Beim 29. Philosophicum in Lech. (Foto: Lässiger Photography)
Michael Löbl · 02. Mai 2023 · Musik

Und die Zeit steht still

Das Hagen Quartett mit Julia Hagen bei der Schubertiade Hohenems

„Debüt bei der Schubertiade“ und die dazugehörige Jahreszahl ist jeweils der letzte Satz jeder Künstlerbiografie im Programmheft. Ein schöner und interessanter Service und ein Beweis für die unglaublich lange Treue mancher Musiker:innen zu diesem Festival. Nicht wenige haben als jugendliche Entdeckung bei der Schubertiade debütiert und sind mittlerweile ältere Damen und Herren geworden. Die musikalischen und privaten Entwicklungen konnte man durch die regelmäßigen Auftritte immer hautnah mitverfolgen.

1985 lautet die Jahreszahl in der Biografie des Hagen Quartetts. In zwei Jahren wird man also 40-jähriges Schubertiade-Jubiläum feiern. Das ja ursprünglich aus vier Geschwistern bestehende Quartett hat nur auf einer Position zwei Wechsel vollzogen, zunächst von Angelika Hagen zu Annette Bik, seit 1987 spielt Rainer Schmidt zwischen Lukas und Veronika Hagen die zweite Violine. Ein paar Jahre später entstand dann die auch heute noch legendäre Aufnahme des Schubert C-Dur Quintettes gemeinsam mit Heinrich Schiff am zweiten Violoncello, jenes mystische Werk, das am Samstagabend auf dem Programm stand. Zweites Violoncello? Welche der beiden Cellostimmen hat eigentlich Heinrich Schiff damals gespielt? Diesmal hat jedenfalls Clemens Hagen den zweiten Cellopart übernommen und seiner Tochter Julia den Vortritt am ersten Violoncello überlassen. Obwohl beide Cellostimmen vollkommen gleichwertig sind, ist es meistens der Gastcellist, der den zweiten Cellopart übernimmt während die Stimme Cello I auf dem Notenpult des Quartettmitglieds liegt.

Abgesang auf das Leben

Franz Schuberts Quintett für zwei Violinen, Viola und zwei Violoncelli in C-Dur D 956 ist eines jener Werke, die in jeder Schubertiade-Saison mindestens zweimal auf dem Programm stehen, genauso wie das Oktett, die Winterreise oder die Klaviersonate in B-Dur. Der große russische Cellist Mstislav Rostropowitsch hat es einmal als das schönste Kammermusikwerk überhaupt bezeichnet und der berühmte deutsche Musikjournalist Joachim Kaiser hat gemeint: „Wenn es sie denn gäbe, die einsame Insel, auf die man nur ein einziges Werk mitnehmen dürfte, dann würden die meisten Klassikfreunde wohl doch Schuberts C-Dur-Quintett wählen.“ Es ist ein sehr persönliches Werk, komponiert wenige Monate vor Schuberts Tod, er selbst hat es nie gehört. Ein Abgesang auf ein Leben, dessen miserable Wirklichkeit Schubert nur durch seine Fantasie halbwegs erträglich gestalten konnte, wie er in einem Brief an seinen Bruder schreibt. Mehrmals in diesem Quintett glaubt man, die Zeit stünde still. Nicht nur im berühmten Adagio, schon der Beginn des ersten Satzes hebt jegliches Zeitgefühl auf und erst nach und nach entwickelt sich der symphonische und rhythmische Fluss dieses Werkes. Die vielen Gegensätze und Stimmungen dieser Musik in einen logischen und für die Zuhörer:innen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen, darin besteht die große Herausforderung für jedes Ensemble.

Family Business

Wie oft hat das Hagen Quartett Schuberts Quintett bereits gespielt? Ist die Interpretation im Laufe der Jahrzehnte gereift oder war sie nicht schon vor 30 Jahren ausgereift? Es ist jedenfalls ein großes Vergnügen, von den fünf Musiker:inen durch Schuberts überirdische Partitur geführt zu werden. Der Kapitän dieser musikalischen Reise ist zweifellos der Cellist Clemens Hagen. Es ist absolut faszinierend zu beobachten, wie er durch kleinste Gesten und Impulse das Bühnengeschehen dominiert, ohne sich aber ungebührlich in den Vordergrund zu drängen. Das ist nicht mehr und nicht weniger als Musikmachen in Perfektion. Jeder Ton, selbst die kürzeste Sechzehntelnote, hat den richtigen Platz, die richtige Länge und gibt eine Richtung vor, jede noch so kleinste Phrase ist dynamisch gestaltet. Clemens Hagen ist der Regisseur, der durch Impulse die anderen vier Mitstreiter:innen zusammenhält und jede rhythmische Regung, jeden Tempowechsel steuert. Seine Pizzikati im langsamen Satz verhindern, dass die zeitlose, schwebende Musik in Einzelteile zerfällt. Wie ein leises Pochen weisen die gezupften Töne darauf hin, dass auch die musikalischen Himmelssphären einen gestalterischen Rahmen brauchen. Das Ganze ist sicher wohlüberlegt und schon durch die jahrzehntelange Beschäftigung mit Schuberts Werk zu erklären, wirkt aber dennoch unglaublich spontan, nie aufgesetzt oder gewollt, sondern einfach zu 100 Prozent richtig.
Clemens‘ Tochter Julia am ersten Violoncello fügt sich wunderbar in das Ensemble ein, man könnte von einem Familienunternehmen sprechen. Was mag das für ein Gefühl sein, gemeinsam mit Vater, Onkel und Tante auf der Bühne zu sitzen?
Dass die beiden Mozart-Quartette vor der Pause gegenüber Schuberts Quintett etwas verblassen, zeigt einmal mehr die singuläre Stellung dieses Kammermusikwerkes, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.

www.schubertiade.at