Vaterland (Foto: Agata Grzybowska)
Silvia Thurner · 14. Okt 2023 · Musik

Vom Wasser haben wir’s gelernt

In Freundschaft verbunden: Alfredo Bernardini und das Concerto Stella Matutina sowie Telemann und Händel

Musik auf dem Wasser und über das Wasser, Ebbe und Flut, Winde, Frösche, Krähen, der Meeresgott Neptun und die Meeresnymphe Thetis, angetrunkene Seemänner und fröhliche Blaskapellen brachten das Concerto Stella Matutina und Alfredo Bernardini beim vierten Abonnementkonzert dieser Saison auf die Kulturbühne AmBach in Götzis. Mit inspirierter Spielfreude, einem aufmerksamen Miteinander und mutig entfalteten rasenden Tempi erfüllten die Musiker:innen die bilderreiche und humorvollen Kompositionen von Telemann und Händel mit Leben.

Mit der Werkauswahl versetzte das Concerto Stella Matutina die Zuhörenden in den hohen Norden, zuerst nach London und dann nach Hamburg, wo die Elbe in die Nordsee mündet, Ebbe und Flut besonders ausgeprägt und die Nordseewinde berüchtigt sind. Auf diese musikalisch bilderreiche Reise begaben sich die Musiker:innen unter der Leitung des Oboisten Alfredo Bernardini, den sie als ihren „Lieblingskapitän“ bezeichneten. Dass alle gemeinsam mit viel Vergnügen und in bestem Einverständnis miteinander spielten, war von Beginn an spürbar. Der inspirierende Geist und die große Gestaltungsfreude auf der Bühne ließen den Funken zum Publikum sogleich überspringen.
Händels „Wassermusik“ ist berühmt und als ‚Klassiker‘ der Barockmusik allseits beliebt. Das Gesamtwerk (HWV 248, 249 und 250) ist in drei Suiten aufgeteilt, von denen in der Kulturbühne die zweite und dritte erklangen. Zuerst lenkten die straffen Artikulationen und die klanglichen Korrespondenzen zwischen den Streicher- und Bläserstimmen die Aufmerksamkeit auf sich. Effektvoll wurden harmonische Wendepunkte hervorgehoben und elegant auch besondere Klangfarben, wie Blockflöte, aber auch ein Triangel, in Szene gesetzt.
In dieser Weise in Stimmung gebracht, kamen die Musiker:innen dann mit Telemanns  „Wassermusik, Hamburger Ebb‘ und Fluth“ (TWV 55:C3) zur Sache. Hier ließen das Orchester und Alfredo Bernardini die Wogen hoch gehen und die Götter und Nymphen tanzen. Zuerst weckten die eigentümlichen Liegetönen eine große Erwartungshaltung, um dann im Tutti mit atemberaubenden Crescendi die aufkommende Flut und die sich kräuselnde Oberfläche musikalisch darzustellen. Besonders in Erinnerung blieben die Dialoge der Flöten mit der Fagottistin und die humorvoll dargestellte „Harlequinade“ sowie schließlich der „Seegang“, den die betrunkenen Matrosen im Kopf hatten.
Bewundernswert aufeinander abgestimmt agierten die Musiker:innen, und wenn an manchen Stellen doch Unwägbarkeiten auftauchten, unterstrichen diese das Vergnügen der live erlebten Darbietungen.
Die „Alster-Ouvertüre“ (TWV 55:F11) brachte Telemanns kompositorischen Erfindungsreichtum und erfrischende Raffinesse hervorragend zur Geltung. Unter anderem wurden Echos von Schiffshörnern imitiert und dabei reizvolle Raumeffekte erzielt. Auch die Hamburgischen Glockenspiele stellte das Concerto Stella Matutina hervorragend in den Raum. Den Höhepunkt des Abends bildeten die „Concertierenden Frösche und Krähen“, die von den Musiker:innen plastisch zum Leben erweckt wurden. Besonders dieser Satz zeigte Telemanns kompositorische Meisterschaft. Denn gab’s sonstwo zu dieser Zeit derart reibende, stehende Klänge zu hören? Das Publikum reagierte amüsiert und begeistert.