MaadiCabanon: Ein Dialog in Geometrie, Licht, Farbe zwischen Vater und Sohn. (Foto: MPS)
Fritz Jurmann · 26. Mai 2026 · Musik

Vom Geist beflügelt

Johannes Hämmerle formte in Altach religiöses Gedankengut um Pfingsten zu faszinierenden Orgelklängen.

„Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.“ Das immer wieder aufrüttelnde Evangelium vom Pfingstsonntag aus der Apostelgeschichte mag bei manchen Besucher:innen im frühabendlichen Konzert in der Altacher Pfarrkirche St. Nikolaus noch nachgeklungen haben. In der gehaltvollen Reihe der Altacher Soireen wurde es dort als Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“ aus dem 9. Jahrhundert zum künstlerischen Leitfaden und Vorlage eines Programms, das sich bis in unsere Gegenwart erstreckte.

Faszinierend, mit welcher Stilkenntnis, fachlichen Überlegenheit und Geschmack Domorganist Johannes Hämmerle an der dortigen Rieger-Orgel dieses vielfach abgewandelte Thema mit Leben und Kraft, mit neuer Hoffnung in schweren Zeiten erfüllte, auf vielfältige Weise in Töne umsetzte, die wohl jede und jeder in seiner Sprache und auf seine Weise verstanden hat und davon auch beflügelt wurde. Zudem wurde das Ganze auch noch in den Rahmen einer kirchlichen Pfingst-Vesper eingebettet. Mehr an pfingstlichem Geist als religiöse Verinnerlichung eines Musikprogramms geht wohl nicht.

Goethes „liebliches Fest“ 

Mit „Pfingststurm“ war dieses Programm etwas plakativ überschrieben. Es umfasste damit gleichermaßen das Brausen des Heiligen Geistes aus der Schrift und jenes der Orgel und besaß damit auch den erhofften Werbeeffekt, sehr zur Freude auch des dortigen Kurators Willibald Feinig. Die Kirche war, bei freiem Eintritt gegen Spenden, gut besucht, trotz anhaltenden Schönwetters. Viele zogen es eben vor, das von Goethe so geheißene „liebliche Fest“ mit einer geistigen Einkehr in den Gehalt von Orgelwerken verschiedener Epochen rund um den Pfingstgedanken abzuschließen – und wurden nicht enttäuscht. 
Die 1972 errichtete mechanische Orgel der international tätigen Schwarzacher Firma Rieger bestach dabei erneut nicht nur durch ihre bis heute für eine Orgel futuristische Architektur in Form dreier großer Türme in Dreiecksform, sondern verfügt mit ihren 32 Registern auf drei Manualen und Pedal auch über reichlich klangliche Gestaltungsmöglichkeiten, die seit 2011 auch im Zentrum für die Konzertreihe der Altacher Orgelsoireen zur Verfügung stehen.

Artistische One-Man-Show

Diese Vorgaben werden bei Hochschullehrer Johannes Hämmerle, einem der führenden Konzertorganisten des Landes, zu einer oft fast artistisch anmutenden One-Man-Show, die sich von der gegenüberliegenden Empore aus auch optisch eindrucksvoll erleben lässt: Ein Mann und sein Instrument, das ihm auf drei Manualen und Pedal alle Wünsche technischer und klanglicher Art erfüllt und dabei in seinem ausgefuchsten Programm rund um den Pfingstgedanken ein faszinierendes Spektrum an Klängen und Klangmischungen freilegt. Zwischendrin scheut sich Hämmerle nicht, seine umfassenden theoretischen Repertoirekenntnisse von der Empore aus mit den Zuhörer:innen zu teilen. 
Wie jeder gesund empfindende Profi-Organist steht auch bei ihm die dominierende Gestalt des großen Meisters Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt seines Denkens und Fühlens, dargestellt in seiner glasklar präzisierten, kontrapunktisch anspruchsvollen Fantasie über „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“. Danach erlebt man den Thomaskantor freilich einmal über den Umweg seines verehrten venezianischen Vorgängers Antonio Vivaldi, der Bach als Komponist deutlich beeinflusst hat, auch wenn sich die beiden nie persönlich begegneten.

Fragen des Urheberrechts

In einer Zeit, da man das etwa um 1800 eingeführte Urheberrecht noch gar nicht kannte, transkribierte Bach Werke Vivaldis, was damals nicht als Plagiat geahndet wurde, sondern als durchaus üblich galt. So kam es, dass Bach Vivaldis Konzert in d-Moll für zwei Violinen No. 3/11 für eine eigene Bearbeitung „ausgeliehen“ und dem Werk als Orgelkonzert BWV 596 damit eine neue, eigene Sichtweise mit auf den Weg gegeben hat – gewissermaßen also Vivaldi durch Bachs Brille betrachtet. Aus Hämmerles Fingern, etwa 300 Jahre später, klingt Vivaldi nun weit mehr nach Bach als nach Vivaldi, die Strenge des Deutschen hat die Lockerheit des Italieners bezwungen.
Ähnlich erging es zuvor dem Abt und Erzbischof Hraban Maurus, er lebte von 780 bis 856, dessen Hymnus auf den Heiligen Geist, „Veni creator spiritus“, inzwischen von zahllosen Komponisten aufgegriffen und bearbeitet wurde. Johannes Hämmerle scheut sich nicht, ohne Berührungsängste die Probe aufs Exempel mit drei nicht immer glatt ins Ohr flutschenden Werken wie von Barock bis Romantik anzutreten, sondern mit Beispielen von drei unerschrockenen Vorkämpfern der neuen Orgelmusik des 20. Jahrhunderts. Das hat durch ihre bis zur Freien Tonalität reichenden Klänge eines Paul Hindemith in seiner 1937 während der Nazi-Verfolgung im Schweizer Exil entstandenen 2. Sonate oft recht scharf registrierte und ganz schön dissonante Harmonien und Klangballungen zur Folge, ebenso eine zwölftönig konzipierte Fuge. 

Offenheit und Klangfantasie

Verbindlicher, aber auf andere Art aufregend geben sich der Oberösterreicher Johann Nepomuk David mit seinem polyphonen Choralvorspiel „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ und der Rheinländer Hermann Schroeder in seiner neoklassischen, oft jazzig witzigen Partita von 1959 über diesen Pfingst-Hymnus. Auch in diesem Bereich zeigt sich Johannes Hämmerle als Kenner und Versteher und kommt mit großer Offenheit und viel Klangfantasie zu einer sichtlich inspirierten Wiedergabe dieses Repertoires im pfingstlichen Geist. Dem Beifall nach zu schließen, hat er damit wohl auch bei den meisten Zuhörer:innen den Nerv getroffen, dass Pfingsten durchaus nicht immer ein „liebliches“ Fest sein muss.  

Nächste Altacher Soiree:
Collegium Instrumentale, Leitung Guntram Simma; Solist: Florian Simma, Violoncello
So, 21.6., 18 Uhr
Pfarrkirche Altach