Ein Feldzug für die Geschichtsbücher: Joaquin Phoenix als Napoleon Bonaparte in Ägypten. (Foto: Sony/Apple)
Peter Niedermair · 08. Dez 2015 · Theater

Urologie von Wolfgang Mörth - Eine Produktion des Theater KOSMOS

Unlängst war Peter Niedermair im Theater KOSMOS in Bregenz und hat sich das neueste Stück „Urologie“ angeschaut. Hier ist seine Theaterkritik.

Das Thema


Die Urologie ist ein sehr vielseitiges Fachgebiet der Medizin. Es richtet sich an Männer und Frauen jeden Alters und ist diagnostisch wie operativ tätig. Für Männer geht es überwiegend um Prostataerkrankungen, Frauen sind häufiger von Inkontinenz betroffen. Nierensteine und Nierentumore gehen hingegen beide Geschlechter an. Die Urologie beschäftigt sich mit den weiblichen und männlichen Organen der Harnaufbereitung und des Harntransports. Darunter fallen die Nieren, Harnleiter, Harnblase und Harnröhre. Bei Männern erweitert sich dieses Spektrum um die Prostata, die Hoden und den Penis.

Zur Inszenierung


Das Stück gelingt auf der Bühne, nicht nur weil es einen hervorragenden Text von Wolfgang Mörth gibt, der stringent, aber auch sehr zwischen den verschiedenen Ebenen des Textes hin und her changiert, sondern auch weil es formal gesehen eine Komödie ist, die für das Thema am besten geeignet ist. Jagg konzentriert sich auf die Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Es gibt eine Einbettung des Stücks quasi einen Traumtext, den uns zu Beginn, um das alles klarzustellen, der Engel erzählt. Die Frauenfigur, gespielt von Caroline Mercedes Hochfelner, fungiert als durchgehende Erzählerin, die auch selbst ins Stück eingreift. Sie lässt auf der inszenatorischen Ebene das gesamte Stück leicht erscheinen, auch wenn der Stoff auf der Inhaltsebene nicht immer nur zum Lachen ist. Männer wissen ein Lied davon zu singen, zumal die 50plus. Der Engel zur Ouvertüre kommt in dieses Dreibett-Zimmer für Kassenpatienten in einem Krankenhaus an einem nicht näher bezeichneten Ort. Eine Tür mit der Aufschrift WC. Eine Tür ins Krankenzimmer. Inventar: Klinikbetten, ältere Modelle, nach wie vor gut in Schuss, mechanisiert und robust, was die drei Schauspielpatienten gleich an den Hebeln herumhantieren lässt.

Die Komödie


Ein Dreibettzimmer mit drei Männern aus drei Generationen: Vorhautverengung (jung) „Jungblut“, Blasenentzündung (mittel) „Mittelberger“, Prostatabeschwerden (alt) „Altmeier“. Alle drei naturgemäß nicht nur unterschiedlichen Grades gesundheitlich angeschlagen, sondern auch, was ihren männlichen Stolz und ihr Selbstverständnis, ein Mann in dieser Welt zu sein, angeht. Ein komödiantisches Spiel um diese drei Patienten und das für die Szenerie notwendige schulmedizinische Personal. In der urologischen Körperregion verdichten sich der Patienten Schmerzen, dorther rührt das individuelle Leiden, im physischen Epizentrum der Männlichkeit, so zumindest steht es im Programmheft des Theater KOSMOS, das derzeit noch bis Ende Jänner 2016 „Urologie“, ein Stück von Wolfgang Mörth zeigt. Die Premiere war fulminant, etwas mehr als zwei Stunden inklusive Pause, das Publikum war mit der Komödie hoch zufrieden, der Applaus lange anhaltend, die Inszenierung von August Jagg lautstark bejubelt. Und im Kern des Theaters die Schauspielerei. Hubert Dragaschnig in seiner Schauspielerei sei, sagte eine gute Bekannte nach der Vorstellung zu mir, halt eben wie alter Käse, formidabel. Auch die anderen Rollen sind bestens besetzt. Neben Dragaschnig überzeugen Maximilian Berlinger, Caroline Mercedes Hochfelner, Anwar Kashlan, Herbert Pendl und Michaela Spänle.

Das Wesen des Komödiantischen


Die Drei in ihrer Angst sind, man darf es so sagen, auf ihre individuelle Art Opfer, die sich der Routine der Ärztin und des nicht auftauchenden Primarius ausgeliefert sehen. Die Diagnosen sind ernst aber nicht tödlich, bei entsprechender Therapie sind die nach kurzer Zeit wieder in Freiheit. Es schmerzt dann noch einige Zeit, aber durchschnittlich hypochondrische Männer bringen das bei entsprechender Schonung gut hinter sich. Im Moment des fiktiven Theaterstücks jedoch sind sie Leidende, die ihre Schmerzen – wiederum je individuell verschieden – sehr überzeugend spielen, im und außerhalb ihrer Krankenbetten, die zugegeben etwas ältere Modelle sind, jedoch nicht weniger zweckdienlich. Diese Mörth’sche Komödie, die in der Theaterkonzeption durchaus tragische Züge annimmt, wie alle Komödien, wäre bald einmal ausgelitten, wenn es nicht einen inszenierbaren neuen Wendepunkt gäbe.

Das Warten auf den Primarius zieht sich in gewissen Spannungsmomenten dahin, nicht wirklich aufregend, seine Ankunft jedoch verzögert sich, die diesbezüglich relevanten Stehsätze sind bekannt. Doch die Visite des Herrn Primarius lässt auf sich warten, weil er einen runden Geburtstag feiert. Das Krankenhaus-Personal will ihm auf besondere Art und Weise gratulieren, die Patienten sind sich nach kurzem Widerstand einig, mit einer kleinen Einlage wollen sie sich in die Reihe der Gratulanten einreihen. In der Vorbereitung auf diese Performance wachsen sie über ihre Krankheit hinaus und werden – in willkommener Distanz zu ihren persönlichen Leiden – zu wiederum ganz normalen Männern, die alle etwas aus ihrem Erfahrungsschatz des Lebens beitragen können. Die Mittelberger’sche Blasenentzündung führt Regie, eine Situation, die einem das schauspielerische Alter Ego Hubert Dragaschnigs auf die Bühne bringt, changierend zwischen professionell gekonnt und ein bisschen schnell beleidigt, wenn es nicht nach seiner Regie geht, auf jeden Fall Dragaschnig at his best!, die Altmeier’sche Prostata kann singen, und wie, ein alter Fuchs, herrlich gar anzuschaun, wie Herbert Pendl sich ins Zeug schmeißt, und die Jungblut’sche Vorhautverengung versucht sich im Tanzen, Maximilian Berlinger in einer zurückhaltend schauspielerisch ausagierten Glanzrolle. Das gemeinsame Vorhaben bringt Personal und Insassen einander sehr viel näher, doch es läuft natürlich nicht so wie geplant, anders wäre das ja auch nicht inszenierbar. Die Mischung aus Visite und Geburtstagständchen eskaliert, das Schicksal fordert seinen Tribut. Wie das Stück weiter geht und wie es endet, soll mann und frau sich am besten selbst anschauen.

Das urologische Umland


Diese urologisch-komödiantische Höchstleistung des Theater KOSMOS hat all das Zeug, mit dem Text von Wolfgang Mörth, mit der Regie von Augustin Jagg und den grandiosen schauspielerischen Leistungen über Bregenz hinaus zu den Theatertagen nach Berlin eingeladen zu werden. Diese Inszenierung ist bestes Theater. Nicht unbedeutend ist die Textvorlage des Autors, dem es gelingt, in einer Fülle von Anspielungen außerhalb des literarischen Textes, fachliche Exkurse in die Medizin hinein, Referenzen an Gottfried Benn, Hans Magnus Enzensberger, Susan Sontag, Slavoj Zizek, Sören Kierkegaard, Robert Gernhardt und andere, eine thematische Klammer um das Stück zu konstruieren, die das Publikum lachen lässt, was ja therapeutisch gesehen seit der Antike als passables Heilmittel gilt, ein Stück, das ohne sexistische oder untergriffige Bemerkungen auskommt, auch der „Neigungswinkel“ ist durchaus eine aus dem Leben genommene Erfahrung, ob dieser nun im Text von Mörth steht oder nicht. Mann und Frau jedenfalls können sich bestens amüsieren und sind am Ende des Stücks zurück in einer Welt, in der urologische Phänomene zwar erlebbar schmerzhaft sind und sein können, etwa 80 % der Männer machen im Laufe ihres Lebens eine urologische Erfahrung, die jedoch in den allermeisten Fällen gut therapierbar ist.

Der Autor


Wolfgang Mörth, 58 Jahre, lebt in Bregenz, Autor von Theaterstücken, Erzählungen, Essays und Dokumentarfilmen, hat verschiedene  Anthologien herausgegeben und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „miromente“. Hat für das Theater KOSMOS bereits bei den Produktionen „Die 7 Todsünden“ (2011) und „Lampedusa“ (2012) den Text geschrieben. Ein Glücksfall. Mörth hat das entsprechende Gespür für Themen und deren Textierung. Nicht laut, dafür umso mehr in die Tiefe gehend.

Musik und Kostüme


In „Urologie“ wird man nicht mit elegischen Ouvertüren einer süchtig machenden suggestiven Musik verführt oder eingelullt, wie das heutzutage im Theater durchaus öfters vorkommt. Die Funktion der Musik ist eine, die das dramatische Geschehen der Komödie weiter treibt bzw. konterkariert, sie bricht und zum integralen Bestandteil der Inszenierung werden lässt. In der Kostümierung zitiert Constanze Wagner den Krankenhauslook der Gegenwart, Pyjamakittel, wie sie unvergänglich seit Jahren existieren. Wer hört sie nicht die Ehegattinnen, die einem seit eh und je in den Ohren liegen, man möge sich doch einen ordentlichen Pyjama zulegen, damit man auch etwas fürs Spital habe, wenn man ihn dann brauche. Auch die Ärztin und der Pfleger sind traditionell gewandet, eigentlich bruchlos. Einzig die Engelsfigur, die am Anfang auftaucht, zwischendurch in einzelnen Sequenzen spielerisch wie aus dem Nichts plötzlich ganz nahe zu den drei Patienten kommt, ist fashionable engelhaft. Die anderen erscheinen wie gerahmte Vignetten, die sich im Laufe der Komödie zu einem großen Tableau zusammenfügen.

Der urologische Diskurs


Die komödiantisch heitere Grundstimmung des Abends speist sich aus verschiedenen Registern, die der Autor des Stücks konsultiert hat. Dazu zählt einmal die fachmedizinisch-urologische Abteilung, die das Reden über urologische Fragen, Diagnosen und Probleme in der öffentlichen Diskussion längst nicht so tabuisiert sieht, wie sie doch einmal war. Heute reden Männer und Frauen – im Vergleich zu sagen wir mal vor 20, 30 Jahren – ziemlich unverklemmt über urologische Phänomene; etwas heikler wird es, wenn es um Themen wie Inkontinenz oder Impotenz geht. Konnte man vor einigen Jahren noch Unbehagen in der sprachlichen Artikulation vernehmen, ist das Ganze heute doch wesentlich aufgeklärter. Das hängt damit zusammen, dass Männer wie Frauen in allen Altersstufen mit urologischen Fragen konfrontiert sind, dass jedoch Gefühle von Scham heute offener besprochen werden. „Zwischen dem Nabel und dem Knie, bewegt sich die Urologie“ hat in dieser semantischen Einkleidung – wie in der rahmenden Vignette von oben – die Bedeutung der Auslassung, des Hindeutens, des Verklärens und des Nichtbenennens. Ulrich Greiner in seinem Buch „Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur“ beschreibt die historischen Verschiebungen der Schamgrenzen, u.a. auch wenn es um die Urologie geht. (Vgl. darin Richard Sennets Kulturkritik, Janet Frame und das Drama der Selbstbeobachtung, Jean Paul Sartre und der Blick des Anderen, Michel Foucault und die Disziplinierung des Körpers, und andere.)

Das Theater KOSMOS


Dragaschnig und Jagg müssen uns die Liebe zum Theater nicht mehr beibringen. Wir haben im Laufe der Jahre viele faszinierende Stücke auf der Bühne des Theater KOSMOS gesehen, eigentlich sehen dürfen, was ihrer persönlichen Haltung mehr entspricht. Theater war für die beiden Gründer von Anfang an Lust zur Auseinandersetzung. Sie waren freundlich, großzügig, couragiert, keiner von beiden stellte sich je über den Gegenstand der Beschreibung dessen, was sie im Theater vorfanden. Ihre Haltung war stets gesellschaftsbezogen. Sie war von der festen Überzeugung geprägt, Kultur habe mit der Auseinandersetzung gesellschaftlicher und politischer Fragen zu tun. Mit dem Menschen an sich und der Welt, in der er lebt. Dazu zählt das Theater im engsten Sinne; nicht im Duktus einer Bühne als moralische Anstalt, wie das noch bei Schiller der Fall war, aus einem anderen politischen Verständnis heraus. Man wünscht sich als Theatergeher weiter derart überzeugende Texte wie jenen von Wolfgang Mörth.

 

Regie Augustin Jagg, Bühne Peter Büchele, Musik Herwig Hammerl, Licht Stefan Pfeistlinger, Kostüm Constanze Wagner, Technische Leitung Alex Kölbl, Bühnenbau Israel Marquez Llobet, Requisite, Inspizienz Maria Keckeisen, Maske Arina Gmeiner, Garderobe Monika Loser. Produktionsleitung Karin Köstl.

Weitere Vorstellungen 29., 30. Dezember 2015 und 7., 8., 15., 22. Jänner 2015, jeweils 20 Uhr. Sonntagsvorstellungen 6. Dezember 2015 und 17. Jänner 2016, Beginn 17 Uhr.

Ausstellung I NACKTE MÄNNER ...
... mit Bleistift und Kohle, mit Tusche und Aquarell, mit Draht und Pelz und Strumpf, in Essig und Öl, auf Papier und Leinwand, auf Foto, mit und ohne, groß und klein, in Holz und Schnitt…
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Dauer der Ausstellung bis 22. Jänner 2016
Mo bis Do | 10 bis 16 Uhr | an Vorstellungstagen ab 18 Uhr