thurner · 12. Okt 2026 · Musik

Zwischen Klanglust und Hörbelastung

Ensembles NAMES und das Quatuor Diotima bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik

Das Ensemble NAMES aus Salzburg eröffnete die diesjährigen Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik (BTzM) mit vier Uraufführungen. Werke, die erstmals erklingen, bergen immer auch einen Überraschungseffekt in sich und erhöhen die Spannung. Dies betonte auch die künstlerische Leiterin des Festivals Mirela Ivičević. Margareta Ferek-Petrić und Timea Urban brachten stilistische Grenzüberschreitungen mit Kitsch und Humor ein. Doch teilweise führten die Werke auch an die Grenze der physischen Belastbarkeit. Im Rahmen des Abschlusskonzertes der BTzM präsentierte das berühmte Quatuor Diotima neue Werke aus der Kompositionsmeisterklasse des Festivals sowie ein Streichquartett des Leiters Clemens Gadenstätter. Hier zeigte sich, wie essenziell für junge Komponierende eine musikalisch exzellente Aufführung ist.

Ganz neue Stücke im Konzert zu erleben, setzt Offenheit voraus und birgt immer auch Überraschungsmomente. Die diesjährigen Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik eröffnete das Salzburger Ensemble NAMES mit zahlreichen neuen Kompositionen, in denen verspielt und vielgestaltig Instrumentalklänge mit Elektronik in Verbindung gebracht wurden.
Marco Döttlinger setzte in „machina sopora“ musikalische Einheiten mittels computergestützter Live-Elektronik und einer synchronisierten Videoprojektion zueinander in Beziehung. Vier Performerinnen kommunizierten miteinander und reagierten gegenseitig auf zugespielte Schallereignisse. Zuerst wirkten die Sounds spannend, und es war unterhaltsam, der gleichzeitigen Visualisierung der Bewegungen auf der Leinwand zu folgen. Allerdings erschöpfte sich die Idee relativ rasch und bündelte die Aufmerksamkeit nicht bis zum Ende.
Margareta Ferek-Petrić setzte die für sie anstrengende Hitze des vergangenen Sommers in eine musikalische Gestalt. Ihrem Werk „Salad“ (Heatwave Joy Nr. 1) legte sie, auf Gertrude Stein bezugnehmend, die Phrase „sadder than salad“ zugrunde. Damit schuf sie ein Werk, das durch seine musiktheatralische Note und die Konfrontation mit sehr gegensätzlichen musikalischen Stilen eine gute Unterhaltung bot. Zu dieser Komposition passte das Werk „Pyro“ von Timea Urban. Sie stellte im ersten Teil ein instrumentiertes Klangkontinuum, in dem immer wieder die Stimme der Bassklarinette die Aufmerksamkeit auf sich zog, einem bewusst „banalen“ zweiten Abschnitt gegenüber. Dabei trieben die geraden Rhythmen des Drumsets den musikalischen Verlauf voran. Genau dieser Teil nivellierte jedoch den ersten Abschnitt wohl ungewollt, und es stellte sich die Frage, wie die Wirkung mit vertauschten Werkteilen wäre.
Der zweite Konzertteil stellte die Ohren auf eine harte Prüfung. Alexander Bauers Spiel in seinem Werkzyklus „In itself“, von dem der vierte Teil gespielt wurde, war – zumindest für meine Ohren – eine enorme physische Herausforderung. Das Setting, Rückkoppelungen ästhetisch in Szene zu setzen, wirkte reizvoll. In der Mitte wurde die Bassklarinette, ausgestattet mit einem Mikrofon im Korpus des Instruments, postiert. Vier Akteur:innen transferierten Klangereignisse mit Mikrofonen weiter auf Lautsprecher. So entwickelte sich ein sich ständig veränderndes Klangkontinuum.
Das einzige Werk des Abends, das nicht zum ersten Mal gespielt wurde, war Peter Jakobers Komposition „Loslösung der Ursache“. Dabei diente der Werktitel zugleich als Programm. Auch er führte in sich reizvoll abgerundete Passagen an die Grenze der physischen Belastbarkeit. Dabei wurden die Schallereignisse zunehmend vom Ausgangspunkt herausgeführt, impulsiv verdichtet und gesteigert, bis der Klangfluss am Ende wirkmächtig in sich zusammensackte.
Bewundernswert agierten die Musiker:innen des Ensembles NAMES, Marina Iglesias (Flöten), Marco Sala (Klarinetten), Alexander Bauer (Orgel, Synthesizer), Špela Mastnak (Schlagzeug, Stimme), Anna Lindenbaum (Violine, Viola), Valerie Fritz (Violoncello) und Marco Döttlinger (Live-Electronics). Sie setzten die Werke spieltechnisch virtuos und mit Energie in Szene.

Reizvolle Werke aus der Komponierwerkstatt in meisterhaften Interpretationen

Das Quatuor Diotima ist derzeit eines der meistbeachteten Streichquartette. Yunpeng Zhao, Léo Marillier (Violine), Franck Chevalier (Bratsche) und Alexis Descharmes (Violoncello) haben stets auch ein Augenmerk auf junge, aufstrebende Künstler:innen und präsentieren deren Werke. Im Rahmen der Bludenzer Tage finden seit einigen Jahren Kompositions-Meisterklassen statt, bei denen Komponierende, diesmal unter der Mentorenschaft von Clemens Gadenstätter, mit Unterstützung der „Art Mentor Foundation Lucerne“ an neuen Werken arbeiten.
Sechs Kompositionen aus dem Meisterkurs erklangen in der Remise Bludenz erstmals und boten reizvolle Hörerlebnisse. Sehr deutlich wurde, dass jedes Werk maßgeblich von der Qualität der Aufführung lebt. Die Teilnehmer:innen der Meisterklasse bei den BTzM können sich daher glücklich schätzen, derart qualitätsvolle Interpretationen zu erhalten. Selbstverständlich spiegelten die sechs Streichquartette den jeweiligen Grad der Erfahrung der Komponierenden wider.
Zuerst erklang das Streichquartett Nr. 1 „Everspin“ von Ármin Cservenák. Die Werke des ungarischen Komponisten werden bereits bei der Universal Edition verlegt. Der Werktitel verweist auf die kompositorische Idee, in dem themenartige Motive etabliert, durch die Instrumente gereicht und schließlich wieder verflüchtigt wurden. So entwickelte sich ein spannender Verlauf, der nach vier transparent abgegrenzten Abschnitten im Pianissimo verklang.
Eher ein Katalog musikalischer Energieverläufe und Spieltechniken entfaltete sich im Streichquartett „Die Garden of Forking Paths“ des italienischen Komponisten Davide Pentassuglia. Er spielte mit Linienverläufen, die sich in unterschiedliche Richtungen verzweigten, und lotete dabei verschiedene Klangmöglichkeiten aus.
Der japanische Komponist Hiroki Tanaka etablierte ein feingliedrig aufgebautes Klangband und spürte dabei den Qualitäten der Töne nach. Fugierte Einsätze und eruptive Flächen bildeten spannungsgeladene energetische Zustände ab, die durch das immer weiter absinkende tiefe C des Violoncellos einen sinnbildlichen Abschluss fanden.
Jieun Jeong stammt aus Südkorea. Sie beschäftigte sich in ihrem Werk „nach außen, am Rand“ mit klanglichen Schallereignissen, die sich weitgehend im Bereich des Geräusches bewegen. Dabei erforschte sie auf reizvolle Weise den Zusammenhalt einzelner Fragmente am Übergang vom Geräusch zum Ton. Das Publikum hörte sehr aufmerksam zu, doch leider wirkten Lüftungsgeräusche der Scheinwerfer störend auf den musikalischen Verlauf dieses leisen Werkes.
Der italienische Komponist Lorenzo Summino formte aus Flageoletttönen „gläserne“ Klänge und schuf damit nuancierte Tonkonstellationen. Diesen fehlten vorerst die Grundtöne. Als diese mit einer kräftigen, gezackten Linienführung einsetzten, entstand ein willkommener Überraschungseffekt. Aufhorchen ließ auch der originelle Schluss. 
Im Streichquartett „chronotope_03“ der aus Hongkong stammenden Komponistin Sing-Yat Chen suchten die vier Stimmen mit markant erklingenden Tonrepetitionen innerhalb des klanglichen Geschehens nach Stabilität. Unterschiedlichste Arten der Bogenführung dienten dabei als Gestaltungsmittel.
Den Abschluss der diesjährigen BTzM bildeten zwei Streichquartette von Lisa Streich und Clemens Gadenstätter.
In „Sternenstill“ spielte die schwedische Komponistin poesievoll mit den Klangspektren harmonischer Ausgangsakkorde und beleuchtete deren spektrales Innenleben. Clemens Gadenstatters zweites Streichquartett „Paramyth 2 – schlitzen“ bildete dazu mit vielschichtig überlagerten und verarbeiteten Themencharakteren einen kraftvollen Gegenpol. Taktile Muster und deren haptische Qualitäten, wie beispielsweise die Motorik, kamen abschnittweise messerscharf zur Geltung.

Verpasste Vermittlung

Die Musiker des Quatuor Diotima spielten bewundernswert und schenkten jedem einzelnen Werk ihre gesamte Aufmerksamkeit. Allerdings wirkte die begleitende Präsentation der neu entstandenen Kompositionen des Meisterkurses lieblos. So wurden keinerlei Informationen zu den Komponierenden und deren Intentionen geboten. Weil zudem die Reihenfolge der Werke nicht dem Programm entsprach, versanken die Werke der beiden Komponistinnen und der vier Komponisten in der Anonymität. Die Streichquartette waren lediglich als Kollektiv erfahrbar.