Wir sind so frei!?
V#42 „Freedom is just“ – die neu erschienene Anthologie widmet sich dem Begriff „Freiheit“.
Seit beinahe drei Jahrzehnten versteht sich die Publikationsreihe V# von literatur:vorarlberg als literarischer Ort des Nachdenkens. Die früher halb- und inzwischen einmal jährlich erscheinende Anthologie versammelt Autorinnen und Autoren, die sich einem gemeinsamen Thema aus jeweils eigener Perspektive nähern. Dabei steht nicht die Suche nach einer eindeutigen Antwort im Zentrum, sondern das Nebeneinander unterschiedlicher Stimmen, und gerade diese Vielstimmigkeit macht immer wieder ihren Reiz aus.
Mit der 42. Ausgabe wird ein Begriff in den Mittelpunkt gerückt, der oft selbstverständlich verwendet und dennoch immer wieder unterschiedlich verstanden wird: die Freiheit. Anlass dazu bietet das 650-Jahre-Jubiläum des Feldkircher Freiheitsbriefes. Doch wer historische Reminiszenzen erwartet, wird überrascht. Die Beiträge kreisen weniger um ein vergangenes Freiheitsverständnis als um die Frage, welche Bedeutung Freiheit in einer Gegenwart, die von digitalen Abhängigkeiten, gesellschaftlichen Spannungen und persönlichen Unsicherheiten geprägt ist, besitzt. Entstanden ist eine Sammlung erzählerischer, lyrischer und essayistischer Texte, die Freiheit nicht feiern, sondern befragen. Was steckt in ihr: Sehnsucht, Zumutung, Verantwortung oder ist sie gar Illusion?
Lasst uns darüber sprechen
Einen besonderen Zugang wählt Christian Futscher mit seinem auf einer E-Mail-Korrespondenz beruhenden Beitrag „Wenn zur Freiheit mir noch was einfiele, schriebe ich dir.“ Unter dem Namen freibeuter christian richtet er an seinen Freund freiheitsheld peter die Bitte, ihn beim Verfassen eines Textes zum Thema „Freiheit“ zu unterstützen. Entstanden ist ein Ping-Pong-Spiel von Gedanken und Wortassoziationen voller Witz, Sprachlust und Gesellschaftsbeobachtung. Im abschließenden „Wort zum Freiheitstag“, in dem sich neben Freiheitshelden und Gurkensalat, Freiheitsblumen, Freiheitsbäume und Freiheitsflüsse tummeln, ist der Autor so frei, Sprache selbst zum Ort der Freiheit werden zu lassen.
Auch Willibald Feinig entscheidet sich mit zwei Szenen aus dem Stück „Merkwürdige Zeiten“ gegen den direkten Diskurs. Seine Dialoge zwischen den Student:innen Katja und Jochen sowie einem katholischen Priester und einem Tankwart, alle angesiedelt in der ehemaligen DDR, leben von Andeutungen und Zwischentönen. Freiheit wird nicht erklärt, sondern in einer konkreten historischen Situation sichtbar gemacht. Die Figuren sprechen über Alltägliches und verhandeln dabei doch existenzielle Fragen nach Mut, Anpassung und persönlicher Verantwortung. (Siehe dazu auch die Rezension von „Merkwürdige Zeiten“ auf S. 52.)
Lasst uns davon erzählen
Eine überraschende Gegenposition bildet Susa Hämmerles poetisches „Wolkenkuckuckshaus“. Sie lotet keine gesellschaftlichen Konflikte aus, sondern entwirft mit dem märchenhaften Bild eines blauen Hauses auf der weißen Wolke einen Raum der Imagination. Die Lesenden werden eingeladen, gemeinsam unter anderem mit dem Fischerjungen Mo, einem Mädchen und deren Elefanten sowie einem alten Mann mit einer Leiter und einer jungen Frau samt Hängematte eine Reise rund um den Globus „unten auf der Erde mit dem Wolkenkuckuckshaus am Himmel“ anzutreten. Die freien Zimmer in diesem unerreichbar scheinenden Haus symbolisieren dabei Möglichkeiten, Hoffnungen und den Mut, eigene Lebensentwürfe gegen die Logik des Alltags zu entwerfen. Freiheit erscheint hier weniger als politische denn vielmehr als schöpferische Kraft.
Lasst uns das hinterfragen
Besonders aktuell wirkt Karlheinz Pichlers Essay „Wie eine zerbrechliche Blüte“, der – ausgehend von Blüten, Bäumen, Tauben, dem Adler und dem Quetzal als Sinnbilder für Freiheit aus der Welt der Flora und Fauna – die Gefährdungen der Freiheit im digitalen Zeitalter beschreibt. Nicht offene Repression, sondern subtile Formen der Manipulation, algorithmische Steuerung und freiwillige Preisgabe persönlicher Daten bilden den Hintergrund seiner Überlegungen. Freiheit, so legt der Text nahe, muss heute täglich neu verteidigt werden – nicht nur gegenüber politischen Systemen, sondern auch gegenüber den Verlockungen einer scheinbar grenzenlosen digitalen Welt.
Christine Hartmann wiederum beschreibt Freiheit in ihrem Essay „Freiheit ist teuer“ als eine Lebensform, die stets an Verantwortung gebunden bleibt und sich nicht im Recht auf Selbstbestimmung erschöpft. Dort, wo sie die Freiheit anderer mitdenke, werde sie erst glaubwürdig. Hartmann gelingt es, philosophische Überlegungen mit persönlichen Erfahrungen zu verweben, ohne in Bekenntnishaftigkeit zu verfallen. Sätze wie „Es ist einfacher, von Freiheit zu träumen oder sie einzufordern, als sie zu leben“ oder „Meine Freiheit kostet mich mein Hemd, auch heute noch, auch hier. Aber es ist nur das Hemd, nicht mein Kopf, nicht mein Herz“ stehen zentral, nicht nur für ihren Essay, sondern als Schnittmenge vieler weiterer Zugänge.
Lasst uns daraus lernen
Im von Hans Gruber verfassten Nachwort schließt sich der Kreis, indem Bezüge zum anlassgebenden Feldkircher Freiheitsbrief sowie zu philosophischen Denkern hergestellt werden. Freiheit, ursprünglich als „partikuläre Privilegien“ verstanden, wird heute als „konstitutives Element“ im Sinne von „Freiheit von …“ beinahe als selbstverständlich erachtet. Dies gewähre aber nicht unweigerlich auch die „Freiheit zu …“. Gilt es nicht aber genau diese anzustreben? „Wir können unsere Existenz nicht an andere abtreten. Wir müssen sie selbst ergreifen. Der Tod gemahnt uns an unsere Endlichkeit und drängt uns, Entscheidungen zu treffen, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und das Leben zu leben.“
Die Heterogenität der Texte entspricht ganz dem Programm der Reihe, unterschiedliche Möglichkeiten literarischen Denkens sichtbar zu machen. Dazu trägt auch die Gestaltung des Covers und durchgängige Bebilderung durch die junge Künstlerin Omani Frei wesentlich bei. Ihre ruhigen Arbeiten, Gouache und Tinte auf Papier, illustrieren, verbinden und erweitern die Texte, lassen trotz ihrer Klarheit Raum für eigene Interpretationen und laden ebenso wie die Texte ein, Begriffe und Symbole neu zu denken.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Christine Hartmann und Marie-Rose Rodewald-Cerha (Hg.): V#24: Freedom is just. Verlag edition V, Dornbirn 2026, 136 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-903685-01-7, € 18
Alle Autor:innen dieser Ausgabe: Renate Aichinger, Klaus Berndl, Willibald Feinig, Christian Futscher, Hans Gruber, Susa Hämmerle, Christine Hartmann, Stephanie von Hoyos, Nikolai Köhle, Mathias Müller, Karlheinz Pichler, Karin Rettenmoser, Sarah Rinderer, Tom Sojer