MaadiCabanon: Ein Dialog in Geometrie, Licht, Farbe zwischen Vater und Sohn. (Foto: MPS)
Peter Füssl · 28. Mai 2026 · CD-Tipp

Mahan Mirarab: Unspoken

Der 1983 in Teheran geborene und seit 2009 in Wien lebende Gitarrist Mahan Mirarab verbindet auf sehr spezielle Weise Einflüsse der klassischen Kammermusik europäischen Zuschnitts mit jenen der musikalischen Tradition seiner Heimat und des zeitgenössischen Jazz. Er spielt auf einer akustischen und einer elektrischen Doppelhalsgitarre, wobei jeweils ein Hals bundlos ist und dadurch eine mikrotonale Spielweise und der Einsatz von Maqamen aus der persischen Kunstmusik, die durch ihre spezifischen melodischen Vorgaben und den Einsatz von Mikrointervallen ganz besondere musikalische Stimmungen erzeugen, ermöglicht.

Mirarabs musikalische Interessen waren durch seine Nähe zur Teheraner Underground-Szene und auf dem illegalen Schwarzmarkt erstandenen Kassetten mit westlichem Jazz und Progressive Rock immer schon sehr breitgestreut. Als Teenie spielte er Bass in einer Pink Floyd-Coverband, später konzertierte er als Mitglied einer Weather Report-Coverband vor allem in Botschaften, was schließlich dazu führte, dass ihm der österreichische Botschafter, der ein bekennender Joe Zawinul-Fan war, zur Ausreise nach Österreich verhalf. Nach einem Gastauftritt auf dem 2025 erschienenen Album „Faces of Night“ von David Helbock & Julia Hofer kann Mahan Mirarab mit „Unspoken“ nun sein eigenes ACT-Debüt feiern. Es war ursprünglich als Solo-Album konzipiert und wurde nun zumindest bei der Hälfte der Stücke auch so realisiert.


 

 


Gleich der Opener „First Idea“ entpuppt sich als mikrotonales Kleinod und entführt mit seiner hypnotischen Melodie in eine geheimnisvolle, nahöstliche Klangwelt. Dort angesiedelt ist auch das flott tänzelnde „Banoo“, das – wie das nachdenkliche „A Way to Mourn“ – Mirarabs während der Albumaufnahmen verstorbener Großmutter gewidmet ist. Letzteres grundiert der Schwede Lars Danielsson mit seinem unverwechselbar singenden Kontrabass, der dem Göteborger auch auf seiner aufwühlenden musikalischen Reise in die zauberhafte ehemalige Metropole „Lars in Isfahan“ gute Dienste leistet. Aus Vorarlberger Sicht besonders erfreulich ist, dass als weiterer Gast der ebenfalls persisch-stämmige, in Bregenz geborene und in Koblach aufgewachsene Cellist Kian Soltani in drei Stücken vertreten ist. „Kian ist ein perfekter klassischer Cellist, aber er kann auch wirklich gut improvisieren. Und er ist ein toller Komponist. Ich habe Cello-Linien für ihn geschrieben, und er hat diese komplett neu arrangiert und generell viel Kreativität mitgebracht“, zeigt sich Mirarab begeistert. In „Choopan 42“ umtänzeln sich die beiden Saitenzauberer mal melancholisch, dann mit fast schon rockiger Intensität, während „Weissensee“ mit einer ungemein eingängigen, auf dem Cello gestrichenen Melodie verzaubert. Düstere Töne schlagen die beiden in „Jina“ an, das auf Kurdisch „Leben“ bedeutet, zugleich aber auch der Vorname von Jina Mahsa Amini ist, jener 22-jährigen kurdischen Frau, die 2o22 durch die iranische Sittenpolizei wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Hidschab-Gesetz durch Schläge gewaltsam zu Tode gebracht wurde, was zu den bisher längsten und schließlich blutig niedergeschlagenen Protesten gegen das Mullah-Regime führte. Lange war Mahan Mirarab außerstande, über diese Ereignisse in seiner Heimat zu schreiben, das tief emotionale, gleichzeitig wunderschöne und aufwühlende Titelstück „Unspoken“ steht symbolhaft für das Ende dieser Sprachlosigkeit. Mirarabs solistische Kunstfertigkeit ist weder an Genres noch an Herkunftsländer geknüpft, entfaltet sich im nordiranischen Traditional „Banoo“ ebenso, wie in seinem ganz speziellen Arrangement des von Miles Davis berühmt gemachten Joe Zawinul-Klassikers „In a Silent Way“. Die durch besondere Ausdrucksstärke und Strahlkraft geprägte Stimme seiner Ehefrau und musikalischen Partnerin Golnar Shahyar, deren Lebensweg von Teheran über Toronto nach Wien führte, macht das von ihr komponierte „Sparkling Dark Gaze“ zu einem von zwölf Höhepunkten. Genauso viele Stücke hat dieses formidable Album nämlich.
(ACT)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.