Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Peter Füssl · 26. Feb 2026 · CD-Tipp

vision string quartet: in the fields

Das 2012 in Berlin gegründete vision string quartet mit Florian Willeitner (der 2021 das Gründungsmitglied Jakob Encke als ersten Geiger ersetzte) und Daniel Stoll an den Violinen, Leonard Disselhorst am Cello und Sander Stuart an der Viola genießt nicht nur für seine Virtuosität und Klangkultur einen exzellenten Ruf, sondern vor allem auch für das experimentierfreudige Sprengen stilistischer Grenzen im Spannungsfeld von Klassik, Jazz, Folklore und Pop – auch mittels Eigenkompositionen. Sie spielen ihre Konzerte im Stehen und ohne Noten, was sie ebenfalls eher als Band denn als klassisches Streichquartett erscheinen lässt. Während sich das vision string quartet auf ihrem ersten Album „Memento“ (2020) auf Franz Schuberts Streichquartett Nr. 14, d-Moll „Der Tod und das Mädchen“ und Mendelssohn Bartholdys Streichquartett in f-Moll op. 80 konzentrierte und das zweite Album „Spectrum“ (2021) ausschließlich aus Eigenkompositionen bestand, setzt der hochkarätige Vierer auf seinem ACT-Debüt nun auf einen gelungenen Mix und illustre Gäste.

Den Ausgangspunkt und dramaturgischen Bogen liefert Béla Bartóks Streichquartett Nr. 4, von dem vier der fünf Sätze meisterhaft interpretiert werden – allerdings nicht hintereinander platziert, sondern einem roten Faden gleich über das Album verteilt. Der vom Quartett als „fieberhafter, kompositorischer Traum“ bezeichnete 2. Satz, und der tänzelnde, komplett pizzicato gespielte 4. Satz gewinnen durch die dezente, aber höchst wirkungsvolle Perkussion des an klassischer indischer Rhythmik geschulten österreichischen Perkussionisten und Komponisten Bernhard Schimpelsberger zusätzlich an Dramatik. Den mit reizvollen Dissonanzen gespickten, als mystisch wirkende Klanglandschaft angelegten 3. Satz und der vor Energie nahezu berstende 5. Satz mit seinen sich komplex überlagernden Rhythmusstrukturen (laut vision string quartet: „eines der zweifellos verrücktesten Stücke, die je für ein Streichquartett geschrieben wurden“) bilden ganz besondere musikalische Höhepunkte des Albums. Davor, danach und dazwischen finden sich Stücke, die Bartóks Musik auf unterschiedlichste Weise aufgreifen, weiterspinnen oder ergänzen. So basiert der mitreißende, von Willeitner arrangierte bulgarische Volkstanz im 11/8-Takt „Kopanitsa“ auf einer Dudelsackmelodie, die der Violinist bei einem Straßenmusikanten in Sofia hörte – was wiederum an die Arbeitsweise Bartóks erinnert. Hier tritt erstmals auch der schwedische Pianist Joel Lyssarides mit seinen perlenden, das Streichergeschehen ungemein belebenden Pianoläufen in Erscheinung. Er bereichert auch das verträumte und zwischendurch ultraschnell groovende „Ravel Reloaded“ und das experimentierfreudig bluesige „Dvořák Reloaded“. Das sind zwei von Willeitner aus heutiger Sicht verfasste, einzelne Komponenten der Originale aufnehmende Remixe, die dem spannend musizierten, quicklebendigen 2. Satz des Streichquartetts in F-Dur von Maurice Ravel bzw. dem kraftvoll-verspielten, volkstanzmäßigen 3. Satz des 13. Streichquartetts von Antonín Dvořák nachgeschickt werden.


 

 


 

Willeitners zauberhaft aufgewühlte „Lydian Rose“ erinnert an Bartóks Faible für den lydischen Modus und wird ebenfalls von Joel Lyssarides begleitet, der auch den von ihm arrangierten, lässig swingenden Song „Grimasch om morgonen“ des niederländisch-schwedischen Liedermachers Cornelis Vreeswijk ins Projekt eingebracht hat. Ein weiterer Saitenzauberer ist mit dem aus Teheran stammenden und in Wien lebenden Mahan Mirarab zu hören, der gerade erst Artist in Residence beim 2. jazzambach Festival in Götzis war. Auf seiner Doppelhals-Gitarre lädt er bei Willeitners „Raindance“ tatsächlich zum Tanzen ein, während er mit seiner zur Zeit der Corona-Pandemie entstandenen Eigenkomposition „Convalescence“ die lähmenden Einschränkungen wohl im Schnellzug-Tempo hinter sich lassen wollte – und dabei exzellente Musik schuf. Der Album-Closer „Skymning“ stammt wiederum aus der Feder von Lyssarides und verführt dazu, umgehend auf die Play-Taste zu drücken, um die grandiose musikalische Achterbahnfahrt am besten gleich nochmals von vorne zu genießen.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

(ACT)

Konzert-Tipp: 6.3.26, Tonhalle St. Gallen