„Auch das wird vorübergehen“
Klara Vith und tOmi Scheiderbauer bespielen „vorübergehend“ Feldkircher Kunsträume
Mit tOmi Scheiderbauer in der Kunstbox und in der James-Joyce-Passage sowie Klara Vith in der Galerie beim Feurle bespielen derzeit zwei Vorarlberger Kunstschaffende in der Montfortstadt Feldkirch mit interessanten Installationen Kunsträume, die rund um die Uhr zu besichtigen sind.
Mit der zwanzig Kubikmeter Raum umfassenden schwarzen Kunstbox und der Straßenunterführung James-Joyce-Passage gibt es in Feldkirch seit 2019 einen literarisch-künstlerischen Ort, der den geschäftlich belebten Jahnplatz direkt mit der Altstadt verbindet. Aktuell ist in dieser räumlichen Kombination mit dem 1961 in Hard geborenen und im italienischen Lecce wohnenden tOmi Scheiderbauer ein interdisziplinär schaffender Künstler zu Gast, der vor allem in den Bereichen Fotografie, Grafik, Kuratierung und Kontextkunst tätig ist. Er selbst bezeichnet sich oft als „Partist“, eine Wortschöpfung aus „Participatory Artist“, was seinen Fokus auf gemeinschaftliche und prozessorientierte Projekte unterstreicht.
„TATTARRATTAT“
Scheiderbauer, 2019 mit dem Internationalen Vorarlberger Kunstpreis ausgezeichnet, ist der erste Kunstboxausstellende, der dort direkt Bezug auf James Joyce nimmt. Und zwar hat er in die von allen vier Seiten einsehbare „schwarze Kiste“ eine Textskulptur aus Holzbuchstaben installiert, die das Palindrom „Tattarrattat“ wiedergibt. Palindrome sind Wörter, die sich vor und zurück gleich lesen. Bei „Tattarrattat“ handelt es sich um eines der berühmtesten Palindrome. Und zwar steht es für ein lautmalerisches Wort (Onomatopoesie), das das Klopfen an einer Tür beschreibt und von dem irischen Schriftsteller James Joyce zwischen 1919 und 1920 für seinen Roman „Ulysses“ ausgedacht wurde. Mit zwölf Buchstaben ist es übrigens das längste im Oxford English Dictionary (OED) aufgenommene Palindrom-Wort. Das weltweit längste im alltäglichen Sprachgebrauch verwendete Palindrom ist allerdings mit neunzehn Buchstaben das finnische Wort „saippuakivikauppias“, das übersetzt so viel wie „Specksteinverkäufer“ heißt.
Im „Ulysses“ wird „Tattarrattat“ verwendet, um das spezifische Geräusch von schnellem, wiederholtem Klopfen zu imitieren.
„THIS TOO SHALL PASS“
Die James-Joyce-Passage, die an den Aufenthalt des Schriftstellers in der Montfortstadt erinnert, als er 1915 auf seiner Flucht während des Ersten Weltkrieges von Triest aus über Feldkirch in die Schweiz reiste und später, 1932, für drei Wochen mit seiner Frau im Hotel Löwen wohnte, gestaltete Scheiderbauer mit großformatigen Billboards. Die vierteilige Arbeit präsentiert einen einfachen, vierwörtigen Satz in typisch viktorianisch-modernem Englisch des 19. Jahrhunderts: „This too shall pass“. Die Herkunft dieses Sprichwortes und Mantras, das mit „Auch das wird vorübergehen“ ins Deutsche übersetzt werden kann, ist nicht genau geklärt. Oft wird es persischen Sufi-Dichtern (wie Attar) zugeschrieben, auch mit König Salomo wird es in Verbindung gebracht, der angeblich einen Ring mit dieser Inschrift anfertigen ließ, damit ein trauriger Mann glücklich und ein glücklicher Mann demütig werde. Besonders bekannt wurde der Satz durch Abraham Lincoln, der ihn 1859 in einer Rede vor seiner Präsidentschaft zitierte. Er bezeichnete ihn als weisen Satz, der in allen Zeiten und Situationen passend sei. Im heute englischsprachigen Raum wird der Spruch – oft als „And this, too, shall pass away“ – häufig auf Tattoos, in der Literatur und als Zitat zur Motivation verwendet. Grundsätzlich soll das zeitlose Zitat dazu ermutigen, schwere Zeiten durchzuhalten und gute Zeiten zu schätzen, da alles im Fluss ist. In Bezug auf Scheiderbauer denkt man dabei automatisch auch an sein autobiografisches Buch „ICH BIN – meine Freund:innen, der Tumor und die Kunst“, in dem er seine Krebserkrankung verarbeitet und dabei den Tumor nicht als Feind, sondern als „Freund“ und „Aufmerksamkeitsgabe“ betrachtet.
Die ersten drei Worte der auffallenden Tafeln sind in den additiven Grundfarben Rot, Grün und Blau gehalten. Da sie in der Summe Weiß ergeben, ist das letzte Wort, nämlich „pass“, genau in dieser Nichtfarbe gehalten. Umgekehrt sind die farblichen Hintergründe der vier Worte in den subtraktiven Grundfarben Türkis, Fuchsia und Gelb gehalten. Diese übermischen sich bei Überlagerung zu Schwarz – der Abwesenheit von Farbe.
Der Künstler dazu: „Dieser Kontrast von Subtraktion und Addition lässt den lichten, schlichten Satz eine gute Frage stellen: Wenn nichts von Dauer ist, was genau verleiht ihm dann seine zeitlose Gültigkeit?“
„[No Subject]“
Ebenfalls als öffentlicher Ausstellungsraum, der zeitlich unbegrenzt frei zugänglich ist, ist die als Schaufenster- oder Vitrinengalerie konzipierte Galerie beim Feurle, die sich direkt unter den Arkaden des traditionsreichen Café Feurstein befindet, das von den Einheimischen liebevoll „Feurle“ genannt wird. Nach Tobias Maximilian Schnell ist die zweite Ausstellung in diesem Jahr einer Videoinstallation der 1993 in Dornbirn geborenen und heute in Wien lebenden und arbeitenden Künstlerin Klara Vith gewidmet, die sich im Rahmen ihrer künstlerischen Praxis vor allem mit Archivierung, Sprache, Häuslichkeit und Erinnerungsräumen auseinandersetzt.
Vith übertitelt ihre fünf Minuten lange Videosequenz, die auf einem kleinformatigen Monitor als Endlosloop ausgestrahlt wird, mit „[No Subject]“. Dieses „No subject“ (kein Betreff) kennt man eigentlich von E-Mail-Programmen her. Der Begriff erscheint automatisch, wenn der Absender das Feld für den E-Mail-Betreff leer gelassen hat. Es handelt sich um eine Platzhalter-Meldung, die besagt, dass die Nachricht ohne Thema/Titel übermittelt wurde. In Bezug auf die Videoinstallation von Klara Vith könnte man ableiten, dass so viele unterschiedliche Gegenstände zu sehen sind, dass sie nicht einheitlich zuzuordnen sind. Oder sie überlässt es dem/der Betrachter:in, ein übergeordnetes Thema herauszulesen.
Jedenfalls handelt es sich bei „[No Subject]“ um ein digitales Stilleben, das gemäß der Künstlerin mit einer Videospiel-Software erstellt wurde und einen langen, dunklen Holztisch mit unterschiedlichen Abschnitten zeigt. Die Kamera folgt dem Tisch entlang und nimmt der Reihe nach eine Mischung aus persönlichen, 3D-gescannten Objekten und generischen Modellen, die aus Online-Archiven stammen, in den Fokus. Zu sehen sind hauptsächlich Gegenstände, die man aus dem häuslichen Umfeld kennt. Zum Beispiel ein Schmalztiegel, ein Kerzenleuchter, ein Keramikbecher, ein Geschirrtuch oder auch Äpfel. Manche Objekte scheinen zu schweben und zu rotieren und täuschen damit eine Interaktivität vor, wie sie aus Videospielen bekannt ist, jedoch entziehen sie sich jeder Aktivierung. Die Betrachter:innen und der Monitor sind zudem durch ein spezielles Ornamentglas getrennt, das das Bild fragmentiert und eigentümlich privat erscheinen lässt.
Inhaltlich erinnert die Installation in gewissem Sinne auch an die geknüpften Teppiche, die Vith zuletzt häufig ausgestellt hat und mit denen sie markante Szenerien häuslicher Gemütlichkeit auf die Schippe nimmt. Die Künstlerin jongliert da mit heimatlichen Versatzstücken und Erinnerungsräumen und lockt die Betrachterschaft damit immer wieder in ironische Hinterhalte. Das Spiel zwischen Vertrautheit und Befremdlichkeit taucht immer wieder in Viths Experimenten mit Text, Dinglichkeit und Orten des Alltäglichen in Erscheinung.
tOmi Scheiderbauer: „TATTARRATTAT“ und „THIS TOO SHALL PASS“
voraussichtlich bis 14.6.26
Klara Vith: „[No Subject]“
bis 16.4.26