Beim 29. Philosophicum in Lech. (Foto: Lässiger Photography)
Silvia Thurner · 08. Aug 2026 · Musik

Viele Wege führen zur Neuen Musik

Unterhaltsamer „Zeitklang im Museum II“

Der Wiener Concert-Verein unter der Leitung von Christian Birnbaum präsentierte beim zweiten Zeitklang-Konzert Kompositionen, die sich einerseits in einen Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung „Baustelle Erinnern“ stellen ließen, andererseits dramaturgisch geschickt entsprechend ihrer Werkcharakteristika vom Dunkel zum Licht führten. Vor allem das Erstlingswerk des Violinisten Nikolay Orininskiy „Delirious Chants“ überraschte und stieß auf viel Zustimmung. Eine gute Unterhaltung bot die Komposition „Bregenz“ für Klavier und Streichorchester von Florian Hecher, die ebenfalls zur Uraufführung gelangte. Florian Hecher am Klavier und das Orchester unter der Leitung von Christian Birnbaum phrasierten alle Werke präzise und betonten deren Wesenszüge gut nachvollziehbar.

Nikolay Orininskiy ist Violinist und seit 2013 Mitglied der Wiener Symphoniker. Im vorarlberg museum wurde nun sein Erstlingswerk „Delirious Chants“ vom Wiener Concert-Verein, dem einige Orchesterkolleg:innen angehören, uraufgeführt. Im Mittelpunkt stand ein jüdisch anmutendes Thema, das in unterschiedliche klangliche Zusammenhänge des Streichorchesters eingebettet wurde. Eine große Erwartung entstand durch die einleitenden flirrenden Klangfelder der hohen Streicher, bevor das Hauptthema erklang. Klassische musikalische Wendungen mit Reminiszenzen an Haydn oder Mozart unterbrachen den Klangfluss. Immer wieder blitzten sie als Abschlussphrasen auf, wurden jedoch vom Hauptthema in unterschiedliche musikalische Zusammenhänge gestellt und dabei verwischt. So ergaben sich fortwährend Szenenwechsel, und es entwickelte sich eine reizvolle, zwiespältig changierende Musik.
Der slowenische Komponist Tomaž Svete beschäftigte sich mit der Kompositionstechnik von Josef Matthias Hauer, die ihm auch für sein Klavierstück „Magic cyrcles“ Inspiration bot. Die musikalische Anlage in horizontalen Linien und die vertikalen Schichtungen der Töne ergaben eine stringente musikalische Gestalt, die vom spannenden Wechsel zwischen in sich ruhenden und vorwärtsdrängenden Passagen lebte. Besonders die resonierenden Tonballungen, die sich durch den Nachklang des gedrückten Klavierpedals ergaben, boten starke Anreize, um in die Klänge hineinzuhören. Florian Hecher musizierte passend zum Werkcharakter mit flexibler Anschlagskultur kraftvoll und ausdrucksstark. Doch hätten sich die obertonreichen Schwebungen und Reibungen in einer halligeren Akustik imposanter ausbreiten können.
Die Musik des schweizerisch-französischen Komponisten Pierre Wissmer ist neoklassizistisch geprägt. Zahlreiche von allen Stimmen parallel geführte Passagen mit stringenter Harmonik verliehen seinem Werk „Stèle“ für Streichorchester Strahlkraft. Die Werkdeutung wirkte robust, unterstrichen durch die prägnanten Bogenführungen des Wiener Concert-Vereins. So kamen die Harmonik und die polyphon ineinander verflochtenen Passagen gut fassbar zur Geltung.
Mit Spannung wurde die Komposition „Bregenz“ des Komponisten und Pianisten Florian Hecher erwartet. Der 1991 in Wiener Neustadt geborene Musiker, Pädagoge und Komponist widmet sich hauptsächlich der Filmmusik. Dies zeigte sich auch in „Bregenz“, einer zweiteilig angelegten Komposition für Klavier und Streichorchester. Das Werk bildet den ersten Teil einer geplanten Suite, die Eindrücke aus Österreich in musikalische Bilder fassen soll. Parallel zur Musik lief eine Diashow mit Fotografien aus und um Bregenz und den Bodensee.
Im ersten Abschnitt erklangen erregte Klangballungen und Trillermotive, die von fragenden Gesten unterbrochen wurden. In die aufgewühlte Stimmung setzte Florian Hecher schwebende Tonrepetitionen im Klavier und schuf damit allmählich einen Perspektivenwechsel hin zu einer schwärmerischen neoromantischen Kantilene. Auch diese wurde von kräftigen Tonrepetitionen des Klaviers durchsetzt, bevor der melodische Fluss nach einer kurzen harmonischen Eintrübung in eine entschlossene Schlusspassage geführt wurde. Die Fotos verstärkten die bildhafte kompositorische Anlage der Komposition.
Christian Birnbaum dirigierte den Wiener Concert-Verein mit exakter Gestik. Einblicke in ihr Leben und die zugrundeliegenden Ideen zu ihren Werken gaben die drei anwesenden Komponisten im Gespräch mit Manfred Welte. Den Zuhörenden wurde ein anregendes und persönlich gestaltetes Konzert mit Werken unserer Zeit geboten.