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Peter Füssl · 05. Mär 2026 · CD-Tipp

Youn Sun Nah: Lost Pieces

Die in Seoul geborene, aber schon seit dreißig Jahren in Paris lebende Jazz-Sängerin und Song-Schreiberin Youn Sun Nah, die in unseren Breitengraden vor allem durch ihre Projekte mit dem nicht nur für die französische Jazz-Szene wegweisenden Gitarristen Nguyên Lê bekannt geworden ist, liebt die Abwechslung. Bei ihrem letzten Album „Elles“ (2024) setzte sie ausschließlich auf Fremdmaterial, darunter so unterschiedliche Stücke wie den Jefferson Airplane-Klassiker „White Rabbit“, Björks „Cocoon“, schon in unzähligen Variationen Erschienenes wie den Jazz-Standard „My Funny Valentine“ oder das Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, die auf Astor Piazzollas Tangoklassiker basierende Grace Jones-Nummer „I’ve Seen That Face Before (Libertango)“, den von Nina Simone bekannt gemachten Song „Feeling Good“ oder den von Roberta Flack in den Hit-Status katapultierten Fox/Gimbel-Tränendrüsendrücker „Killing Me Softly with His Song“. Begleiten ließ sie sich dabei ausschließlich von Jon Cowherd an Piano und Fender Rhodes. Auf ihrem aktuellen, insgesamt 14. Album „Lost Pieces“ fährt sie hingegen mit großem Geschütz auf.

Neben ihrer (Tour-)Band mit Matthis Pascaud (E- und Akustik-Gitarre, Lap-Steel-Gitarre, Mandoline), Laurent Vernerey (E- und Akustik-Bass) und Raphaël Chassin (Drums, Percussion) sorgen auch noch Piano, Vibraphon, drei Streicher:innen und drei Bläser für einen vollen und abwechslungsreichen Sound, um ihre elf neuen Eigenkompositionen ins beste Licht zu rücken. Jeglicher Verzicht auf Covers kam übrigens im Œuvre Youn Sun Nahs bisher nur einmal vor, nämlich beim vorletzten Album „Waking World“ (2022). Der Opener „Shell of Me“ mit seinem rauen Gitarrensound, den rollenden Drums und den kraftvoll-expressiven Vocals könnte auch aus der Soundküche von Tom Waits stammen. Auf dem bes(ch)wingten „Where’d You Hide“ zeigen sich Liebeskummer und Verzweiflung musikalisch von ihrer schönsten Seite, während „Just The Same“ zu flottem Rhythmus, flirrenden Gitarren und Streicherklängen sein dramatisches Potential entfaltet. Themen wie Selbstfindung, Selbstakzeptanz und Selbstermächtigung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album, ebenso wie die düsteren und komplexen Seiten von (Liebes-)Beziehungen. Youn Sun Nah verliert sich aber nicht in schwerblütiger Melancholie, sondern scheint all diesen fordernden Emotionen durchaus mit Kraft, Energie und dem Willen zum Aufbegehren zu begegnen. Der Titelsong „Lost Pieces“ ist ein mit Streichern, Bläsern und Marimba farbenreich arrangiertes Klanggemälde, in dem sich die Stimme dramatisch entfalten kann und schließlich die Trompetenklänge Alexis Bourguignons in einem schönen Dialog umgarnt.


 

 


Youn Sun Nah kann aus einem breiten Repertoire an Gesangsstilen schöpfen – ausgehend von den Musical-Ursprüngen in ihrer koreanischen Heimat, schöpft sie längst vorwiegend aus dem Jazz, aber auch aus dem französischen Chanson und – im vorliegenden Fall ganz besonders – aus Americana-Einflüssen. Mit ihrer wandlungsfähigen Stimme vermag sie eine Vielzahl an Emotionen auszudrücken. „A Map of Pain“ entfaltet sich titelgemäß mit reduzierten Klängen zur zerbrechlichen Stimme, in „I Run. I Stay.“ spiegelt sich die Unentschlossenheit in einem entsprechenden musikalischen Stimmungsmix wider. „I Can’t Sleep“ punktet mit einem relaxten Folk-Feeling, während „Collapse“ mit dramatischen Dissonanzen und sich auftürmenden Bläsern unter die Haut geht. Auf „We Never Were“ zieht Youn Sun Nah die Hörerschaft mit betörender Stimme zu orientalischen Rhythmen und krachender Gitarre in den Bann. Mit einschmeichelndem Gesang zur Country-Folk-Gitarre sinniert sie auf „My Home“ über das Gefühl der Heimatlosigkeit, während ihre Stimme auf dem Closer „WTH Is Love!“ (mit „Was zum Teufel ist Liebe!“ zu übersetzen) eine nahezu hypnotisierende Wirkung entfaltet. Youn Sun Nah gräbt sich mit ihren fesselnden Songs tief ins emotionale Chaos hinein, freilich ohne jemals die Orientierung zu verlieren, und sie verfügt über ein bewundernswert sicheres Gespür für den jeweils exakt passenden Soundtrack zu den unterschiedlichen Stimmungslagen.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

(Warner Music)

Konzert-Tipp: 20.3.26, Alte Kongresshalle München