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15.11.2021 |  Silvia Thurner

Vom Hinscheiden einer teuren Unverwandten – „Das Begräbnis der Distanz" bei den Montafoner Zwischentönen war ein intellektuell anspruchsvoller Akt

Bei den Montforter Zwischentönen wurde im Alten Hallenbad das „Begräbnis der Distanz“ mit dem Philosophen Robert Pfaller gefeiert. Die musikalische Umrahmung von Luise Enzian an der Harfe und dem Lautenisten David Bergmüller sowie die Raumgestaltung von Bianca Anna Böckle sorgten für eine würdige Atmosphäre. Wieviel die zahlreichen Zuhörenden jedoch von der hoch anspruchsvollen Lesung eines Textes von Richard Sennet und der darauf folgenden Trauerrede des Philosophen Robert Pfaller spontan erfassen konnten, soll hier dahingestellt bleiben. Für diejenigen, die ihren kognitiven Fähigkeiten etwas auf die Sprünge helfen möchten, gibt es die Möglichkeit, noch einmal nachzuschärfen, YouTube sei Dank.

Souverän rezitierte die Schauspielerin Helga Pedross die Lesung aus dem Buch „Verfall und Elend des öffentlichen Lebens, die Tyrannei der Intimität“ des amerikanischen Soziologen Richard Sennett. Darin zog der Autor Vergleiche zwischen dem Verhältnis von privatem und öffentlichem Leben in der Zeit des Römers Augustus und der Gegenwart. Anno dazumal wurde die „Res publica“ als etwas Lästiges empfunden, das von der Gesellschaft nur mehr mit wenig Interesse mitverfolgt und mitgestaltet wurde. Viel mehr konzentrierten sich die Römer auf ihr Privatleben und suchten unter anderem nach spiritueller Sinnerfüllung.
Gegenwärtig laufe es ähnlich. Immer mehr verwandle sich die Gesellschaft in ein psychisches System, schrieb Sennett 1977. Eine Persönlichkeit, die ein öffentliches Amt ausübe, werde nach ihrem Auftreten und Wirken beurteilt. Inhalte und Programme, die eine öffentlich tätige Person vertrete, würden dabei in den Hintergrund gedrängt. Die Konzentration auf psychische Befindlichkeiten werde immer stärker und als Konsequenz darauf wirke die objektive Außenwelt uninteressant, schal und leer. In weiterer Folge biete die Öffentlichkeit für das persönliche, intime Umfeld keine Grenze mehr und das öffentliche Leben zerfalle zunehmend, lautete die These von Sennett.
Im Anschluss an diesen zwar inhaltsreichen, aber schwer verständlichen Text hielt der Wiener Soziologe und Philosoph Robert Pfaller eine Trauerrede über das Hinscheiden einer „teuren Unverwandten“, der Distanz. Augenzwinkernd und mit zahlreichen Anspielungen, die zum Weiterdenken anregten, führte er aus, in welcher Art die Distanz zuletzt so lebendig schien.

Totenrede mit Beispielen und Augenzwinkern
Robert Pfaller zog eine Abgrenzung zu dem uns allen bekannten, aufoktroyierten „social distancing“. Dadurch soll jede:r Einzelne vor Unheil und Krankheit bewahrt werden. Dann ging der Soziologe auf die freiwillige, positiv wirkende, zivilisierte Distanz ein. Sie verhelfe Menschen zu einem angenehmen Umgang miteinander. Das eine habe mit dem anderen zu tun, unterstrich Robert Pfaller, denn die hygienische Distanz, bringe die höfliche Distanz zum Verschwinden.
Corona und die damit einhergehende Distanz, verstärke alte Vorurteile enorm, denn hinter jeder und jedem werde ein Abgrund erblickt. So scheine es klug und rücksichtsvoll nicht anzustreifen, hinter Komplimenten würden Missverständnisse befürchtet, lieber nicht parfümiert zu sein, sei das Gebot der Stunde und ja nicht auffallen, sondern möglichst authentisch zu sein, würde die Prämisse unserer Zeit lauten.
In der Öffentlichkeit würde ein Schauspiel des „als ob“ entwickelt, zeigte Robert Pfaller auf. Das elegante, höfliche und entgegenkommende Auftreten bewirke eine zivilisierte Distanz, die die anderen aus Solidarität mitspielen.
Der Rückzug ins Private mache eine distanzierte Sicht auf Inhalte, eine reflektierte Auseinandersetzung und Diskussion über unterschiedliche Einsichten und Meinungen unmöglich. Wenn jeder versuche, „ganz sich selbst zu sein“, würden wir den jeweils anderen ganz unmittelbar auf unserer Haut spüren, so Robert Pfaller. Zahlreiche Empfindlichkeiten seien die Folgen des Verschwindens einer höflichen Distanz. Doch Robert Pfaller endete Hoffnung gebend, indem er die Zuhörenden mit ins Boot nahm und darauf verwies, dass diese zivilisierte, höfliche Distanz durch deren Anwesenheit doch noch am Leben sei.

Wohltuende Klarheit der Renaissancemusik
Die Atmosphäre und die Akustik im Alten Hallenbad boten beste Voraussetzungen für die Darbietungen der Harfenistin Luise Enzian und des Lautenisten David Burgstaller. Werke von Renaissancekomponisten, wie Trabaci, De Visée, Kapsperger und Robinson sowie das Stück „Napoli Sketch 2“ von David Burgmüller, unterstrichen die sakrale Stimmung und boten nach den anstrengenden Wortbeiträgen einen willkommenen Anreiz, die Klarheit der Proportionen in der Musik zu erleben. Klanglich ergänzten sich der helle Harfen- mit dem dunkleren Lautenklang gut. Im Zusammenwirken kristallisierten sich wohltuende musikalische Klangfelder heraus.
Die Anrufung griechischer Götter bei den abschließend vorgetragenen Fürbitten lockerte die den Intellekt stark fordernde Veranstaltung auf. Zumindest mir kam am Ende der Veranstaltung Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ in den Sinn. Es schien, als ob alle anderen die philosophische Vorlesung auf Anhieb verstanden hätten. Hingegen musste ich zumindest mir selbst zugestehen, dass ich beim ersten Mal hören nur wenig von den komplexen Inhalten aufnehmen konnte.

Intuitiven Raum geschaffen
Die Raumgestaltung von Bianca Anna Böckle versinnbildlichte und interpretierte die Intention des „Begräbnisses der Distanz“ und die Inhalte der Vorträge hervorragend. Ein in der Mitte des Raumes verlaufender, mit Kerzen beleuchteter Grabhügel aus Vulkanerde wurde längs von beiden Seiten gespiegelt. Damit löste sich die Längenbegrenzung auf. Zugleich erinnerten die Spiegel und die Spiegelungen der anwesenden Personen an Narziss. Dessen Fühlen, Denken und Handeln kreisten der mythologischen Sage nach aus lauter Selbstverliebtheit nur mehr um sich selbst.

www.montforterzwischentoene.at
www.youtube.com/watch?v=_T_HJ4yo-po

 

Im Rahmen der Montforter Zwischentöne wurde mit dem Kulturwissenschaftler Robert Pfaller, der Schauspielerin Helga Pedross, der Harfenistin Luise Enzian, dem Lautenisten David Burgstaller und der Architektin Bianca Anna Böckle im Alten Hallenbad das "Begräbnis der Distanz" zelebriert. (© Lucas Breuer)

Im Rahmen der Montforter Zwischentöne wurde mit dem Kulturwissenschaftler Robert Pfaller, der Schauspielerin Helga Pedross, der Harfenistin Luise Enzian, dem Lautenisten David Burgstaller und der Architektin Bianca Anna Böckle im Alten Hallenbad das "Begräbnis der Distanz" zelebriert. (© Lucas Breuer)

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  • Im Rahmen der Montforter Zwischentöne wurde mit dem Kulturwissenschaftler Robert Pfaller, der Schauspielerin Helga Pedross, der Harfenistin Luise Enzian, dem Lautenisten David Burgstaller und der Architektin Bianca Anna Böckle im Alten Hallenbad das "Begräbnis der Distanz" zelebriert. (© Lucas Breuer) Im Rahmen der Montforter Zwischentöne wurde mit dem Kulturwissenschaftler Robert Pfaller, der Schauspielerin Helga Pedross, der Harfenistin Luise Enzian, dem Lautenisten David Burgstaller und der Architektin Bianca Anna Böckle im Alten Hallenbad das "Begräbnis der Distanz" zelebriert. (© Lucas Breuer)