Totenmesse mit Zuckerguss
Faurés Requiem in Orgelversion gelang überzeugend in Koproduktion von Stella und Herz Jesu.
Er liebt solche Herausforderungen. Jetzt hat doch der Bregenzer Organist Helmut Binder, geschätzter Dozent an der Stella Privathochschule, in Gabriel Faurés bekanntem halbstündigen Requiem die originale Instrumentalbegleitung durch eine neuere Orgelversion von Ingo Bredenbach nahtlos und ohne Einbußen ersetzt.
Ein ganzes Orchester also auf drei Manualen und Pedal samt unzähligen Registern, gesteuert durch eine neue Setzeranlage, die bei der kürzlichen Renovierung eingebaut worden war und ohne die das nicht möglich gewesen wäre. Der unglaublich erfahrene und innovative Helmut Binder ist mit diesem Orgel-Abenteuer also gewissermaßen der Heroe dieses gemeinsamen Konzertes am Freitag, das zum 100. Todestag des Komponisten stattfand, in der respektabel gefüllten Bregenzer Stadtkirche Herz Jesu.
Zwei Chöre – kein Dirigent
Freilich waren da noch andere Kräfte maßgeblich beteiligt an dieser wiederholten Zusammenarbeit von Stella Vorarlberg und der Konzertreihe „Musik in Herz Jesu“. Der Abend fand zudem auch Aufnahme in die prominent besetzten Konzerte im Rahmen des derzeit laufenden Bodensee-Festivals unter dem Motto „vielstimmig / einstimmig“. Ganz entscheidend aber war die Besetzung des anspruchsvollen Vokalparts im Fauré-Requiem durch zwei Chöre, die seit dem Abgang ihres langjährigen Chorleiters Benjamin Lack an die Universität Graz ein gemeinsames Schicksal verbindet: Sie stehen relativ kurzfristig ohne Dirigenten da.
Beim Chor der Stella Vorarlberg hat seit Herbst 2023 der hier vor allem durch Programme mit Alter Musik und sein Vokalensemble Origen beim Barockorchester Concerto Stella Matutina AmBach in Götzis bekannte Graubündner Clau Scherrer als Dozent an der Stella die Leitung und Einstudierung des dortigen Chores und als Dirigent die Gesamtleitung dieses Projektes übernommen. Beim Kammerchor Feldkirch hat der erfahrene Ulrich Mayr das Programm einstudiert, auch ausgebildeter Trompeter und ebenfalls bei Concerto Stella Matutina sowie beim Gioia-Chor tätig.
Faurés populärstes Werk
Auf solch teils neuen, doch professionell abgesicherten Grundfesten ruht nun diese Aufführung eines Werkes, das zum Populärsten zählt, was der bekannte französische Komponist Gabriel Fauré (1845–1924) an geistlicher Musik geschaffen hat. Das liegt vielleicht gerade daran, dass Fauré als Persönlichkeit nicht der Strahlemann war, der mit seiner Musik die ehernen Glaubensgrundsätze unterstreichen oder seine Zuhörer in ihrem religiösen Bewusstsein aufrütteln wollte. In seinem Hauptwerk herrscht eine auffallend friedlich, tröstende Grundstimmung vor, im Zentrum stehen eher die Erlösung mit den ewigen Verheißungen anstelle der Schrecken des Todes. So hat Fauré beispielsweise im lateinischen Text des Requiems die Schilderung des Weltunterganges im „Dies irae“ gar nicht vertont, weil er seinem Publikum diese Konfrontation ersparen wollte. Bezeichnend dafür ist der Ausspruch, sein Requiem sei „von sanftmütigem Charakter, so wie ich selbst.“
Natürlich konnten daraufhin Unkenrufe nicht ausbleiben, die dem Komponisten und dessen Werk „Süßlichkeit“ vorwarfen, das Fehlen notwendiger Ecken und Kanten für eine griffige Darstellung und eine bei anderen Requiem-Vertonungen vielfach geübte Dramatik. Eine „Totenmesse mit Zuckerguss“, sozusagen. Tatsache ist, dass eine gehörige Portion Emotionalität, wie sie dieses Werk aufweist, durchaus im Ermessen des Komponisten liegt und kein Qualitätskriterium bedeutet.
Wohlig warme Stimmung
Und die daraus erfolgte ungebrochene Popularität des Werkes gute 120 Jahre nach dessen Uraufführung lässt sich gerade auch an der Qualität der Sopranarie „Pie Jesu“ von Mirjam Rauch festmachen, die im geistlichen Bereich zum Allzeithit wurde. Die wohlig warme, ruhevolle Stimmung des Werkes mit einem von Harfenakkorden getragenen Sanctus wird durch majestätische Hosanna-Rufe des Chores aufgebrochen, das finale „In paradisum“ erinnert in seiner Abgeklärtheit entfernt an das „Ave Maria“ von Gounod. Zuvor erwächst im „Libera me“ profiliert ein Baritonsolo von David Höfel.
Insgesamt sind in der farbig angereicherten spätromantischen Tonsprache Faurés mit ihren chromatischen Verstrickungen die Anforderungen an die saubere Intonation des oft bis zu sechsstimmigen Chores enorm. Kleine einleitende Trübungen geben sich bald mit dem Eingewöhnen an die Akustik des gewaltigen Kirchenraumes, vergleichbar mit den französischen Kathedralen, für die die Komponisten jener Zeiten den zu erwartenden Nachhall bereits mit einkomponiert haben. Auch in Herz Jesu klingt der Chor von der Empore, wo er schon wegen der Nähe zum Organisten situiert sein muss, klarer als vom Altar aus, zudem macht sich die zuletzt erfolgte Reduzierung des überlangen Nachhalls durch den Einbau von Akustikelementen in der Kirche sehr positiv für ein klares, gut verständliches Klangbild bemerkbar.
Binder mit Einfühlung an der Orgel
Der Begleitpart an der Orgel klingt naturgemäß etwas anders als das Original, denn nicht alle verfügbaren Orchesterinstrumente lassen sich einfach auf die vorhandenen Register einer Orgel übertragen. Aber Helmut Binder findet mit seiner langjährigen Erfahrung, seinem guten Geschmack und stilistischen Gespür gerade an dieser fast einhundertjährigen Behmann-Orgel stets die besonderen Klangfarben und in der Balance zum Chor auch die idealen Mischungen. Die technischen Erfordernisse sind bei diesen meist ruhigen Tempi weniger groß als die gestalterischen, die er mit großem Einfühlungsvermögen bewältigt.
Ein idealer Partner auf Anhieb ist ihm dabei Clau Scherrer. Der Alte-Musik-Spezialist zeigt sich auch im Bereich der Spätromantik als kundiger Fachmann beim Einsatz der satten, wohllautenden Chorklänge, von denen mehr in Dur als in Moll stehen, mit entsprechender Wirkung im weiten Kirchenschiff.
Weit mehr als Programmfüller bilden drei weitere kurze Stücke von Gabriel Fauré, in denen sich Studierende der Gesangsklasse von Judith Bechter sehr überzeugend und routiniert präsentieren. Beim ersten, „En Prière“, ist das die Sopranistin Liv Cosima Kircher, beim „Ave verum“ sind es die Sopranistin Mirjam Rauch, die schon mit ihrem innigen „Pie Jesu“ aufhorchen ließ, gemeinsam mit ihrer Mezzo-Partnerin Asseman Mohammadbeigi, beide Stücke virtuos begleitet von Joelle Wachsmuth an der Harfe. Zum wunderbaren, zeitlos gültigen Ausklang dieses Konzertes wird Faurés melodiöses „Cantique de Jean Racine“, bei dem der Chor durch Helmut Binder mit sanften Stimmen in eine traumverlorene Orgelbegleitung eingebettet wird. Das Publikum erklatschte sich eine Wiederholung.